Vor 80 Jahren Als Hitler Mussolini auf dem Obersalzberg empfing

Ein Drittel seiner Regierungszeit verbrachte Adolf Hitler auf seinem Berghof am Obersalzberg in Berchtesgaden. Damit dort SS-Kasernen gebaut und kilometerlange Tunnelsysteme angelegt werden konnten, mussten Bergbauern und Pensionswirte Grundstücke abtreten. Hitlers Anwesen wurde zu einem zweiten Regierungssitz - hier wurde der Zweite Weltkrieg geplant und Staatsgäste wurden empfangen. Am 19. Januar 1941 empfing Hitler dort erstmals seinen italienischen Diktatorkollegen Benito Mussolini.

Adolf Hitler (rechts) und Benito Mussolini während des Besuchs des italienischen Diktators in Deutschland (ca. 1941).
Adolf Hitler und Benito Mussolini während des Besuchs des italienischen Diktators in Deutschland (Aufnahme wahrscheinlich von 1941). Bildrechte: Bayerischer Rundfunk

Sie waren Brüder im Geiste: Der eine, Benito Mussolini, hatte den Faschismus begründet. Sein politischer Lehrling Adolf Hitler hatte ihn kopiert. Beide Tyrannen haben Verderben, Vernichtung und Völkermord über die Welt gebracht. 17 Mal trafen sich die beiden persönlich. Zuerst 1934 in Venedig, ein Jahr nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland. Mussolini war zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Zenit seiner Macht - seit 1922 hatte er Italien zu einem totalitären Staat ausgebaut. Hitler war beeindruckt von den gigantischen Militärparaden und ausufernden Reden Mussolinis, denen das Volk begeistert lauschte.

Hitler und Mussolini: Schurkenfreunde mit Hang zum Bombast

Trotzdem blieb das persönliche Verhältnis der beiden distanziert. Mussolini stellte sich zunächst Hitlers Expansionsplänen in Österreich in den Weg. Erst als sich das nationalsozialistische Deutschland an die Seite Italiens stellte, welches wegen des Einsatzes von Giftgas gegen Zivilisten und der Bombardierung von Krankenhäusern in Abessinien 1936 international geächtet werden sollte, veränderte sich das Verhältnis der beiden nachhaltig. 1937 empfing Adolf Hitler den italienischen Diktator in München. Auf dem zum Kultzentrum der Nationalsozialisten umgebauten Königsplatz konnte Hitler eindrucksvoll beweisen, dass auch der deutsche Faschismus inzwischen über einen imperialen Glanz verfügte.

Adolf Hitler (M) steht zwischen (l-r) Arthur Neville Chamberlain (Großbritannien), Edouard Daladier (Frankreich), Benito Mussolini (Italien) und Graf Galeazzo Ciano (Italien) in München (Archivfoto vom 29.09.1938). Die Regierungschefs unterzeichneten ein Abkommen über die Abtretung des sudetendeutschen Gebiets an das Deutsche Reich. Foto: dpa (nur sw - zu «Vor 75 Jahren: Das Diktat von München» vom 27.09.2013)
Münchner Abkomen: Adolf Hitler (M) steht zwischen (l-r) Arthur Neville Chamberlain (Großbritannien), Edouard Daladier (Frankreich), Benito Mussolini (Italien) und Graf Galeazzo Ciano (Italien) in München (29.09.1938). Bildrechte: dpa

Achse Berlin-Rom

Bereits ein Jahr zuvor, am 1. November 1936, sprach Mussolini in Mailand erstmals von der "Achse Berlin-Rom". Es war wenige Wochen nach dem deutsch-italienischen Eingreifen im spanischen Bürgerkrieg auf der Seite von Francisco Franco. Hitler hatte bereits vorher eine engere Verbindung zum faschistischen Italien angestrebt, um die außenpolitische Isolation Deutschlands zu überwinden.

Die Geschichte Mussolinis und Hitlers ist am besten als Zweckbündnis und politisch konstruierte Beziehung zu verstehen und weniger als ideologisch unausweichlicher Pakt oder als echte Freundschaft.

Historiker Christian Goeschel

Das Bündnis Hitler-Mussolini hatte vor allem taktische Gründe. "Obwohl zwischen ihnen zweifellos eine gewisse ideologische Affinität bestand, etwa im Streben nach einer neuen Ordnung, im Glauben an politische Gewalt und an die transformative Kraft des Krieges sowie in der Verachtung der liberalen Demokratie", resümiert der Historiker Christian Goeschel in seinem Buch "Mussolini und Hitler. Die Inszenierung einer faschistischen Allianz" (Suhrkamp 2019). Goeschel beschreibt, wie sich die beiden Diktatoren trotz aller Bewunderung gegenseitig misstrauten und sich stets bemühten, bei gemeinsamen Auftritten die eigene Person herauszustellen.

Mussolini reiste öfter nach Deutschland als Hitler nach Italien. Trotz aller Bewunderung für den deutschen "Führer" zögert Mussolini und tritt erst am 10. Juni 1940 in den Zweiten Weltkrieg ein, als nach den erfolgreichen Eroberungen Polens, der Niederlande und Belgiens durch die deutsche Wehrmacht. Doch die italienischen Expansionen verliefen glücklos, Mussolinis Feldzug in Griechenland im Oktober 1940 und die italienischen Kämpfe in Nordafrika konnten erst mit der Unterstützung der Wehrmacht gelingen. Am 19. Januar 1941 sprach der italienische Diktator Mussolini bei Adolf Hitler auf dem Obersalzberg vor.

Der Obersalzberg: zweite Schaltstelle der Macht

Neben Berlin war Hitlers Domizil auf dem Obersalzberg inzwischen eine zweite Schaltstelle der Macht geworden. Auf dem Obersalzberg konnte Hitler als einsamer Seher vor majestätischer Bergkulisse präsentiert werden, aber auch als großer respektierter Staatsmann und als "Kanzler des Volkes".

Adolf Hitler und Eva Braun am Obersalzberg.
Adolf Hitler und Eva Braun auf dem Obersalzberg Bildrechte: dpa

Der Berghof: "Alpenfestung" der Nationalsozialisten

Hitler schottete sich zusehends ab, nur wenige vertraute Personen aus dem inneren Zirkel wie Albert Speer und Joseph Goebbels drangen zu ihm vor. Den Ausbau des Berghofs organisierte der im sachsen-anhaltischen Wegeleben geborene Martin Bormann, ein Landarbeiter ohne Berufsabschluss, der wegen Beihilfe zum Mord verurteilt worden und später zu Hitlers Sekretär aufgestiegen war. Hunderte Zwangsarbeiter waren für den Ausbau der Anlagen am Obersalzberg eingesetzt. Sogar ein eigener Flugplatz wurde gebaut. Hitler legte Wert auf Ordnung, wie ein Zimmermädchen später notierte. "Seine Hausschuhe müssen ganz vorschriftsmäßig hingestellt werden, das Nachthemd muss immer so zackig hingelegt sein."

Martin Bormann mit Rudolf Hess in Berlin, 1935
Martin Bormann (l.) mit Rudolf Hess in Berlin, 1935 Bildrechte: dpa

VIP-Besuch auf Hitlers Hausberg

Auf dem Obersalzberg empfing Hitler prominente Gäste wie den Schauspieler Louis Trenker oder den Ingenieur Ferdinand Porsche. Vor dem Krieg sprachen unter anderem der als König Edward VIII. abgedankte Herzog von Windsor, der Prinzregent Paul von Jugoslawien und Aga Khan vor.

Auf dem Obersalzberg wurden wichtige politische Entscheidungen über Krieg und Frieden und über den Holocaust getroffen. Im Februar 1938 wurde der österreichische Bundeskanzler Schuschnigg über den bevorstehenden Anschluss Österreichs informiert. Während der Sudetenkrise begab sich am 12. September 1938 britische Premier Arthur Neville Chamberlain zu Verhandlungen auf den Berghof. Nach dem Kriegsbeginn kamen keine zivilen Gäste mehr. Der Ort wurde zu einem Schauplatz der Weltpolitik. Auf der Terrasse des Berghofs kündigte Hitler 1939 vor Generälen den Überfall auf Polen an.

Edward, Herzog von Windsor und Ehefrau Wallis Simpson werden von Adolf Hitler am 22.10.1937 auf dessen Berghof am Obersalzberg (Bayern) empfangen.
Edward, Herzog von Windsor, und Ehefrau Wallis Simpson werden von Adolf Hitler am 22.10.1937 auf dem Obersalzberg empfangen. Bildrechte: dpa

Im Januar 1941 verhandelten Hitler und Mussolini über eine gemeine Strategie. Die beiden vereinbarten, künftig gemeinsam vorzugehen und vor allem im Mittelmeerraum zu kooperieren. Nach ersten strategischen Erfolgen der deutsch-italienischen Truppen unter Generalleutnant Erich Rommel wendete sich das Kriegsglück. Niederlagen folgten. Am Ende sterben die beiden Diktatoren fast zeitgleich: Mussolini wird am 28.April 1945 von Partisanen erschossen. Zwei Tage später bringt sich Hitler in Berlin um.

Blick auf die Ruine des Berghofes (undatiert). In den 30-er Jahren hatten die Nazis rund 60 einheimische Bauern gezwungen, ihre Grundstücke am Obersalzberg zu verkaufen. Neben Hitlers Berghof wurden dort Landhäuser und Bunkeranlagen für die Führungsclique der Nazis gebaut, der Obersalzberg galt als ihre "Alpenfestung". Auf Befehl der Alliierten wurde am 30. April 1952, dem Todestag Adolf Hitlers, das Gebäude auf dem Obersalzberg gesprengt.
Blick auf die Ruine des Berghofes (undatiert). Auf Befehl der Alliierten wurde am 30. April 1952, dem Todestag Adolf Hitlers, das Gebäude auf dem Obersalzberg gesprengt. Bildrechte: dpa

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