Medizingeschichte aus Halle Herz-Lungen-Maschine Marke Eigenbau

Es war ein uralter Mediziner-Traum: Operationen am stillstehenden Herzen, während eine Maschine die Herzfunktionen außerhalb des Körpers fortsetzt. In der DDR erfüllte sich dieser Traum im April 1962 - der Hallenser Chirurg, Professor Karl-Ludwig Schober, baute mit Kollegen in Eigenregie eine Herz-Lungen-Maschine, da sie - anders als die Kollegen in Leipzig - keine aus dem Westen bestellen durften.

OP-Team
Das Herz war das Organ, das bis Ende des 19. Jahrhunderts als das "Unberührbare" galt. Von der Idee, am Herzen zu operieren, während eine Maschine dessen Aufgaben übernimmt, vergingen bis zur Umsetzung Jahrzehnte. Bildrechte: Professor Günter Baust

Bei einem Besuch in einer ungarischen Klinik stößt Professor Karl-Ludwig Schober, Chirurg aus Halle, Anfang der 60er-Jahre auf einen Mediziner-Kollegen, der mit einer selbstgebauten Herz-Lungen-Maschine am Herzen operiert. Der rät dem Mediziner aus der DDR ganz pragmatisch, sich ebenfalls ein solches Gerät bauen zu lassen, denn Schober will solche Operationsmöglichkeiten auch für seine Patienten in Halle. Doch er hat ein Standort-Problem: Der Staat will, dass das Herzzentrum der DDR in Leipzig schlägt und nicht in Halle.

Der ehrgeizige Mediziner machte sich im Stillen ans Werk, auch wenn haltbare Silikonschläuche, hitzebeständiges Glas und hochwertiger Stahl nicht einfach be- oder hergestellt werden konnten. Schober suchte Verbündete - das Manfred-von-Ardenne Institut in Dresden arbeitet zwar unabhängig von staatlichen Auflagen und die Tüfteleien aus den Ardenne-Werkstätten sind im Ausland gefragt - doch für Schobers Herz-Lungen-Maschine hatte das Institut keine Zeit. Unterstützung für den Bau findet Schober an der Universität Halle-Wittenberg bei dem Physiologen Fritz Struß und dessen Mitarbeitern. Ungeheuer viele Details müssen geklärt werden: technische und chemische, Belastbarkeit der einzelnen Bestandteile berechnet, Auf- und Abbau der Einzelteile vor und nach der Sterilisation geplant, ein Konstruktionsplan- und Funktionsplan muss her. Nicht zuletzt müssen Schober und sein Team auch noch darauf achten, dass ihre eigenmächtigen Pläne nicht an die falschen Ohren gelangen.

Seitensprung nach West-Berlin

Doch was nützt das schönste technische Gerät, wenn man nicht weiß, wie es funktioniert? Kurzerhand fuhren die zwei Herzchirurgen, ein Biophysiker und ein Anästhesist im Privat-PKW nach Potsdam, setzten sich in die S-Bahn und reisten vermeintlich ganz privat nach West-Berlin. Dort beobachteten sie bei Kollegen in einer Klinik eine Operation mit einer amerikanischen Herz-Lungen-Maschine, fotografierten das Gerät, nahmen Maß, fertigten Konstruktionsskizzen an und löcherten die West-Kollegen mit Fragen über die Maschine und deren Funktionsweise.

Die Material-Odyssee

Ein besonders wichtiger Bestandteil der Maschine war in der DDR eigentlich nicht zu beschaffen: Edelstahl - Metall, das keinerlei chemische Verbindungen mit Blut eingeht, das glattpoliert, struktur- und formbeständig ist und nicht rostet. So etwas hat kein VEB übrig, die Materialmengen sind exakt bemessen und es lässt sich nichts abzweigen, auch nicht mit "Vitamin B". Die Mediziner bekommen den Tipp, es bei Schrotthändlern zu versuchen und finden nach mehreren Ausflügen auf Schrottplätzen der Region tatsächlich passende Stahlblöcke - offenbar Überbleibsel aus der Kriegsproduktion.

Auch die Suche nach Keilriemen wird zur Odyssee - jemand in Leipzig rät den Hallensern, es in Thüringer Dörfern zu versuchen. Gesagt getan, die Wissenschaftler durchforsten emsig verschiedene Örtchen - um von dort wieder nach Leipzig geschickt und dann tatsächlich die gesuchten Keilriemen zu ergattern. Regelrecht dreist beschaffen sie Röhren, indem sich die Wissenschaftler in einem Betrieb als Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums ausgeben und die Röhren mitnehmen. Die Produktion von hitzefesten, silikonhaltigen, von Mund geblasenen Glaszylindern beschleunigten die Mediziner in einer Werkstatt mit dem Hinweis darauf, dass auch der zuständige Meister, seine Kinder und Enkel einmal von der Herz-Lungen-Maschine profitieren könnten.

Postsendung: "Wichtige medizinische Materialien"

Schwierig war auch die Beschaffung von speziellen Kunststoffschläuchen. Sie kommen nach dem Besuch eines Chirurgenkongresses in München auf wundersame Weise wöchentlich per Post nach Halle, deklariert als "Wichtige medizinische Materialien". Die Hallenser hatten in München herausgefunden, dass die Schläuche nach den Operationen mehrfach verwendet werden könnten - obwohl sie dort nach einmaligem Gebrauch weggeworfen wurden. So ist langfristig für Nachschub in Halle gesorgt - zeitweise schicken die Münchner Krankenschwestern das Medizingut per Post. Einer der Münchener Chirurgen brachte das medizinische Material auch zu eigens von Schober organisierten Herz-Spezialistenreffen in Halle im Auto mit. Unterdessen entwickelten die findigen Hallenser eine Methode, die gebrauchten Einwegschläuche - mühsam per Handarbeit - so schonend zu sterilisieren, dass sie mehrfach benutzt werden können.

Die große Stunde Anfang April 1962: Operation mit der "Diva"

Beim ersten Einsatz der halleschen Herz-Lungen-Maschine am 3. April 1962 assistierten Mediziner-Kollegen aus Budapest, die fast eine Woche lang in die Eigenheiten des halleschen Modells eingewiesen wurden.

Geschichte

Schobers erster Patient, ein elfjähriger Junge, war mit einem Loch in der Vorhofscheidewand ins Krankenhaus eingewiesen worden. Kinder mit diesem Herzdefekt wurden damals kaum 20 Jahre alt. Die OP glückte. Mit Schobers selbstgebauter Herz-Lungen-Maschine wurden in den folgenden Jahren hunderte, auch immer komplexer werdende Operationen vorgenommen. Die Maschine, liebevoll "Diva" genannt, war bis 1972 im Dienst.

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts konnten Ärzte Patienten am Herzen operieren, wobei in den Anfängen solche Eingriffe binnen weniger Minuten ausgeführt werden mussten. Komplexe Herzfehler, die nicht in wenigen Minuten zu beheben waren, blieben so inoperabel. Das änderte sich in den 1950er-Jahren: Ärzte in den USA entwickeln die erste Herz-Lungen-Maschine. Sie macht das möglich, wovon Mediziner schon im 19. Jahrhundert geträumt hatten: Das Herz steht während der Operation still, zeitgleich übernimmt ein Apparat seine Funktion. Die neuartige Technik aus den USA wird in Deutschland das erste Mal 1958 in Marburg benutzt.

Quelle: Günter Baust: Karl Ludwig-Schober und die hallesche Herz-Lungen-Maschine. Verlag Janos Stekowics, 2011. Wettin-Löbejün OT Dößel

Über dieses Thema berichtet MDR Zeitreise auch im TV: Geschichtsmagazin mit Mirko Drotschmann | 09.10.2018 | 21:15 Uhr

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