Szene aus "Reinhard Gehlen - Der Topspion und die Nazis" in der MDR-Reihe zur Geschichte Mitteldeutschlands 2012
Mit den personellen Verstrickungen des BND befasst sich seit 2011 von der Behörde selbst eingesetzte Historikerkommission. Zwei der Experten, Prof. Rolf-Dieter Müller und Prof. Dietmar Henke, geben in der MDR-Doku bereits jetzt Einblicke. Bildrechte: MDR/Geschichte Mitteldeutschlands

Hintergrund Ehemalige Nazis im BND

Im Jahr 2011 hat der BND gemeinsam mit dem Bundeskanzleramt eine Unabhängige Historikerkommission zusammengestellt. Ihr Auftrag ist es unter anderem, die Nazi-Vergangenheit von ehemaligen BND-Angestellten zu prüfen. Damit lässt der deutsche Auslandsnachrichtendienst erstmals eine wissenschaftliche Aufarbeitung seiner Gründungszeit unter Reinhard Gehlen zu. Eine ähnliche Initiative gab es in den USA bereits im Jahr 1998, als der amerikanische Nachrichtendienst CIA im Rahmen des so genannten "Nazi War Crimes Disclosure Act" streng geheime Akten für ausgewählte Historiker zugänglich machte. Diese Dokumente enthalten auch aufschlussreiche Informationen über die Nazi-Vergangenheit vom ehemaligen BND-Mitarbeitern.

Szene aus "Reinhard Gehlen - Der Topspion und die Nazis" in der MDR-Reihe zur Geschichte Mitteldeutschlands 2012
Mit den personellen Verstrickungen des BND befasst sich seit 2011 von der Behörde selbst eingesetzte Historikerkommission. Zwei der Experten, Prof. Rolf-Dieter Müller und Prof. Dietmar Henke, geben in der MDR-Doku bereits jetzt Einblicke. Bildrechte: MDR/Geschichte Mitteldeutschlands

Emil Augsburg

Besonders ausführlich ist in den CIA-Akten der Fall von Emil Augsburg beschrieben. Dieser wurde 1934 vom Geheimdienst der SS rekrutiert und arbeitete sich bis 1944 zum Grat eines SS-Sturmbannführers herauf. Wie aus seiner SS-Akte hervorgeht, erledigte er in Polen zwischen 1939 und 1941 wiederholt so genannte "Spezialaufgaben" - ein Euphemismus für die Ermordung von Juden und Regimegegnern.

Obwohl die polnischen Behörden ihn nach 1945 wegen seiner Kriegsverbrechen suchten, nutzten die Amerikaner ihn von 1947 bis 1948 als Sowjetexperten - angeblich sogar ohne sein Wissen. Das Magazin "Der Spiegel" berichtete in seiner Ausgabe vom Dezember 1949, Augsburg habe geglaubt, für seinen ehemaligen NS-Vorgesetzten und späteren BND-Kollegen Franz Six zu arbeiten. In Wirklichkeit kamen seine Aufträge jedoch von einem CIA-Mitarbeiter.

"Ein Geschenk des Himmels"

Noch bevor die CIA Augsburg 1948 als Informanten fallen ließ, beschäftigte ihn bereits die Organisation Gehlen als Anwerber für neue Agenten, denn er besaß immer noch gute Kontakte. Aus den CIA-Akten geht hervor, wie wertvoll die Organisation ihn einschätzte. Ein Mitarbeiter bezeichnete ihn 1959 sogar als "Geschenk des Himmels". Gehlen selber blieb diesem Geschenk gegenüber jedoch kritisch und bestand zumindest bis 1954 darauf, dass Augsburg außerhalb der Kommandozentrale in Pullach arbeitete.

Spätestens im Zusammenhang mit dem Skandal um Heinz Felfe geriet dann auch Augsburg schnell unter Verdacht, ein sowjetischer Doppelspion zu sein. 1964 prüfte der BND seine SS-Akte und versuchte ihn anhand dieser zum freiwilligen Ruhestand zu bewegen. Daraufhin soll Augsburg gedroht haben, die BND-internen Untersuchungen zur Nazi-Vergangenheit der Mitarbeiter publik zu machen. Auf diese Weise blieb er noch einige Jahre im Dienst des BND - nach Angaben der CIA bis 1966. Andere Quellen sprechen allerdings davon, dass der BND ihn erst 1968 mit der Begründung, er habe Gelder falsch abgerechnet, aus dem Dienst drängen konnte.

Wilhelm Krichbaum

"Krichbaum ist einer der übelsten Leute bei Gehlen. Der ist per Definition Hauptschuldiger und müsste eigentlich für alle Zeiten entlassen werden“, so beschrieb der Historiker Professor Dietmar Henke[ den ehemaligen Chef der Geheimen Feldpolizei (SD) der Wehrmacht, Wilhelm Krichbaum. Der geborene Wiesbadener trat bereits kurz nach dem Ersten Weltkrieg in die NSDAP ein. Nach der Machtergreifung, 1933, war er für die Gestapo in Dresden tätig und arbeitete sich anschließend an die Spitze der Geheimen Feldpolizei. Nach dem Krieg leugnete er -  über dessen Berliner Schreibtisch zahlreiche Schandtaten der Geheimpolizei gegangen sein müssen - vehement seine Mittäterschaft an NS-Verbrechen.

Im Juli 1948 erklärte ihn die Spruchkammer Bad Reichenhall schließlich für entlastet. Somit stand einer neuen Geheimdienstkarriere an der Seite von Reinhard Gehlen nichts mehr im Wege. Noch vor Gründung der Bundesrepublik im Jahr 1949, warb Krichbaum für Gehlens Organisation ehemalige SS-Kollegen an, unter anderem den KGB-Doppelspion Heinz Felfe. Erwähnung fand Krichbaum auch in den 1998 freigegebenen CIA-Akten. Der US-Geheimdienst kommt zu dem Schluss, dass er wie Felfe ein Doppelspion für die Sowjets war - und zwar bereits seit 1950. Lange bevor Felfe und zahlreiche andere Doppelspione enttarnt und bestraft wurden, verstarb Krichbaum 1957 im Alter von 61 Jahren. Auch für seine Arbeit als Chef der Geheimen NS-Feldpolizei wurde er somit nie zur Rechenschaft gezogen.

Carl Theodor Schütz und Friedrich Panzinger

Mit Augsburg und Krichbaum ist die Liste der BND-Mitarbeiter mit NS-Vergangenheit nicht abgeschlossen. Eine steile Karriere im Nachkriegsdeutschland machte zum Beispiel Carl-Theodor Schütz. Bis 1963 war er, ein ehemaliger SS-Hauptsturmführer, Leiter der BND-Untervertretung Rhein-Ruhr und das, obwohl er im Krieg die Erschießung von hunderten Geiseln nahe der italienischen Hauptstadt Rom befehligt hatte.

Ein anderer Fall ist Friedrich Panzinger. Als hoher Gestapo-Funktionär führte er 1943 eine Einsatzgruppe im Baltikum, die KZ-Häftlinge liquidierte. Wie aus Akten der CIA hervorgeht, wurde er nach dem Krieg zunächst von den Sowjets gefangen genommen. Diese ließen ihn 1956 jedoch frei - mit dem Auftrag, für sie die Deutschen auszuspionieren. Zurück im Westen enthüllte Panzinger der Organisation Gehlen den sowjetischen Plan und wurde fortan als Doppelspion unter deutscher Führung gegen die Sowjets eingesetzt. 1959 wollte ihn das bayrische Justizministerium für seine Kriegsverbrechen zur Rechenschaft ziehen. Doch Panzingers Verhaftung unterblieb zunächst, weil sich die Organisation Gehlen für ihn einsetzte. Als er wenig später doch verhaftet wurde, beging er Selbstmord in seiner Zelle.

Wilhelm Harster

In anderen Fällen gibt es bislang lediglich starke Indizien für eine Zusammenarbeit ranghoher früherer Nationalsozialisten mit dem deutschen Geheimdienst. So zum Beispiel bei dem ehemaligen SS-Kommandeur Wilhelm Harster, der während des Dritten Reichs in seiner Funktion als Befehlshaber von SD und Sicherheitspolizei in den Niederlanden und in Italien die Deportation tausender Juden ins KZ mitplante und durchführte.

In den CIA-Akten ist die Zahl von 104.000 Juden genannt, an deren Tod sich Harster mitschuldig gemacht haben soll. Die Akten sprechen auch davon, dass Harster nach dem Krieg mit dem BND kooperiert - wenn auch nicht als offizieller Mitarbeiter. So soll er zumindest viele seiner SS-Kontakte an den deutschen Geheimdienst weiter geben haben. Bis zu welchem Grad der BND unter Reinhard Gehlen ihn und andere Nazi-Verbrecher beschäftigt hat, ist noch unklar. Die Unabhängige Historikerkommission will Licht in diese Sachverhalte bringen. Ihre endgültigen Ergebnisse werden allerdings frühestens 2015 erwartet.

Zuletzt aktualisiert: 09. September 2012, 20:15 Uhr