Dokumentation auf MDR DOK Die NS-Zeit in Farbe: "Mitteldeutschland unterm Hakenkreuz"

Es waren keine professionellen Wochenschau-Kameramänner, die die Bilder vom Alltag in Mitteldeutschland während der NS-Zeit festhielten. Es waren Hobbyfilmer: auf 8mm-Film und - die eigentliche Sensation - in Farbe! Zu sehen sind die Aufnahmen in der Doku "Mitteldeutschland unterm Hakenkreuz" auf unserem Youtube-Kanal: MDR DOK.

Torgau 1938 Ritterfest.
Alltag in Torgau beim Ritterfest 1938 Bildrechte: DOKfilm Fernsehproduktion GmbH/Saeculum/ Agentur Höffkes

Das, wofür sie bereit waren, einen kostbaren Streifen Film zu opfern, wirkt zufällig, harmlos. Ein Mädchen hält ihre Puppe stolz in die Kamera, ein Bauer führt seine Pferde in die Saale zum sonntäglichen Bad. Eine Frau schält Obst und legt Gurken ein.

Eine Frau isst etwas aus einem Glas
Bildrechte: DOKfilm Fernsehproduktion GmbH/Saeculum/ Agentur Höffkes

Doch bei aller Privatheit ist die Politik allgegenwärtig: Beiläufig wird der rechte Arm zum Gruß gehoben, von jedem öffentlichen Gebäude, von jedem Ausflugsdampfer grüßt die Nazi-Fahne - und an beinahe jedem Wochenende gibt es irgendwo einen Aufmarsch mit Marschmusik: zum Betriebssportfest, zum 1. Mai, zum Erntedankfest.

Die Farbe der Filmaufnahmen lässt die Distanz, die historische Bilder oft haben, schrumpfen. Es ist, als wäre man direkt dabei im deutschen Alltag der Jahre 1933, 1934 oder 1939 - unterwegs mit den Menschen, die die Hobbyfilmer mit ihren Kameras begleitet haben.

Harmonie im Alltag der Diktatur

Käthe und Erich Höse aus Leipzig heiraten im August 1939. Ihre Hochzeitsreise beginnt in Ratibor, heute polnisch Racibórz. Die Oder ist hier zwar schon fast 100 Kilometer lang, doch sie ist noch schmal, kaum schiffbar. Mit dem Finger fährt Käthe Höse auf der Landkarte schon einmal die Route ab, dann wird das Boot zu Wasser gelassen.

Das Bad der Pferde in der Saale.
Käthe und Erich Höse sind mit dem Faltboot unterwegs. Ihr Ziel: Die Ostsee. Bildrechte: DOKfilm Fernsehproduktion GmbH/Saeculum/ Agentur Höffkes

Die Höses paddeln mit dem Strom nordwärts – Richtung Ostsee. Sie frühstücken im Morgengrauen, ein frei laufendes Huhn lässt sich mit Brotkrumen füttern. Lastkähne ziehen vorbei. Die große Freiheit in der Diktatur!

In den Jahren bis zum Kriegsbeginn zeigen die Amateurfilmbilder ein Land, das glaubte, glücklich zu sein. Nur in wenigen Aufnahmen kündet sich die Katastrophe an: in einer privaten Gasmaskenübung in Leipzig etwa, als im September 1938 beim Einmarsch ins Sudetenland der Krieg schon einmal zum Greifen nahe scheint.

Gasmaskenübung Leipzig 1938
Gasmaskenübung in Leipzig, 1938 Bildrechte: DOKfilm Fernsehproduktion GmbH/Saeculum/ Agentur Höffkes

Auch in den Filmaufnahmen von Käthe und Erich Höse bildet sich das kommende Grauen ab. Im Hafen von Stettin, den die beiden Paddler am 30. August 1939 erreichen, liegt das zum Lazarettschiff umgebaute Urlauberschiff "Stuttgart" - bereit, die ersten Verwundeten des Krieges aufzunehmen.

Musterung, Flakschützen und Lebensmittelmarken

Eine Frau beim Einkaufen mit Lebensmittelkarten in Leipzig.
Beim Einkaufen Bildrechte: DOKfilm Fernsehproduktion GmbH/Saeculum/ Agentur Höffkes

Der Alltag während des Zweiten Weltkrieges: von der Musterung im Freibad in Bitterfeld, von der Rationierung der Lebensmittel in Leipzig, vom Warten auf den Alarm in einer Flakstellung bei Halle, von der Evakuierung der Kinder aus den von Bombenangriffen bedrohten Großstädten ins thüringische Ranis.

Es liegt ein unterschwelliges Grauen in den Bildern der Amateurfilmer - die Katastrophe selbst zeigen sie nicht. Zu den letzten Bildern gehören Aufnahmen des unzerstörten Dresdens – und die vermutlich einzigen Farbaufnahmen der weltberühmten Silhouette mit der Frauenkirche, bevor die Stadt im Februar 1945 in Schutt und Asche versinkt.

Die Dokumentation auf MDR DOK Die zweiteilige Dokumentation "Deutschland unterm Hakenkreuz" läuft auf dem Youtube-Kanal MDR DOK sowie in der Mediathek. Der erste Teil beschäftigt sich mit der Zeit bis zum Kriegsausbruch und beleuchtet, wie sich die Katastrophe ankündigt. Im Fokus des zweiten Teils steht der Alltag während des Krieges.

Über dieses Thema berichtet der MDR in den Dokumentationen "MITTELDEUTSCHLAND UNTERM HAKENKREUZ": TV | 20.08.2019 | 22.05 Uhr