Hintergrund: Die GeStaPo Allmächtig und Allgegenwärtig

Die Geheime Staatspolizei – GeStaPo – wurde 1933 gegründet. Hauptaufgabe: Beobachtung und Bekämpfung politischer Gegner. Es entsteht ein flächendeckendes Netz von Beamten und Spitzeln.

Himmler bei Lagerbesuch
Von 1936 an unterstand die Gestapo Heinrich Himmler. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Finstere Typen mit schwarzen Ledermänteln lauern an Hauseingängen und Straßenecken. Verbrechervisagen deuten auf die Herkunft aus dem Bodensatz der Gesellschaft hin. Erst das brutalste Regime aller Zeiten spülte sie nach oben. Hinter jedem "Volksgenossen" steht er, der beamtete Agent oder Spitzel. Schon schiefe Blicke bringen manchen ins KZ. Alle Verweigerung, aller Widerstand, ist hoch gefährlich, wenn nicht unmöglich. Dieses eingängige Bild von der Allmacht der Geheimen Staatspolizei hat jahrzehntelang unsere Vorstellungen über den Alltag unter dem Naziregime bestimmt. Dieses Bild nun, belegen neuere Forschungen, ist falsch.

Dürftige Personalausstattung

Seit der kanadische Historiker Robert Gellately Mitte der 1990er-Jahre das Wort "Gestapo-Mythos" prägte, wurde die rechtfertigend gemeinte Überlieferung einer allmächtigen, allgegenwärtigen Geheimpolizei der Nazis obsolet. In Deutschland untersuchten Klaus-Michael Mallmann, Gerhard Paul und andere den Alltag nationalsozialistischer Herrschaft - und gelangten zu überraschenden Resultaten: Weder erlaubte die dürftige Personalausstattung der Gestapo eine flächendeckende Überwachung, noch waren deren Angehörige unbedingt krankhafte Verbrechertypen.

Komplexe Wirklichkeit

Am deutlich verbrecherischen Charakter des Apparats, des Regimes insgesamt, besteht freilich kein Zweifel - nur ist die Wirklichkeit eben komplexer, als es "volkspädagogisch" über ausgedehnte Phasen bundesrepublikanischer wie DDR-Geschichte wünschenswert schien.

Wurzel schon im Nazireich

Der Mythos Gestapo, argumentiert Gellately, habe seine Wurzel schon im Nazireich: Direkt nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten installierten die neuen Herrscher den Fliegerhauptmann Göring als Innenminister, dann als Ministerpräsidenten des größten deutschen Teilstaats Preußen. Der Polizeichef de facto und de jure bezog das Personal für sein ergebenes Geheimpolizeikorps vor allem aus fachkundigen Beamtenkreisen der Weimarer Republik.

Terror und Beamte

Langgediente "demokratische" Kriminalkommissare und -inspektoren, wie der erste Gestapochef Rudolf Diels, übertrugen ihre Beamtenloyalität und Kenntnisse aus dem Kampf gegen linke Parteien fast nahtlos in das, was sie als Deutschland im Aufbruch verstanden. Unter Heinrich Himmler, Reichsführer SS und ab 1936 Chef der reichsweit vereinheitlichten Polizei, änderte sich daran zunächst wenig. Trotz Zuzugs nationalsozialistischer Überzeugungstäter, Amateure aus Sicht der alten Experten, blieb das Terrororgan Gestapo ein Beamtenapparat mit kleiner Personaldecke. Deshalb streute man öffentlichkeitswirksam, etwa mit lobhudelnden Zeitungsartikeln, Allmachtsmärchen.

Den spärlichen, aber ehrgeizigen Nachwuchs während der Anfangsjahre des Hitlerregimes beschreibt Gerhard Paul so: "Es waren keineswegs Desperados und verkrachte Existenzen, die mit dem Gesetz bereits in Konflikt geraten waren, sondern Kinder aus bester Gesellschaft, oft mit humanistischer Schulbildung und ausgezeichnet mit dem Doktortitel der Jurisprudenz, aus denen sich die regionale Gestapo-Elite rekrutierte: ganz normale Akademiker." Die Tatsache, dass diesen karrierebewussten, im Geist der Neuen Sachlichkeit erzogenen Intelligenzbestien auch echte Schläger an die Seite traten, ist davon nicht berührt. Aber waren es Greiferscharen?

Pro Mann eine Kleinstadt

Gerade 410 Gestapobeamte und -angestellte recherchierte etwa die Historikerin Elisabeth Kohlhaas für Berlin, die Millionenmetropole und Hochburg des Widerstands, im Jahr 1935. "Die Stapostellen in der 'Provinz'," stellt Kohlhaas fest, "hatten demgegenüber nur 1.417 Bedienstete aufzuweisen; das waren im Schnitt 44 pro Dienststelle und damit pro Regierungsbezirk... Im (deutschlandweiten) Durchschnitt kamen auf einen Angehörigen der Staatspolizei rund 25.000 Einwohner - durchaus also eine Kleinstadt."

Grundsätzlich geduldet

Allwissend, allgegenwärtig, allmächtig - wie soll das bei den paar Leuten gegangen sein? Nun, jene Behörde, die heute symbolhaft für nationalsozialistische Unterdrückung steht, wusste viel, wenn auch nicht alles, hörte viel, wenn auch nicht alles - manchmal mehr, als ihr kapazitätsmäßig lieb gewesen sein konnte. Das Schlüsselwort heißt Denunziation: "Die Geheime Staatspolizei entwickelte sich in einem Klima, das trotz vereinzelter Widerstände von grundsätzlicher Duldung und Zustimmung gekennzeichnet war," konstatiert der Historiker Hans-Joachim Heuer.

Instrument privater Konfliktlösung

"Die Gestapo wurde seitens der Bevölkerung sogar zu privaten Konfliktlösungen instrumentalisiert. Denunziationen in Form von Anzeigen nahmen ein Ausmaß an, das die Arbeitskapazität der Geheimen Staatspolizei in Frage stellte und das Personal dazu zwang, diese Anzeigen zurück zu weisen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen", so Heuer. Sozialneid, der edle Zweck, geschäftliche oder berufliche Konkurrenten auszuschalten, Eifersucht - solche Motive rangierten bei den häufig unerwünschten Denunziationen, welche die Gestapo heraus filterte und die meist keine Verfolgung auslösten, an prominenter Stelle.

Die etablierte Mitte

Motivation und soziale Herkunft der Denunzianten hat Jan Ruckenbiel in seiner im Jahr 2003 veröffentlichten Dissertation analysiert. Aufschlussreich ist hier unter anderem die Feststellung, "dass ein großer Anteil politisch Verfolgter eher dem Rand als der Mitte der Gesellschaft zuzurechnen war. Diese Beobachtung", schreibt Ruckenbiel gelinde naiv, "korrespondierte so gar nicht mit den positiv besetzten Vorstellungen von Menschen, die gegen den Nationalsozialismus protestierten." Denunzianten hingegen kamen - wie ihre Ansprechpartner im Amt - nicht zuletzt aus der etablierten Mitte.

Zur Geschichte der nationalsozialistischen Unterdrückungsmaschinerie gehört gewiss mehr, als das hier ins Zentrum gestellte Wirken der Gestapo vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Ausgehend auch von 1936 quasi gesetzlich fixierter Rechtlosigkeit gegenüber Maßnahmen der Gestapo, nahm die Brutalität des bürokratischen Apparats während der Folgejahre dramatisch zu. Eine wichtige Rolle spielte dabei die immer engere Verflechtung von Gestapo, Kripo, SS, SD und grüner Ordnungspolizei von 1939 an unter dem Dach des Reichssicherheitshauptamts (RSHA).

Massenhaftes Töten

Ohne mitteleuropäisches Beispiel ist - ab Ende 1939 - das Wüten der zum Teil aus Gestapo-Angehörigen bestehenden "Einsatzgruppen" in den besetzten Gebieten. Der einst gehütete Unterschied zwischen im Selbstverständnis loyalen, pflichtgetreuen Polizeibeamten und perversen Sadisten verwischte dort - beim massenhaften Töten von Juden, Partisanen und sonstigen unliebsamen Bevölkerungsschichten. Dabei gemachte Radikalisierungserfahrungen hatten - wie zahlreiche weitere Untersuchungen zeigen - Rückwirkungen auf das Agieren der Gestapo auf originär deutschem Gebiet.

"Hiwis" aus ganz Europa

Umgekehrt setzte die Gestapo, personell nie im Überfluss schwimmend, die Methode des reaktiven, auf Denunziationen reagierenden Handelns ebenso in den besetzten Gebieten ein. Es war, insofern, nur ein kleiner Schritt bis zum Anwerben lokaler Freiwilliger, den "Hiwis" und "Askaris" praktisch aller vom Krieg betroffenen europäischen Nationen. "Autochthone Hilfskräfte", wie der Historiker Hans-Heinrich Wilhelm es nennt, waren - sei es in Polen, auf dem Balkan oder im Westen - an Verfolgungen aktiv, als Greifer in geringfügig veränderten SS- und Wehrmachtsuniformen, oder "passiv", als Denunzianten, beteiligt. Bodenständige ethnische Konflikte und Antisemitismen lieferten die Motivation.

Unbequeme Sichtweise

Finstere Gestalten, die in Ledermänteln an Straßenecken lauern, lassen sich in der Regel leicht erkennen. Das schlechthin Böse steht dann nämlich außen. Überwacht ein Volk aber gleichsam sich selbst, verblassen die Grenzen zwischen Opfern und Unterdrückern. Verhalten von Menschen ist schwerer zu verstehen, wenn die Repression von innen, aus der eigenen gesellschaftlichen Mitte kommt - sobald Machtstrukturen ins Zügellose tendieren. Zudem ist solche Sichtweise schmerzhaft und unbequem. Jan Ruckenbiel hat das Ziel mythenfreier Untersuchung im gegebenen Zusammenhang formuliert, so dass wir seine Forderung hier nur zu zitieren brauchen: "ein Gedächtnis, welches über den speziellen Fall des Nationalsozialismus hinaus das Wissen um Eigenarten des Umgangs von Menschen miteinander bewahrt, und, wissend um die conditio humana, vor Rückfällen schützt."

Michael Schmittbetz (09.11.2006)

Gestapo-Mitarbeiter nach 1945 "So wie die Gestapo insgesamt, so ist auch die Geschichte ihrer Bediensteten nach 1945 von einem Mythos umwoben, der mit der Realität wenig gemeinsam hat," schreibt der Experte Gerhard Paul.

Keineswegs fand die Mehrzahl Positionen im neuen, (west-) deutschen Polizeiapparat, obwohl es solche Fälle gab. Manch hochrangiger Gestapomann tauchte ab in die Illegalität, und lebte unter falschem Namen ein bescheidenes Dasein.

Strafrechtliche Verfolgung traf in den Nachkriegsjahren relativ wenige. Besonders der Nordwesten Deutschlands, die britische Besatzungszone, bot exzellente Möglichkeiten vorläufigen Untertauchens.

Es überrascht kaum, dass ehemalige Gestapo-Angehörige gern die Wirtschaft als Sprungbrett für den zweiten Karriereanlauf nutzten: Hier reichte das Spektrum vom kleinen Versicherungsvertreter bis zum gut situierten Firmenchef.

Ab 1951, als Folge von Koreakrieg und verschärfter Systemkonfrontation, stand ohnehin das Zudrücken beider Augen auf dem Programm: Zunächst revidierte US-Hochkommissar McCloy von US-Militärgerichten verhängte Strafen, bald verankerte zudem der ins Grundgesetz eingefügte Artikel 131 Integration als übergeordnetes Ziel.

"Die Forderung nach Strafe," fasst Gerhard Paul zusammen, "trat hinter tagespolitische Erwägungen zurück."

Zuletzt aktualisiert: 29. März 2011, 09:31 Uhr