Interview Wie umgehen mit dem Erbe des Kolonialismus in Leipzig?

Auch in Leipzig gibt es noch Spuren des deutschen Kolonialismus. Mittlerweile ist - auch unter dem Einfluss der Denkmalstürze in Großbritannien und den USA - eine Diskussion darüber entbrannt, wie man mit diesem Erbe umgehen sollte. Heiß diskutiert wird u.a. die Person des ersten Zoodirektors Ernst Pinkert, der Völkerschauen mit Schwarzen menschen organisierte. Die nach ihm benannte Straße steht auf dem Prüfstand. Die Historiker Mathias Hack und Max Wegener von der Arbeitsgemeinschaft Postkolonial im Verein Engagierte Wissenschaft e.V. schlagen im Interview mit MDR ZEITREISE eine andere Lösung vor.

Warum erfolgt die Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe so spät?

Mathias Hack: Zwei Punkte von vielen sollen hier als Antwort genügen: Erinnerungspolitik und Deutungshoheit. In der westdeutschen Erinnerungspolitik stand lange Zeit die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und Holocaust an erster Stelle. In der DDR distanzierte man sich als antikolonialer Staat pauschal von dieser Vergangenheit, ohne sich näher mit ihr zu beschäftigen. Letztlich zeigt die Tatsache der Verzögerung sehr deutlich auf, dass die Perspektive der Betroffenen von Kolonialismus lange Zeit (und oftmals bis heute) keinen Platz im öffentlichen Diskurs fand. Nun erfahren wir zum ersten Mal ein Interesse seitens der Mehrheitsgesellschaft. Die Auseinandersetzung selbst wird schon seit Jahren geführt, aber erst jetzt wird sie auch gehört.

Wie wurde der Kolonialismus um 1900 herum in Deutschland gesehen?

Hack: Der Kolonialismus kann als ein zentrales Phänomen der Gesellschaft des deutschen Kaiserreiches betrachtet werden. Spätestens ab 1890 kommt es unter Wilhelm II. zu einer langsamen Neuausrichtung der deutschen Außenpolitik, die sich wohl am besten mit den zeitgenössischen Worten des "Drang nach Weltgeltung" beschreiben lässt. Bestandteil dieser Politik sind ein radikaler Nationalismus, Flottenaufrüstung und der Versuch, die kolonialen Besitzungen zu vergrößern. Im gesellschaftlichen Alltag drückt sich in Massenorganisationen wie dem "Alldeutschen Verband" oder der "Deutschen Kolonialgesellschaft" vielerorts eine regelrechte Kolonialbegeisterung aus. In zahlreichen Ortsgruppen der Deutschen Kolonialgesellschaft werden auch in mitteldeutschen Orten wie Leipzig oder Döbeln Vorträge über fremde "Menschenrassen" organisiert, Reise- und Erfahrungsberichte von "Kolonialhelden" gehört, für den Eintritt in die Schutztruppen mobilisiert, über die koloniale Wirtschaft diskutiert sowie Geld und Ausrüstung für Expeditionen gesammelt. Auf der anderen Seite gab es, trotz einer breiten gesellschaftlichen Akzeptanz für den Kolonialismus, aus unterschiedlichen Kreisen und Motivationen heraus auch Widerstand gegen die kolonialen Aktivitäten und die Abwertung anderer Menschengruppen, aus politischen und humanitärwn Gründen beispielsweise von Teilen der deutschen Sozialdemokratie sowie aus ökonomischen Gründen von liberalen Kreisen.

Wie war Deutschland als Kolonialmacht für die Kolonien?

Max Wegener: Deutschland hat sich in "seinen" Kolonien recht unterschiedlich "verhalten", was auch in den kolonialen Projekten begründet liegt. Während Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) als Siedlungskolonie gedacht war, wurde Kamerun fast nahezu als Plantagenkolonie betrieben. Kiautschou wiederum war ein wichtiger Flottenstützpunkt für das Kaiserreich im Pazifik. In jedem Fall jedoch war die deutsche Kolonialmacht personell nur relativ schwach vertreten im Verhältnis zum beanspruchten Gebiet und der Bevölkerung. So verließ sie sich, wie andere Kolonialmächte auch, auf technologische Überlegenheit beispielsweise im Bereich der Bewaffnung, Medizin und Mobilität, um ihre Herrschaft auszuüben. Gerade die militärische Überlegenheit wurde so oftmals zum ersten Mittel, um Konflikte zu lösen. In der Folge kam es daher auch zu mehreren als "Strafexpeditionen" verharmlosten Vernichtungskriegen und zum ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts, dem Genozid an den Ovaherero und Nama. Andere Erhebungen gegen die deutsche Kolonialherrschaft waren beispielsweise der als "Aufstand" herabgewürdigte Maji-Maji-Krieg oder der Wahehe-Krieg. Den deutschen "Schutztruppen" fielen auf diese Weise insgesamt über eine Million Menschen allein auf dem afrikanischen Kontinent zum Opfer. Den Besiegten wurde ihre Lebensgrundlage zerstört, die Gebeine ihrer Angehörigen und ihre Kulturgegenstände geraubt. Diese befinden sich bis heute zu großen Teilen in deutschen Museen wie beispielsweise auch dem Grassi-Museum für Völkerkunde in Leipzig.

Sie beschäftigen sich schon seit Jahren mit kolonialen Spuren in Leipzig. Was passiert nun mit Ihren Recherchen? Gibt es eine Bereitschaft in Leipzig, das postkoloniale Erbe kritisch anzutreten?

Hack: Durch die Proteste und Diskussionen um Denkmäler in den USA und anderswo erleben wir derzeit eine neue Sensibilität und Interesse, sich auch in Leipzig mit dem deutschen Kolonialismus und dessen Erbe kritisch auseinanderzusetzen. In diesem Zuge wird auch über die Umbenennung von Straßennahmen oder das koloniale Erbe heutiger Institutionen diskutiert, allerdings fällt die Intensität und Konsequenz sehr unterschiedlich aus. Mit dem Grassi-Museum, dem Leipziger Zoo und auch der Leipziger Missionsgesellschaft befinden wir uns seit Jahren in Gesprächen und in allen drei Fällen ist der Umgang mit dem kolonialen Erbe so verschieden wie es der jeweilige institutionelle Bezug zum Kolonialismus auch ist.

Gibt es noch Straßen in Leipzig, die nach Akteuren des Kolonialismus benannt sind?

Wegner: In Leipzig gibt es nur noch wenige Straßen, die einen eindeutigen kolonialen Bezug haben, maßgeblich aufgrund der DDR-Politik. Zur DDR-Zeit wurden bereits koloniale Straßennamen und Inschriften von Denkmälern entfernt. Dennoch gibt es in Leipzig-Mockau noch die Ernst-Hasse-Straße, benannt nach dem Schlüsselakteur der Deutschen Kolonialgesellschaft in Leipzig, außerdem die Ernst-Pinkert-Straße und Schule, die ja bereits Gegenstand einer städtischen Auseinandersetzung sind. Hinzu kommen allerdings noch einige Namen von Rassisten und Antisemiten, wie beispielsweise die Jahnallee.

Die Menschen damals haben anders gedacht, müssen sich aber am heutigen Werteverständnis messen lassen. Müssen wir ihre Namen aus dem öffentlichen Raum entfernen und Tabula Rasa machen oder können wir auch manches auf sich beruhen lassen?

Hack: Tabula Rasa ist aus unserer Sicht der falsche Weg. Dies würde zu einem erneuten Vergessen der Kolonialgeschichte führen. Für uns ist das Aufzeigen kolonialer Kontinuitäten ein Hauptschwerpunkt, denn nur durch sie lassen sich Rückschlüsse auf das koloniale Erbe in der heutigen Zeit ziehen. Kolonialgeschichte manifestiert sich nicht in Steinen, Straßennamen und unwürdigen Statuen, sie ist vielmehr ein immaterielles Erbe, das für Unrecht und Ungleichheit in unserer und anderen Gesellschaft sorgt. Wir kritisieren daher nicht die damalige Gesellschaft, sondern den derzeitigen Umgang mit dem kolonialen Erbe.

Wie sollten wir denn damit umgehen?

Wegener: Anstelle des Verschweigens oder Verwischens der Zeugnisse braucht es einen Perspektivwechsel. Dazu gehört beispielsweise das Aufzeigen der Tatsache, dass es zeitgenössisch in den damaligen Kolonien und auch in Deutschland Widerstand und Widerspruch gegen den Kolonialismus gab. Unter Perspektivwechsel verstehen wir zudem kulturelle Umdeutungen des kolonialen Erbes. Solche Umdeutungen hat es immer wieder gegeben, wie das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig beweist: zunächst wilhelminisches Kriegsdenkmal, dann Propagandakulisse für die Nazis, zu DDR-Zeiten ein Friedensdenkmal und schließlich ein soziokultureller Ort nach der Wende, wie beim Badewannenrennen der NaTo von 1993 bis 2015. Ähnliches kann mit kolonialen Denkmalen geschehen. Es braucht dafür Kreativität und die Bereitschaft, nicht mehr nur sich selbst und die eigene Geschichte ins Zentrum zu rücken. Wir haben mit den Menschen in den ehemaligen Kolonien eine gemeinsame Geschichte und diese Geschichte sollte im Sinne der Vielfalt und des Austausches im Vordergrund stehen und nicht die Zurschaustellung von Fremdherrschaft, Ausbeutung und Dominanz. Dazu gehört auch eine konsequent antirassistische Positionierung seitens der Stadtgesellschaft. Erst das Verständnis einer verflochtenen Globalgeschichte anstelle einer vermeintlich linearen Nationalgeschichte lässt uns die bis heute vorhandenen kolonialen Kontinutitäten sowohl hierzulande als auch in den ehemaligen Kolonien verstehen.

Die Arbeitsgruppe Postkolonial ist 2011 an der Uni Leipzig entstanden. Sie hat u.a. einen Stadtrundgang erarbeitet, der sich anhand lokaler Spuren mit der Kolonialgeschichte auseinandersetzt. Außerdem ist sie Teil des bundesweiten Decolonize!-Netzwerks.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | MDR Sachsenspiegel | 09. Juli 2020 | 19:00 Uhr