Machtergreifung in der Mitte Deutschlands Der "Mustergau" Thüringen im Nationalsozialismus

Der "Mustergau Thüringen" war ein Experimentierfeld, auf dem erprobt wurde, wie die Bevölkerung gleichgeschaltet und das nationalsozialistische Gedankengut am besten umgesetzt werden konnte. Vieles von dem, was nach der Machtergreifung 1933 in ganz Deutschland geschehen würde, war zuvor in Thüringen erdacht und erprobt worden.

von Tom Fugmann

Im August 1926 erlebte der Kunstsammler und Schriftsteller Harry Graf Kessler den ersten Parteitag der NSDAP im Weimarer Nationaltheater. Er notierte: "Die Straßen wimmeln heute Nachmittag von Hakenkreuzlern in grauen Joppen und grauen Stürmern mit Hakenkreuz und Stahlhelm-Abzeichen. Je mehr man von ihnen sieht, umso mehr verstärkt sich der Eindruck, dass die meisten heruntergekommener Mittelstand sind. Die Hakenkreuztruppen, etwa 3.000 Mann, bilden ein Carre; die Mitte des Platzes bleibt leer. Nach beendetem Aufmarsch verschwinden die Fahnen und erscheinen nach einigen Minuten wieder auf dem Balkon des Nationaltheaters, wo jetzt zwei Dutzend blutrote Hakenkreuzfahnen den Hintergrund zu Ludendorff im schwarzen Gehrock bilden. Das ist das Wesentliche, der ernste Sinn dieser theatralischen Schaustellung: eine öffentliche Verschwörung zum Zwecke eines Staatsstreichs."

Früher Aufstieg der Nationalsozialisten

Es war der Beginn des Aufstiegs der NSDAP und Adolf Hitlers. Im national gesinnten Bürgertum Weimars fiel die Propaganda der Nationalsozialisten auf fruchtbaren Boden. In Thüringen feierten sie auch ihren ersten parlamentarischen Sieg: nach den Landtagswahlen vom 8. Dezember 1929 wurde die NSDAP zum ersten Mal an der Regierung eines Landes beteiligt. Wilhelm Frick wurde zum ersten nationalsozialistischen Minister Deutschlands. Am 23. Januar 1930 wurde er vom Landtag zum Innen- und Volksbildungsminister gewählt. Und er ließ keinen Zweifel daran, wohin die Reise gehen sollte. Im Verlauf seiner Amtszeit nahm er mit seiner Politik die ab 1933 in ganz Deutschland etablierte Diktatur vorweg: er säuberte den Beamtenapparat und besetzte wichtige Posten mit NS-Vertrauensleuten. Erich Maria Remarques Erfolgsbuch "Im Westen nichts Neues" wurde für alle Schulen und Bibliotheken des Landes verboten, Schulgebete wurden eingeführt gegen die "Verseuchung des deutschen Volkstums durch fremdrassige Unkultur".

"Entartete Kunst" und "Judenboykott"

Unter dem nationalsozialistischen Landesinnenminister Wilhelm Frick wurden bereits 1931 Bilder aus dem Weimarer Museumsbestand als "entartete Kunst" aussortiert. Gleichzeitig trieben die Nationalsozialisten den personellen Austausch in Polizei und Landesverwaltung voran.

"Mustergau Thüringen"

Drei Jahre später fuhr die NSDAP bei den Wahlen zum Thüringer Landtag einen erdrutschartigen Sieg ein - sie kam auf 42,5 Prozent. Den Nazis war es in den Dörfern im Thüringer Wald gelungen, eher links eingestellte Wählerschichten an sich zu binden. Speziell das kleinbürgerliche Milieu verspürte auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise Angst, nach Weltkrieg und Inflation erneut alles zu verlieren. Am 26. August 1932 wurde Fritz Sauckel, der Weimarer Gauleiter der Partei, zum Ministerpräsidenten gewählt.

Alle Macht ausnutzen

Porträt des NSDAP-Gauleiters in Thüringen, Fritz Sauckel
Fritz Sauckel Bildrechte: IMAGO

Wie er seine politische Macht nutzen wollte, hatte Sauckel schon drei Tage vor seiner Wahl angedeutet: "Wir werden in diesem Hause alle Macht, die wir durch die Wahl aufgrund unseres Kampfes in 13 Jahren erreicht haben, ausnutzen." In seiner Regierungserklärung sprach er von seiner Idee eines völkischen Staatsaufbaus. Fritz Sauckel stimmte sich eng mit Adolf Hitler ab, dem er treu ergeben war. Der "Mustergau Thüringen" war fortan ein Experimentierfeld, auf dem erprobt wurde, wie die Bevölkerung gleichgeschaltet und das nationalsozialistische Gedankengut am besten umgesetzt werden konnte. Vieles von dem, was nach der Machtergreifung 1933 in ganz Deutschland geschehen würde, war zuvor in Thüringen erdacht und erprobt worden. Bereits im Dezember 1932 hatte Sauckel zum landesweiten "Judenboykott" aufgerufen, der zu dieser Zeit allerdings ohne Wirkung blieb.

Nazi-Verstrickungen an der Universität Jena

Ehemaliges Gauforum Thüringen der NSDAP im Nationalsozialismus, heute Thüringer Landesverwaltungsamt in Weimar.
Einstiges "Gauforum" der NSDAP in Weimar Bildrechte: imago/imagebroker

Eine besonders unrühmliche Rolle bei der Durchsetzung des nationalsozialistischen Gedankenguts spielte die Universität Jena, wo die menschenfeindliche Rassetypisierung ebenso zeitig praktiziert wurde wie der Antisemitismus. Schon Ende 1922 beschloss die Jenaer Klinikerschaft, „die ersten vier Bänke ihres Auditoriums "Ariern" vorzubehalten“. Drei Jahre später stellte die NSDAP im Landtag den Antrag, "die Jenaer Universität für ausländische Juden und jüdische Dozenten zu sperren". Die Entwicklung der Fächer Rassenkunde und Rassenhygiene wurde an der Universität Jena vorangetrieben. Als am 1. Oktober 1930 der nichthabilitierte Philologe Hans F.K. Günther , auch als "Rasse-Günther" tituliert, einen Lehrstuhl für Sozialanthropologie antrat und seine Antrittsvorlesung hielt, war Adolf Hitler anwesend. Die Einrichtung eines solchen Lehrstuhls für "Rassen"-Anthropologie war sein ausdrücklicher Wunsch gewesen. Thema der Antrittsvorlesung: "Über die Ursachen des Rassenwandels der Bevölkerung Deutschlands seit der Völkerwanderungszeit".

Das erste Konzentrationslager Deutschlands

Am 3. März 1933, knapp fünf Wochen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, wurde in Nohra bei Weimar das erste Konzentrationslager Deutschlands errichtet. Es befand sich auf dem Gelände einer Schule für Wehrertüchtigung. Die ersten Insassen waren etwa 200 Kommunisten, die aus überfüllten Thüringer Gefängnissen ins KZ transportiert gebracht wurden. Nur wenige Wochen später wurde es wieder aufgelöst, ein Fliegerverband wollte das Gelände nutzen. Nachfolgeeinrichtung wurde das KZ Bad Sulza. In der Kurstadt funktionierten die Nazis ein ehemaliges Sanatorium in ein KZ um. Von November 1933 bis 1937 wurden hier vermutlich fast tausend Häftlinge festgehalten, die im Steinbruch und beim Straßenbau schufteten. Im Juli 1937 erreichteten die Nazis das Konzentrationslager Buchenwald.


Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV-Magazin "Zeitreise", am: 30.01.2018 | 21:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Januar 2018, 14:51 Uhr