Zur Frankfurter Buchmesse Das letzte Buch der DDR

Es ist die Nacht vom 2. zum 3. Oktober 1990. Während am Brandenburger Tor in Berlin die Feier zur deutschen Einheit ihren Höhepunkt erlebt, erscheinen genau eine Minute vor Mitternacht die "Ostberliner Treppengespräche". Das letzte Buch der DDR.

Der Grafiker und Verleger Christian Ewald präsentiert sein Buch am Tag darauf auf der Buchmesse in Frankfurt am Main. "Umwerfend. Wirklich umwerfend. Vor dem Stand bildeten sich Trauben. War für mich fast unerklärlich. Aber es war, es hatte einen Magnetismus. Da ist das letzte Buch der DDR." Was in Frankfurt kaum einer ahnt: die dramatische Vorgeschichte des kleinen Kunstwerks aus der untergegangenen DDR.

Geheimnisvolles Manuskript

Ein paar Monate zuvor, mitten in der politischen Wende, bekommt Christian Ewald in Berlin-Köpenick Besuch. "Es kam jemand unter Vorbehalt muss ich sagen, hat das Manuskript ganz ängstlich an den Körper gepresst und hat gesagt, lesen, aber nur Sie! Und dann können wir drüber reden." Auf dem Höhepunkt der Wende, hat der Mann noch immer Angst, dass sein Buch in die falschen Hände geraten könnte.

Christian Ewald verschlingt förmlich das Manuskript und ist hell begeistert. "Die Zeit war so flirrig, die war so geladen, die war so atmosphärisiert sozusagen, dass der Text genau da rein passte und genau das, war meine Ansicht, musste ein Buch werden." Der literarische Abgesang auf kleinkarierte DDR-Funktionäre im eingemauerten DDR-Sozialismus wirft nicht nur einen kritischen Blick zurück, sondern thematisiert auch die Frage, was die Zukunft dem Osten Deutschlands bescheren wird.

Handgeschriebene Bücher und das Interesse der Stasi

Dass das Manuskript Christian Ewald so sehr aus der Seele spricht, hat mit seiner persönlichen Vorgeschichte zu tun. 1949 in Weimar geboren, wächst er als kritischer, junger Mann auf, der sich von keiner Politpropaganda vereinnahmen lässt. Er macht eine Lehre zum Schriftsetzer, wird Korrektor, Plakatmaler und studiert schließlich Grafik in Berlin. Hier gerät er ins Visier der Staatssicherheit.

"Bei mehreren Besuchen in der Gaststätte Marktbörse kam der IM zur Auffassung, dass sich in dieser Gaststätte Personen treffen, die uns bekannten Personen Sager, Ewald, Bauer, um sich dort über Fragen der Kulturpolitik, der Kunst und anderer politischer Fragen in einer Art und Weise unterhalten, die nicht der Politik unserer Regierung und Partei entspricht." Die Staatssicherheit ist auf Christian Ewald aufmerksam geworden, weil er in seiner Köpenicker Wohnung heimlich Bücher produziert.

Zensierter Buchdruck – mit einer Ausnahme

Bücher, Zeitungen, Betriebsanleitungen - in der DDR muss jeder Druck genehmigt werden. Ein Netz von Zensurbehörden überzieht das Land. Wer bei Verlagen kritische Texte einreicht, riskiert Gefängnis oder Berufsverbot, im besten Fall die Abschiebung in den Westen. Einzige Ausnahme, weil praktisch nicht kontrollierbar, sind künstlerische Unikate, wie die handgemachten Kunstbücher von Christian Ewald.

"Mit Illustrationen versehen, die man sogar hier ausklappen konnte. Das heißt also, die Seite verdoppelt sich jetzt um das Format und das sind dann de facto fast wie Bilder in dem Buch." Genähte Illustrationen, handgeschriebener Text. Die "Treppengespräche" lassen sich so nicht herstellen, das Manuskript ist zu umfangreich.

Gedruckt auf Einkaufstüten

Christian Ewald braucht eine Druckerei und Papier. Im Sommer 1990 in der DDR ein abenteuerliches Unterfangen. "Die Betriebe wurden abgewickelt. Die wussten nicht, wer ist der neue Eigner. Sie haben erstmal nicht weiter produziert, haben kaum noch was hergestellt, haben Lagerbestände verkauft." Ewald hat kaum Geld, muss improvisieren, nimmt, was er kriegen kann. Restbestände eines Landes im Untergang. Der Bucheinband aus Packpapier. Gedruckt für Einkaufstüten, die keiner mehr haben will.

"Der Papierproduzent konnte nicht liefern, das ging alles bis nach hinten. Und da dachte ich, wir sind wieder mal die letzten. Und da dachte ich halt, dann ist es das letzte Buch der DDR und das kommt dann eine Minute vor zwölf raus und damit war die Idee aus der Not, mit der Improvisation eigentlich geboren."

Improvisation als Produktionsprinzip. Überreste der Mangelwirtschaft werden so zum Kulturgut. Der Druck auf museumsreifer Technik zum Kunstobjekt. Die Buchwelt ist begeistert. Die "Ostberliner Treppengespräche" werden mit dem "Preis der Stiftung Buchkunst", als eines der "schönsten deutschen Bücher 1990" ausgezeichnet. Heute steht es sogar in der Kongressbibliothek in Washington.

Das letzte Buch wird das erste Buch

Aus dem letzten Buch der DDR wird die erste Edition der Verlag "Katzengrabenpresse". Aus dem Grafiker wird der Verleger Christian Ewald. Seit Herbst 1990 erscheinen in seinem Verlag jedes Jahr zwei neue Bücher. "Bei nur zwei Büchern pro Jahr, ist es natürlich eine sehr große Herausforderung, jedes so gut und besser zu machen, als das vorherige schon war." Ausschließlich Erstausgaben, im Bleisatz gedruckt, von Hand gebunden, in einer Gesamtauflage von nur 999 Stück. Jedes Exemplar ein kleines Kunstwerk, wie das letzte Buch der DDR.

(wds/hd)

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 09.10.2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Oktober 2018, 10:56 Uhr