Lothar die Maiziere
Lothar die Maizière Bildrechte: IMAGO

Die letzte DDR-Regierung Lothar de Maizière - Ministerpräsident

Ministerpräsident der DDR wollte der Musiker und Rechtsanwalt nicht werden und hatte dann auch ordentliche Bedenken, als er sich nach dem Wahlsieg vom 18. März 1990 genau in dieser Position wiederfand. Doch dann führte er die DDR gewissenhaft und unprätentios zur Wiedervereinigung.

von Michael Graupner

Lothar die Maiziere
Lothar die Maizière Bildrechte: IMAGO

Es ist nicht nur sein kaputtes Schienbein, das Lothar de Maizière am Abend des 18. März 1990 vom Feiern abhält. Während die Parteikollegen über die Hochrechnungen zur Volkskammerwahl jubeln, beschreiben Beobachter seinen Zustand als "verwirrt" und "unglücklich". Durch das Chaos im Palast der Republik verletzt er sich am Bein. Als er am nächsten Tag gefragt wird, ob er nun das Amt des Ministerpräsidenten übernehme, antwortet er: "Ich habe meine Zweifel, ob ich es machen soll. Deutlicher denn je."

De Maizière entstammt einem, wie er sagt, "aufgeklärten protestantischen Elternhaus". Von Nordhausen zieht die Familie nach Ost-Berlin, wo sich der Sohn bald an einem kritischen Diskussionskreis beteiligt. 1956 tritt er der Block-CDU bei. Er habe ein "Christ in diesem Staate sein" wollen; doch auch ein "Stück Opportunismus" habe eine Rolle gespielt.

Erste Karriere als Musiker

Von 1959 bis 1965 studiert de Maizière Viola in Ost-Berlin und arbeitet anschließend als Bratschist. Wegen einer Nervenerkrankung im linken Arm muss er den Beruf aufgeben. 1975 wird er Rechtsanwalt. Er vertritt Wehrdienstverweigerer und Dissidenten, als Regimekritiker tritt er selbst aber nicht auf. Seine Aufgabe sieht er darin,

für den in Bedrängnis Geratenen da zu sein, und zwar unabhängig davon, ob er selbst oder andere diese Situation verursacht haben.

Reformer der Ost-CDU

Am 10. November 1989 tritt der CDU-Vorsitzende Gerald Götting zurück. Die Partei wählt den unbelasteten de Maizière zum Nachfolger. Der "Reformer der Ost-CDU" wird Teil der Regierung Modrow; die CDU soll fortan den Erneuerungsprozess in der DDR mitgestalten. Erst nachdem eine europäische Friedensordnung geschaffen sei, könne man über die Einheit Deutschlands diskutieren, fordert er da noch.

Doch als Anfang 1990 die Einheitsdiskussion an Fahrt aufnimmt und de Maizière mit der Allianz für Deutschland bei der Volkskammerwahl eine Mehrheit holt, ist es an ihm, die Deutsche Demokratische Republik abzuwickeln.

Anwalt aller DDR-Bürger

So bildet er eine große Koalition und wird am 12. April als Ministerpräsident der DDR vereidigt. De Maizière ist weder Volkstribun noch ostdeutsche Identifikationsfigur. Aber er bekleidet sein Amt ruhig, glaubwürdig und unprätentiös:

Ich verstehe mich auch in meiner jetzigen Tätigkeit als Anwalt von 16 Millionen Bürgerinnen und Bürgern der DDR. Ihre Probleme sind meine Probleme.

So schafft er es, die friedliche Revolution von 1989 zu vollenden und einen ebenso friedlichen Weg zur deutschen Einheit zu ebnen. Die DDR-Bürger ermutigt er, sich in einem vereinten Deutschland so einzubringen, "wie wir sind, und […] was wir sind".

Nach der Wiedervereinigung beruft ihn Helmut Kohl zwar noch als Minister ohne Geschäftsbereich, doch eine Politkarriere bleibt de Maizière verwehrt. Das liegt auch an den Stasi-Vorwürfen, die im Dezember 1990 aufkommen. Er soll als IM für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) tätig gewesen sein. De Maizière bestreitet das, eine Prüfung der Unterlagen bringt keine Klarheit. Trotzdem legt er 1991 seine politischen Mandate nieder. Bis heute arbeitet der Vater dreier Kinder als Berater und Rechtsanwalt in Berlin. Auch, weil er nach dem 18. März 1990 nicht mehr gezögert hat, war Lothar de Maizière der Richtige für das Amt des letzten Ministerpräsidenten der DDR.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Die Staatsmacht, die sich selbst abschaffte. Die letzte DDR-Regierung im Gespräch", erschienen 2018 im © mdv Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale).

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im Fernsehen: MDR-Dok: Die letzte DDR-Regierung | 18.03.2018 | 22:25 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. März 2018, 16:36 Uhr