Ein KZ-Arzt erinnert sich Die Aufzeichnungen des August Heinrich Bender

Wer ist August Heinrich Bender? Bender war von 1938 bis 1939 und von August 1944 bis 11. April 1945 Lagerarzt im Konzentrationslager Buchenwald.

Bender wählte Häftlinge aus, die für das Nebenlager in Ohrdruf ein neues "Führerhauptquartier " bauen sollten. "Voll arbeitsfähig und kräftig" sollten die Häftlinge sein, gibt er später zu Protokoll, aus 4.000 bis 5.000 hatte er 3.000 auszuwählen. Weit nach Kriegsende, als Bender sich als Arzt in einem bürgerlichen Leben eingerichtet hat - schreibt er seine Erinnerungen auf. Fernab von Thüringen und seinem alten Wirkungskreis, in einem Dorf in Nordrhein-Westfalen, wo keiner seine Vergangenheit kennt. Seine Notizen zeichnen ein schwärmerisches Bild von Ilse Koch, der Frau, die als "Hexe von Buchenwald" bekannt geworden war.

Benders Werdegang im NS-System

Der SS-Offizier August Heinrich Bender kommt 1938 als zweiter Lagerarzt ins Konzentrationslager von Buchenwald. Zuvor war er fünf Jahre lang Mediziner bei der SS-Totenkopf-Standarte von Thüringen. Über sein Wirken im KZ auf dem Ettersberg bei Weimar gehen die Aussagen auseinander. Einerseits wurde im Buchenwald-Prozess in Dachau 1947 bezeugt, Bender sei an der Selektion von Häftlingen für Außenkommandos und deren Misshandlung beteiligt gewesen. Andererseits gibt es Berichte, Bender habe sich bei den Gefangenen in Buchenwald sogar einer gewissen Beliebtheit erfreut.

Benders verschiedene Aussagen über Ilse Koch

In seinen Aufzeichnungen, die er 1993 verfasst, hält er sein Wirken als Lagerarzt im KZ auf dem Ettersberg ab 1938 fest. Darin schwärmt er von Ilse Koch. Ilse Koch ist die Frau des Lagerkommandanten. Die Stenotypistin aus Dresden wurde als "Hexe von Buchenwald" bekannt. Sie soll befohlen haben, Häftlinge zu schlagen, zu ermorden und zu häuten. Angeblich besaß sie selbst Lampenschirme und Handschuhe aus Menschenhaut. Lagerarzt Bender sieht Koch jedoch in ganz anderem Licht - er beschreibt sie in seinen als "hoch gebildet". Eine "Schönheit" sei sie gewesen. Dagegen hatte er im Buchenwald-Prozess von 1947 noch behauptet, Ilse Koch nicht zu kennen. Bender war damals zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. 1945 war Bender zusammen mit zahlreichen anderen SS-Männern festgenommen worden. Nach einer zweijährigen Internierung im US-Gefangenen-Lager Bad Aiblingen in Oberbayern wurde er am 14. August 1947 im Buchenwald-Prozess wegen Mithilfe und Teilnahme an Gewaltverbrechen zu zehn Jahren Haft verurteilt. Doch bereits ein Jahr später wurde er entlassen.

"Arzterei ohne Krankenkasse" - Der Fund im Bundesarchiv Koblenz

Über seine Zeit als KZ-Arzt in Buchenwald hat Bender nach dem Krieg nie gesprochen, jedoch schrieb er seine Erinnerungen daran 1993 nieder. Nach seinem Tod im Jahr 2005 ging das handschriftliche Manuskript gemeinsam mit seinem Nachlass in den Besitz des Bundesarchivs in Koblenz über. In seinen Aufzeichnungen schwärmt er:

"Arzterei - ohne Krankenkasse und den damit verbundenen Bürokraten-Kram. Das war eine feine Praxis! Nie wieder habe ich später so ungebunden arzten können."

August Heinrich Bender, KZ-Arzt in Buchenwald

Auch über das Kommandanten-Ehepaar Karl und Ilse Koch hat Bender einiges zu berichten. Karl Koch beschreibt er als "üblen Typen", der sich mit Syphilis infizierte und sich, um es geheim zu halten, von zwei Häftlingen behandeln ließ. Danach habe er dafür gesorgt, dass die beiden auf einem Transport in ein anderes Lager ermordet werden. Als Koch selbst nach einem großen Korruptions-Prozess gegen ihn am 5. April 1945 von der Gestapo in Buchenwald hingerichtet wird, ist auch Bender anwesend, wie aus seinen Aufzeichnungen hervorgeht:

Feuer wie üblich, ein Schuss in die Stirn.
Letzte Worte von Koch: 'Jungens, schießt gut!' Schneid hatte er.
Ausstellung des Totenscheins. Affäre Koch beendet.

Aus den Aufzeichnungen von August Heinrich Bender, KZ-Arzt in Buchenwald

Leben auf dem Ettersberg: Die schöne Kommandeuse und die erlesene Küche

Karl Kochs Frau Ilse steht bei Bender deutlich höher im Kurs. Er beschreibt sie als "hoch gebildet", eine "Schönheit", die das Zeug zum Filmstar gehabt hätte: "rötliche lange blonde Locken, schneeweiße Haut, grünliche Augen ... Und erst die Figur!" Überhaupt scheint ihm das Leben auf dem Ettersberg ein Fest:

"Die Küche der Kommandantur: Der Koch, natürlich ein Häftling, war Chefkoch des Berliner 'Hotel Adlon'. Erlesene Speisen, zum Teil a la carte und Getränke bester Güte. Das war dort ein Leben, morgens, mittags, abends. Von dieser Küche aus wurde auch die Führersiedlung versorgt, dort wurde nicht gekocht!"

Aus den Aufzeichnungen von August Heinrich Bender, KZ-Arzt in Buchenwald

500 Gramm Brot, ein Liter Krautsuppe, ein Löffel Marmelade, etwas Margarine - das war dagegen die offizielle Tagesration eines Häftlings. Tatsächlich aber gab es in Buchenwald für die meisten Gefangenen noch weniger, weil etwa Kommandant Karl Koch mit den Lebensmitteln auf dem Schwarzmarkt Handel trieb.

Ob im Lager tatsächlich Gefangene auf Grund ihrer Tätowierungen getötet wurden, ist bis heute nicht bewiesen, wohl aber, dass man in Buchenwald im großen Stil tätowierte Hautteile konservierte. Das steht auch in den Erinnerungen des Lagerarztes Bender. Für seine Unterkunft wollte er jedenfalls kein "solches Schreckgespenst". So wie Ilse Koch ihre vermeintliche Obsession dafür im Prozess leugnet.

Wiedersehen hinter Gittern: Als Gefängnisarzt im Kriegsverbrechergefängnis zu Landsberg

Seine Sympathie für Ilse Koch stellt Bender jedoch nicht nur in seinen Memoiren unter Beweis, sondern auch, als er Ilse Koch nach dem Krieg in Landsberg wiedertrifft. Die ehemalige Gattin des KZ-Kommandanten von Buchenwald sitzt dort nach der Verurteilung zu lebenslänglichem Zuchthaus im Buchenwald-Prozess im Kriegsverbrechergefängnis ein - und sie erwartet ein Kind von einem Mithäftling. Bender arbeitet dort inzwischen als Gefängnisarzt. In seinen Aufzeichnungen schreibt er, er habe die alte Bekannte während ihrer Schwangerschaft "so gut es ging" versorgt.

Bender ist es auch, der Ilses Koch rät, ihren Sohn möglichst im Gefängnis zur Welt zur bringen. Er schreibt: " Wir befanden uns auf amerikanischem Boden! Das Kind wäre vom Augenblick der Geburt an ein amerikanischer Staatsbürger gewesen! Ilse vertraute meinem geburtshilflichem Können und war mit meinem Plan einverstanden." - Doch aus dem Plan wird nichts. Sechs Wochen vor der Entbindung verlegen die Amerikaner Ilse Koch in das städtische Krankenhaus Landsberg. Am 29. Oktober 1949 wird ihr Sohn Uwe dort als deutscher Staatsbürger geboren. Nach wenigen Wochen nimmt sich die Fürsorge des Kindes an und Ilse Koch kehrt ins Gefängnis zurück. Sie wird nie mehr in Freiheit leben.

Beliebt als Hausarzt, Kultur- und Naturfreund

Bender hingegen ließ sich als Hausarzt im nordrheinwestfälischen Dörfchen Kelz nieder, einem Örtchen mit kaum mehr als 1.000 Einwohnern. Hier war der Sturmbannführer a.D. beliebt als Arzt, und engagiert sich als Mitglied des Kultur- und Naturfreundevereins. Über seine Vergangenheit sprach er nie. Am 29. Dezember 2005 starb er im Alter von 96 Jahren.

Zuletzt aktualisiert: 26. August 2012, 20:15 Uhr