Muriel Baumeister spielt Ilse Koch
Bildrechte: MDR/Andreas Lander

Interview mit Muriel Baumeister "Ich musste 'das Böse' sein"

Bald nach der Befreiung des KZ Buchenwald im April 1945 begann die Geschichte von der grausamen Kommandeuse zu kursieren, ihre Vorliebe für Lampenschirme oder Handschuhe aus tätowierter Menschenhaut. Die Schauspielerin Muriel Baumeister stellt Ilse Koch in der MDR-Doku "Die Hexe von Buchenwald" dar. Wir sprachen mit ihr über die Herausforderungen der Rolle, ihre Leidenschaft für Geschichte und deren Vermittlung an die nächste Generation.

Muriel Baumeister spielt Ilse Koch
Bildrechte: MDR/Andreas Lander

Seit Sie mit 16 Jahren das erste Mal vor der Kamera standen, haben Sie in über 80 Rollen gespielt. Eine wie die der Ilse Koch in "Geschichte Mitteldeutschlands" war aber noch nicht dabei, oder?

So ist es tatsächlich. Historische Rollen gab es bereits, aber keine mit einem geschichtlich authentischen Hintergrund.

Auch die Form der Dokumentation war für mich eine neue Erfahrung. Koch ging ja als " Hexe von Buchenwald" in die Geschichte ein.

Überlegt man es sich bei dem Hintergrund dreimal, eine solche Rolle zu übernehmen?

Überhaupt nicht, ich fand das Angebot sofort toll. In ihren Anforderungen ist diese Rolle, auch wenn es in diesem Zusammenhang vielleicht makaber klingt, der Traum eines jeden Schauspielers. Das Ergebnis ist auch wirklich großartig geworden, sehr sehenswert, sehr interessant.

War Ihnen der Name Ilse Koch vorher ein Begriff?

Selbstverständlich. Das liegt daran, dass ich auf diesem Gebiet sehr bewandert bin und mich schon früher viel damit beschäftigt und sehr viel dazu gelesen habe.

Zum Beispiel über den Kinderreim, den fast alle kennen: "Ilse Bilse, keiner willse, kam der Koch und nahm sie doch" - ein Vers, der im KZ Buchenwald entstand, bezogen auf die Frau des Lagerkommandanten.

Viele Schauspieler haben ungewöhnliche Methoden, sich auf neue Filme vorzubereiten. Wie hielten Sie es für diesen Film in der MDR-Reihe zur "Geschichte Mitteldeutschlands"? Intensiv einlesen oder besser - so weit möglich - unbefangen angehen?

Es gibt wohl nach den Vorbereitungen kaum Informationen oder filmisches Archivmaterial, das ich nicht kenne. Die andere Variante wäre einfacher, aber auch fauler gewesen.

Eine große Herausforderung aber war, dass ich meist allein, ohne Mitspieler agieren und das "Böse" sein musste.

Gab es bei den Dreharbeiten Momente, in denen Ihnen Schauer über den Rücken liefen?

Ja, sehr viele. Unter anderem in der Szene, als Ilse Koch im Verhör gefragt wurde, ob sie denn nie bemerkt habe, wie schlecht es den Häftlingen ginge. Sie antwortete: "Nein, diesen Eindruck habe ich niemals gehabt."

Ist die Darstellung einer Figur schwieriger, wenn man weiß, dass sämtliche Facetten, die Brutalität und die Menschenverachtung, nicht der Feder eines Drehbuch-Autoren entsprungen sind?

Schauspielerin Muriel Baumeister im Gespräch mit Regisseur Pepe Pippig
Im Gespräch mit Regisseur Pepe Pippig (l.) Bildrechte: MDR/Andreas Lander

Ich fand es schwieriger. Es ist auf jeden Fall mehr Arbeit im Vorfeld, das Spielen selbst ist wieder einfacher: Man darf ja nicht vergessen, dass es hier nicht um eine Rolle geht, der ich Leben einhauche oder für die ich einen Charakter entwickeln muss.

Es ist unmöglich und zugleich auch nicht hilfreich, sich in diesem Fall in den Menschen hineinzuversetzen. Ich muss auch die Handlungen von Ilse Koch nicht nachvollziehen können. Das war ungewohnt. Für die Rolle war es nicht Aufgabe, Kochs Handlungen zu bewerten, das obliegt dem Publikum.

Sind geschichtliche Stoffe etwas, das Sie reizt?

Auf jeden Fall. Allerdings sind die ja nicht gerade üppig gesät. Man darf ja nicht vergessen, dass es für Schauspieler nicht so ist, dass man sagt: "Das will ich" - und dann bekommt man genau das.

Ich weiß, dass viele Menschen denken, man bekommt ganz viele Bücher und sucht sich immer die Lieblingsrollen heraus. Oft heißt es, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Ihre Tochter Frida ist jetzt sechs Jahre alt. Kann man einem Kind in diesem Alter erklären, für welche Rolle Mami derzeit vor der Kamera steht?

Das interessiert sie derzeit noch nicht. Allerdings hat sie mich vor dem Dreh erstaunt: Bei uns lagen überall Artikel und Fotos zu Ilse Koch herum. Frida fragte dann: "Mami, wer ist diese Frau? Die ist böse!"

Aus Ihrer Erfahrung mit Sohn Linus, der bereits 18 Jahre alt ist: Gibt es das optimale Alter bei Kindern, um mit ihnen über Themen wie KZ zu sprechen?

Nein, das gibt es nicht, aber meist bestimmen Kinder den passenden Moment selbst. Kinder fragen, wenn sie etwas wissen wollen oder etwas nicht verstehen. Darauf muss man dann mit Feingefühl reagieren - und vor allem auch einen passenden Moment finden, um es zu erklären. Da kann es besser sein zu sagen: "Darauf antworte ich dir, wenn wir zu Hause sind.", solange das nicht nur eine Ausrede ist, sich davor zu drücken.

(Gekürzte Fassung des Interviews aus der "mittendrin" 08 / 2012)

Zuletzt aktualisiert: 15. September 2015, 15:11 Uhr