Kinderschicksale nach dem Zweiten Weltkrieg Vertreibung von Kriegskindern: Schweigen, um zu überleben

Das Zusammenleben von Polen und Deutschen zu Ende des Zweiten Weltkriegs war geprägt von Hass. Millionen Deutsche wurden vertrieben, einige blieben. Unter ihnen viele Kinder, die im Krieg Vater und Mutter verloren hatten und nun die Rache der Polen fürchteten. Ihre Strategie: Sie gaben sich als Polen aus – und leben zum Teil bis heute mit einer Art Doppelidentität.

Fotografie (28.05.1945) aus der Zeit der Vertreibung im Schlesien-Museum Görlitz.
Verteibung aus Schlesien. Die Fotografie enstand am 28.05.1945, ausgestellt wird sie im Schlesien-Museum Görlitz. Bildrechte: imago / Stefan Hässler

Es ist Februar 1945. Die Zeitung der Polnischen Arbeiterpartei, "Tribunal Schlesiens", titelt: "Wir Schlesier, wir müssen unser Haus reinigen. Schlesien muss polnisch sein. Wir wissen, was wir mit Gestapo-Leuten, SS-Männern usw. machen müssen. Wir werden ihnen gegenüber rücksichtslos sein." Die Schrecken des Krieges, die Grausamkeit der Deutschen lastet auf den Polen und viele sehnen sich nach Rache.

Es wird wenig unterschieden zwischen Täter und Zivilist. Deutscher ist Deutscher und damit der Innbegriff des Bösen. Millionen werden vertrieben oder in Arbeitslager gesteckt. Die, die übrig bleiben, sind in diesen Tagen oft die Alten, die Frauen und die Kinder, viele von ihnen Waisen.

Musterung polnischer Kinder durch SS-Soldaten
Eine Musterung polnischer Kinder durch SS-Soldaten. Das Foto entstand 1941 in Posen, Polen. Bildrechte: IPN Warschau, "Planung und Aufbau im Osten", Posen, 1941

Aus Heinrich wird Henryk

So auch der siebenjährige Heinrich aus Köslin in Pommern. Sein Vater ist in Stalingrad gefallen, seine Mutter eine glühende Anhängerin Hitlers. Doch der Krieg ist verloren, die Russen rücken bis nach Köslin, dem heutigen Koszalin, vor, und bald verlässt die Mutter der Lebensmut. Heinrich bleibt allein zurück.

Wehrmacht-Soldaten in der Schlacht um Stalingrad, 1942
Wehrmacht-Soldaten in der Schlacht um Stalingrad, 1942. Allein bei den Schlachten um Stalingrad kamen 700.000 Menschen ums Leben – die meisten waren Soldaten der Roten Armee. Bildrechte: imago images/KHARBINE-TAPABOR

Die Stimmung gegenüber Deutschen ist feindlich in diesen Tagen, das spürt der Junge, wenn er allein durch die Straßen der Stadt irrt. Also, beschließt er zu schweigen, nicht preiszugeben, dass er dem Tätervolk angehört. Auch, als ihn Soldaten aufgabeln und ins Kinderheim bringen, schweigt er. Bestimmt ist der Junge stumm oder zurückgeblieben, denken sie sich. Heinrich bleibt dabei. Er schweigt. Viele Jahre, bis er 13 ist. Mittlerweile lebt er in einem Kinderheim bei Warschau, schleicht sich ab und zu in die große Stadt und testet sein Polnisch, das er über die vielen Jahre aufgeschnappt hat.

Niemand merkt, dass es nicht Heinrichs Muttersprache ist. Eines Tages fliegt sein Geheimnis im Heim auf. Einer der Erzieher beobachtet ihn zufällig in Warschau während eines Streits mit einer Passantin, hört seine polnischen Schimpftiraden. Zurück im Heim wird Heinrich zur Rede gestellt, warum er sich stumm gestellt habe.

Doch das einzige, das Heinrich sagt, ist: "Ich habe mich nicht stumm gestellt. Ich hatte nur keine Lust zu reden. Ich heiße übrigens Henryk Kowalski." Es ist der Moment, in dem Heinrich aus Köslin für immer zum Polen wird. Seine wahre Identität gibt er erst 2015, kurz vor seinem Tod, in einem Interview mit dem polnischen Autor Piotr Pytlakowski preis.

"Leid" ist ein universeller Begriff

Pytlakowski hat Heinrichs Geschichte aufgeschrieben, in dem Buch "Ihre Mütter, unsere Väter – Die unbequeme Geschichte des Nachkriegspolens". Es seien "ihre", also die Mütter der deutschen Kinder gewesen, die von "unseren", also den Vätern der heutigen Polen bestraft wurden. Für ein Verbrechen, das die Nazis begangen haben. "Ich erzähle nicht vom Schicksal der Deutschen, um Mitleid zu erregen", schreibt Pytlakowski. "Ich möchte zum Reflektieren zwingen, denn es ist schon genug Zeit vergangen, um zu verstehen, dass der Begriff 'Leid' ein universeller ist."

Der kleine Bruder ist erfroren

Pytlakowski erzählt auch die Geschichte von Helga Kunka. Sie ist sechs Jahre alt, als sie Anfang Januar 1945 mit ihren Eltern von Olsztyn Richtung Pillau aufbricht. Sie wollen versuchen, über die Ostsee nach Deutschland zu fliehen, vor dem Zorn der Polen und bevor die Russen kommen.

Fotografie des zerstörten Warschaus im Mai 1945
Das völlig zerstörte Warschau. Dieses Foto entstand im Mai 1945. Bildrechte: imago

Sie und ihr kleiner Bruder sitzen auf einem Fahrrad, das der Vater schiebt. Er hat den Krieg überlebt, hat nur eine Hand, wurde daher nicht eingezogen. Doch das ist den sowjetischen Soldaten egal, als sie die Familie wenige Kilometer nach Beginn ihrer Flucht anhalten. Auch sie unterscheiden nicht zwischen Täter und Zivilist. Sie zwingen die Familie in eine Scheune, den Vater führen sie ab. "Wohin sie ihn gebracht haben, das weiß ich bis heute nicht", erzählt Helga Kunka. Doch sie sieht ihn nie wieder. In dieser Nacht schlafen die kleine Helga und ihr jüngerer Bruder eng an die Mutter gekuschelt, denn es herrscht strenger Frost. Der Junge wacht am nächsten Morgen nicht mehr auf. Er ist erfroren, so wie etwa ein Dutzend Kinder in der Scheune. Nach einigen Tagen dürfen Helga, ihre Mutter und ihr großer Bruder die Scheune verlassen, flüchten sich zu einer Tante.

1949 werden sie aus Polen ausgewiesen. Helga Kunka lebt heute in der Nähe von Stuttgart. Nach Polen ist sie nie wieder zurückgekehrt. Warum auch? Sie mache niemandem einen Vorwurf. Es war eben Krieg. Doch eine Sache raube ihr bis heute den Schlaf: Dass sie nicht wisse, wo ihr kleiner Bruder begraben wurde.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im: MDR Sachsenspiegel | 22.06.2020 | 19:00 Uhr