1934: Die deutsche Volksfront Wer war Hermann Louis Brill?

(1895-1959)

Der Sozialdemokrat und Staatsrechtler Hermann Brill stammt aus kleinbürgerlichen Verhältnissen im thüringischen Gräfenroda. Er kam am 9. Februar 1895 zur Welt. Sein Vater war Schneidermeister und Mitglied der SPD.

Nach der Schule besuchte der junge Brill das Gothaer Herzog-Ernst-Seminar zur Lehrerausbildung. Im Oktober 1918 trat er der USPD bei und weniger als zwei Jahre später zog er zum ersten Mal als Abgeordneter in den Thüringer Landtag in Weimar ein, dessen Mitglied er ohne Unterbrechung bis 1933 blieb. Nachdem bereits im Januar 1930 eine bürgerlich-nationalsozialistische Koalition die Regierung in Thüringen übernommen hatte, begann für Brill die Zeit des aktiven Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Als Mitglied des thüringischen Staatsgerichtshofes sowie als Abgeordneter des Landtags bemühte er sich, vor allem die Politik des nationalsozialistischen Innen- und Volksbildungsministers Wilhelm Frick zu hintertreiben. Als Vorsitzender eines Untersuchungsausschusses, den der thüringische Landtag zur Durchleuchtung der Praktiken Fricks 1932 eingesetzt hatte, lud Brill auch Hitler als Zeugen vor. Dieses Zusammentreffen war für Brill ein Schlüsselerlebnis. Er fasste den Entschluss, sich Hitler "... jederzeit, überall, unter allen Umständen ..." zu widersetzen.

Wegen "Hochverrats" ins Zuchthaus, weil "nicht besserungsfähig" ins KZ

Die eher abwartende und passive Haltung des Parteivorstands der SPD während der nationalsozialistischen Machtübernahme leitete Brills Bruch mit der Partei ein. Im Mai 1933 trat er aus der SPD aus. Zusammen mit Otto Brass und anderen gründete er ein Jahr später in Berlin die "Deutsche Volksfront". In dieser Zeit verfasste er zahlreiche Denk- und Flugschriften. Nachdem die Gestapo 1938 die Arbeit der "Volksfront" aufgedeckt hatte, musste Brill zunächst wegen Hochverrats für vier Jahre ins Zuchthaus Brandenburg-Görden. Im Dezember 1943 internierte man ihn dann als "nicht besserungsfähigen Häftling" in Buchenwald.

Hier entstand das so genannte "Buchenwalder Manifest", ein Regierungsprogramm für eine deutsche Volksregierung. Es ist der einzige ausformulierte politische Entwurf für ein neues Deutschland nach dem Dritten Reich, der im linken Widerstand erarbeitet wurde.

Ulbrichts späte Rache an Brill

Nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald im April 1945 wurde Brill als erster Häftling entlassen. Von den Amerikanern erhielt er den Auftrag, einen Plan für den administrativen Neuaufbau Thüringens zu erarbeiten. Die neuen Machthaber ernannten ihn zum offiziellen Berater für den Stadt- und Landkreis Weimar.

Ab Anfang Juni 1945 war er der erste Regierungspräsident des Landes Thüringen nach dem Zweiten Weltkrieg. Am 1. Juli wurde Thüringen jedoch Teil der sowjetischen Besatzungszone. Nur zwei Wochen später setzte die sowjetische Militäradministration Brill auf Betreiben Walter Ulbrichts als Regierungspräsidenten ab. Ulbricht beglich damit eine noch offene Rechnung aus dem Jahr 1923, als Brill einen Putschversuch der KPD in Thüringen verhindert hatte.

Unerwünscht in Thüringen

Noch während seiner Zeit als Regierungspräsident hatte sich unter Federführung Brills am 8. Juli 1945 in Weimar der "Bund demokratischer Sozialisten - SPD" (BdS-SPD) gegründet. In den Augen Brills hatten SPD und KPD in der Weimarer Republik versagt. Um den demokratischen Sozialismus zu realisieren, mussten beide Parteien nach seiner Auffassung miteinander verschmelzen. Doch seine Vorstellungen über den Neuanfang der Arbeiterbewegung in Deutschland kollidierten mit denen der sowjetischen Besatzungsmacht. Zweimal wurde Brill verhaftet und verhört. Schließlich erklärten ihn die sowjetischen Machthaber in seinem Heimatland Thüringen zur Unperson. Er gab die Leitung des BdS-SPD in Thüringen auf und ging Ende 1945 zunächst als Berater der amerikanischen Militärverwaltung nach Berlin.

Von Juli 1946 bis 1949 war Brill Chef der hessischen Staatskanzlei in Wiesbaden. Später arbeitete er als Berater der hessischen Landesregierung und blieb bis zu seinem Tod 1959 in dieser Funktion. Brill nahm am Verfassungskonvent von Herrenchiemsee teil und hatte so auch Anteil an der Gestaltung des Grundgesetzes. Dem Bundestag gehörte er von 1949 bis 1953 an.

In Frankfurt am Main und Speyer lehrte Brill als Honorarprofessor Verfassungsgeschichte und Staatslehre. Die Einführung der Politologie als Studienfach geht auf ihn zurück. Im letzten Jahrzehnt seines Lebens verfasste Brill etliche Publikationen zu heute noch aktuellen Themen wie den Rechtsfragen der Wiedervereinigung oder den Fragen einer Verwaltungsreform.

Hermann Louis Brill starb am 22. Juni 1959 in Wiesbaden.

Zuletzt aktualisiert: 01. November 2016, 12:22 Uhr