Zeitzeuge Burkhardt
Bildrechte: MDR/Geschichte Mitteldeutschlands

Interview mit Erich Burkhardt "Der Kessel war Front"

Erich Burkhardt aus dem sächsischen Oelsnitz war in einer Infanteriedivision der 6. Armee als Fahrer an der Ostfront eingesetzt. Über seine Erlebnisse in Stalingrad und seine "Begegnung" mit Friedrich Paulus sprach er mit Christian Schulz. Einen Auszug lesen Sie hier.

Zeitzeuge Burkhardt
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Als Sie in Russland im Krieg waren, kannten Sie Paulus? Fiel der Name Paulus damals irgendwann?

Nein. Wir wussten, wer unser Kompanieführer ist. Wir wussten auch, wer Bataillons-, Regiment- oder Divisionsführe war. Aber was dann kam, so weit hat der Soldat nicht gedacht. Von Paulus hatten wir nie was gehört - bis Stalingrad.

In welchem Moment in Stalingrad hörte man dann den Namen Paulus?

Das war während der Kämpfe und vor allem nach Weihnachten. Als der Russe die Flugblätter an die Generäle abgeworfen hat. Da drauf stand sinngemäß: "An die Generäle, Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten der 6. Armee: Ergebt euch, euer Kampf ist aussichtslos. Euch erwartet gute Unterkunft, gutes Essen und baldige Heimkehr." Das war am 8. Januar 1943. Weiter stand da: "Und sollte das Angebot nicht angenommen werden, beginnt am 10. Januar, früh um acht Uhr die Vernichtungsschlacht." Paulus hat auch durch Flugblätter geantwortet: "Getreu unserem Führerbefehl kämpfen wir bis zur letzten Patrone." Das war Paulus' Antwort. Was am 10. Januar früh, als es hell wurde, losging, kann man nicht mit Worten beschreiben. Tausende von Geschützen hatte der Russe um den Kessel. Nachts hat es ein bisschen geschneit. Am Mittag gab's keinen weißen Schnee mehr, kein weißes Fleckchen mehr, so viele Granaten hatten eingeschlagen. Und da gab's auch im Kessel kein hinten oder vorne mehr. Der Kessel war Front.

Als Sie die Flugblätter gesehen haben, da war das Elend ja schon sehr groß. Haben Sie selber darüber nachgedacht, ob es besser wäre zu kapitulieren? Hat man darüber gesprochen mit seinen Kameraden, wenn man so ein Flugblatt gefunden hat? 

Der Aufruf, in Gefangenschaft zu gehen, war für jeden Soldaten sehr, sehr fremd. Sehr weit weg. Denn was die Gefangenschaft bedeutet, haben wir öfter gesehen.

Wie haben Sie im Nachhinein über Paulus als Oberbefehlshaber gedacht?

General Feldmarschall Paulus war ein treuer Diener Hitlers, und wenn wir nicht eingekesselt gewesen wären, hätte er Hitler bis zum Ende gedient. ... Gut, er hatte einen Eid geschworen als General ... Aber was er dann später gemacht hat, das kann ich nicht verstehen: Als er in Gefangenschaft war, als er 1946 in Nürnberg bei den Kriegsverbrecherprozessen als Zeuge aufgetreten ist, seine ehemaligen Kameraden in den Dreck getreten und angeschuldigt hat - das kann ich nicht verstehen. Außerdem hat in Nürnberg ein Journalist ihn mal gefragt, wie es den Kriegsgefangenen von Stalingrad gehe. Er hat geantwortet, dass es ihnen gut gehe. Das war blanker Hohn. Das verstehe ich auch nicht. 1957 ist er dann in Dresden gestorben. Da stand in der Zeitung bei uns: "Einer unserer Patrioten ist von uns gegangen." Da war der Paulus in der DDR auf einmal ein Patriot. Einer, der bald eine halbe Millionen Soldaten - Deutsche und Russen - hat umbringen lassen! Da war er auf einmal ein Patriot. Das verstehe ich nicht. Was die Politik alles machen kann.

Was denken Sie, hätte Paulus damals machen müssen?

Hitler hatte den Befehl gegeben, nicht auszubrechen, sondern in Stalingrad auszuhalten, weil wir acht sowjetische Armeen dort gebunden haben. Insofern hat er schon Recht gehabt. Aber, dort auszuhalten? Es war ein Führerbefehl und den hat er eben treu befolgt.

Für uns hätte sich die Situation durch eine Gefangenschaft kaum verbessert. Es wurde nicht mehr geschossen, klar. Und du hast nicht mehr gefroren in diesem Maß, aber alles andere war auch nicht besser. Zwar heißt es immer, dass die Soldaten im Kessel sehr großen Hunger litten. Bei unserer Einheit war das nicht so. Wir waren Infanterie, besaßen ein Getreidesilo und hatten Pferde zum Schlachten.

Was war nach Ihrer Meinung der größte Fehler, den Paulus damals gemacht hat?

Was soll ich als einfacher Soldat darüber sagen? Der größte Fehler war, dass Krieg war! Wie die Armeeführung damals gehandelt hat, darüber hat sich der Soldat keine Gedanken gemacht.

Haben Sie Paulus jemals selber gesehen?

Ja, am Tag der Gefangenschaft. Ich kam am 31. Januar früh, als es hell wurde, in Gefangenschaft, auf dem Roten Platz in Stalingrad. Wir mussten antreten in Fünfer-Reihen und man durfte nicht aus der Reihe tanzen, es wurde sofort geschossen. Dann sind wir ein bisschen gelaufen, und dann wieder angetreten. Ich stand in der vordersten Reihe, und in dieser Situation habe ich ihn gesehen, als er in einem Jeep vorbeifuhr. Genau vor mir haben sie angehalten. Das war Zufall. Da hab' ich den Paulus das erste und das letzte Mal gesehen. Es war der 31. Januar Vormittag, so gehen zehn vielleicht.

Was hat er für einen Eindruck auf Sie gemacht?

Er stand nur dort und hat nichts gesagt. Sie sind dann weitergefahren. Ich weiß nicht, was er gedacht haben mag.

Was haben Sie gedacht in diesem Moment?

Man hat damals nicht gedacht: "Das ist der Paulus!" Du hast immer gedacht: "Wann gibt's das nächste Essen?" Aber wie es weiter geht, wusstest du auch nicht.

Sie hatten das große Glück, schon 1945 nach Hause zu kommen. 1946 trat Paulus vor dem Kriegsverbrechertribunal in Nürnberg auf. Haben Sie das damals im Radio oder in der Zeitung gehört? Was ging Ihnen da durch den Kopf?

"Dort spricht ein Lump!", kurz gesagt. Entweder ich bin und war Soldat, der einen Eid geschworen hat ... auf einmal ist er gegen Hitler. Bis zum Höchsten hat er es gebracht, Generalfeldmarshall, und dann auf einmal spricht er dort so!

Was denken Sie, warum war Paulus dann plötzlich so?

Naja, so hat er ein besseres Leben gehabt! Hätte er sich dagegen gesetzt, hätte er nicht so viel zu essen bekommen. Ist doch ganz einfach.

1953 kam Paulus in die DDR. War das damals ein Thema, dass ausgerechnet Menschen wie Paulus in einer Villa in Dresden wohnen und ein schönes Leben haben?

Das wurde in der DDR kaum besprochen. Es hieß, dass Paulus die DDR-Armee mit aufbauen soll.

Was hatte der Name Paulus damals für einen Klang, wenn er überhaupt mal fiel?

Wenn ich ihn mal erwähnt habe, dann wurde mir gesagt: Ich solle mir überlegen, was ich von mir gebe. "Wir können auch anders!", wurde mir gesagt.

Wenn Sie zurückschauen, wie würden Sie Paulus heute einschätzen? Wie würden Sie ihn beurteilen?

Wenn ich jetzt nur an den Generalfeldmarschall Paulus denke, als er im Krieg war, da ist man vor Ehrfurcht versunken vor solchen Leuten. Wenn der General vor dir stand, da hat man sich doch nicht getraut, kritisch zu denken. "Der macht doch alles richtig!", dachte man damals. Du hast dich doch nicht getraut, dir ein Urteil zu machen über einen General.

 Über dieses Thema berichtete MDR im TV auch in "Aktuell"         07.05.2015 | 21.45 Uhr  

Zuletzt aktualisiert: 30. Januar 2018, 16:04 Uhr