"Nackt unter Wölfen" Bruno Apitz und die Buchenwaldrezeption in der DDR

Es ist eine Geschichte, in der Menschlichkeit über die unfassbaren Gräuel im Konzentrationslager Buchenwald siegt: "Nackt unter Wölfen". Der Roman von Bruno Apitz erschien 1958 und wurde ein Millionenerfolg. Der Stoff berührte zu DDR-Zeiten tausende Menschen. Viele erinnern sich bis heute an die Lektüre des Buches, die in der DDR Schulstoff war. Wie sehr das Thema "Buchenwald" von der SED politisiert wurde, lässt sich anhand der Entstehungsgeschichte des Romans gut nachvollziehen.

Der Roman prägt den Gründungsmythos der DDR

Es ist bis heute eine Geschichte, die fast jeder aus der "Generation DDR" kennt. Eine Geschichte, die anrührt und zugleich betroffen macht: Ein dreijähriges jüdisches Kind wird im Konzentrationgslager Buchenwald vor der SS versteckt und von Kommunisten gerettet. Die Geschichte heißt "Nackt unter Wölfen" und wird von Bruno Apitz erzählt, der selbst acht Jahre im KZ Buchenwald inhaftiert war.

Nach der Veröffentlichung 1958 löst "Nackt unter Wölfen" ein gewaltiges Echo aus, wird zum meistverkauften Buch in der DDR, Pflichtlektüre in den Schulen und international in 17 Sprachen übersetzt. Der Osten liest es als ein Symbol für den antifaschistischen Widerstand, als ein Zeichen, dass Antifaschisten auch unter den unmenschlichsten Bedingungen noch menschlich bleiben. Mit seinen eindeutigen Botschaften gegen Faschismus und Krieg prägt das Buch den Gründungsmythos der DDR mit - und auch die historische Wahrnehmung von Buchenwald.

Apitz will dem Widerstand ein Denkmal setzen

Das alles lässt sich nicht erahnen, als sich Bruno Apitz sich Mitte der 1950-er Jahre daran macht, die Geschichte aufzuschreiben. Während seiner Lagerzeit hat er sich dies zum Ziel gesetzt, doch als es an den Schreibtisch geht, kommt der Autodidakt nur mühsam voran - und findet zunächst keine staatliche Unterstützung. Trotdem hat er den dringenden Wunsch, das Erlebte zu Papier zu bringen. Seine Frau Marlis "Kiki" Apitz lernt ihren Mann 1955 kennen und erinnert sich, dass er an Schreibkrämpfen und unter starken Selbstzweifeln litt.

Das war auch so ein Ergebnis aus der Lagerzeit: Dass wenn er schrieb, und diese mechanische Tatsache des Schreibens, Stifthalten, zerfetzte dann das Papier. Er war seiner Hand dann gar nicht mächtig. Das waren alles Hindernisse und auch Zweifel waren Hindernisse. Zweifel am eigenen Können und 'Wie mach' ich das' und vor allen Dingen inhaltlich 'wie werde ich dem gerecht'.

Marlis Aptiz, Witwe von Bruno Apitz

Seine Schreibabsicht ist, so sieht es die historische Forschung heute, vor allem eine Ehrenrettung seiner Kameraden in Buchenwald. Bruno Apitz kommt 1937 in das kurz zuvor errichtete KZ auf dem Ettersberg bei Weimar. Schon im Jugendalter gerät der gebürtige Leipziger wegen seiner kommunistischen Überzeugungen in Haft. Dass er acht Jahre in Buchenwald überlebt, verdankt er wohl vor allem seinen handwerklichen Talenten. Zunächst gestaltet er Kunstgegenstände für die SS, dann macht er sich in der Pathologie nützlich - und entgeht so den mörderischen Arbeitskommandos. Apitz erlebt aber auch mit, wie die politischen Häftlinge im Lager gezwungenermaßen die SS unterstützten - und durch ihren Einfluss allerdings auch Leben retten konnten. Beauftragt und angetrieben von den SS-Wachmannschaften hielten sie unter anderem den Tötungsbetrieb in den Lagern am Laufen. Erzwungene Entscheidungen über Leben und Tod, die sich heute unmöglich bewerten lassen.

Konflikte wurden im Buch verhindert

Auch damals macht es Bruno Apitz Probleme, die Konflikte literarisch aufzugreifen. Als er nach mehreren Absagen sein Manuskript bei einem Verlag unterbringt, muss er inhaltlich Kompromisse machen, um das Buch später veröffentlichen zu können. So geht ein Transport, den die Funktionshäftlinge zusammenstellen müssen, nicht mehr ins KZ Bergen-Belsen und damit in den sicheren Tod, sondern stattdessen vage "ins Ungewisse". Obwohl Apitz seine Charaktere vielschichtiger angelegt hatte, auch Hierarchien und Kämpfe unter den Lagerinsassen schilderte, verhindern die Kulturfunktionäre in der DDR entsprechende Stellen, um den Mythos der Menschlichkeit nicht in Frage zu stellen. So entsteht ein "geschöntes" Bild vom Leben in Buchenwald.

Umso vager der Roman blieb im Detail, umso politisch nützlicher war er eigentlich. Vor allen Dingen deshalb, dass er dann nur eine reine Heldengeschichte wurde. Die große Gefahr steckte vor allem darin, dass es zu einer negativen Verwertung des Kommunismus oder der Kommunisten im Lager selbst kommt.

Lars Förster, Historiker

Roman und Film sind ein großer Eefolg

1963 wird der Stoff von der DEFA aufwendig verfilmt. Apitz ist daran unmittelbar beteiligt - als Drehbuchautor und in einer Kleinrolle. Der Film läuft noch im gleichen Jahr erfolgreich auf dem Moskauer Filmfestival, bringt der DDR dadurch international Prestige ein und Apitz selbst seinen zweiten Nationalpreis. Trotz allem ist er wohl auch in seinen letzten Lebensjahren innerlich von der Partei entfremdet, der er seinen Erfolg zu verdanken hatte und die er vielleicht auch deshalb nie offen kritisiert hat. 1979 stirbt Apitz im Alter von 78 Jahren.

Funktionshäftlinge Von der SS für eine bestimmte Funktion ausgewählte Häftlinge, zum Beispiel Blockälteste, Lagerälteste, Lagerpolizei. Die Funktionshäftlinge bildeten die unterste Stufe der Bewachungshierarchie in Konzentrationslagern und erleichterten der SS die Überwachung. Im Verhältnis zu ihren Mitgefangenen hatten die Funktionshäftlinge Vorteile wie bessere Kleidung und bessere Unterbringung. Sie konnten sich freier bewegen und ihre begrenzte Machtposition nutzen, um die brutalen Lagerbedingungen etwas zu mildern oder ihren Mitgefangenen das Leben zusätzlich zu erschweren. In jedem Fall waren sie selbst der ständigen Kontrolle der SS ausgesetzt.

Funktionshäftlinge wurden mit einer Armbinde gekennzeichnet.

Die "Kapos" waren ebenfalls Funktionshäftlinge und hatten den Befehl über die Arbeitskommandos inne.

Buchtipp Förster, Lars: "Bruno Apitz. Eine politische Biographie",
250 Seiten,
Berlin: be.bra wissenschaft verlag 2015,
ISBN: 978-3-95410-054-5,
Preis 36,99 Euro

Zuletzt aktualisiert: 15. September 2015, 13:21 Uhr