Von der Stenotypistin zur "Kommandeuse" Ilse Koch: Daten, Orte und Ereignisse

02.08.1897: Karl Koch geboren

Darmstadt: Karl Koch, der spätere KZ-Kommandant von Buchenwald, wird in Darmstadt geboren. Er startet seine Laufbahn als Buchhalter und Bankangestellter und wird früh durch Diebstahl und Unterschlagungen auffällig. 1931 tritt er in die NSDAP ein. Ab 1933 wird er in mehreren Konzentrationslagern eingesetzt.

22.09.1906: Ilse Köhler geboren

Dresden: Ilse Köhler, später Koch, wird in der Elbestadt geboren. Die Tochter aus einem Arbeiter-Elternhaus besucht die Volksschule, volontiert im Buchhandel, lernt Stenotypistin und Maschinenschreiben. Ihre erste Anstellung hat sie in einer Dresdner Zigarettenfabrik. 1932 tritt Ilse Koch in die NSDAP ein. Zwei Jahre später lernt sie in ihrer Heimatstadt ihren späteren Ehemann Karl Koch, damals Sturmbannführer der kasernierten SS in Dresden, kennen.

Juli 1936: Die Kochs im Muster-KZ

Sachsenhausen: 1936 wird Karl Koch Lagerkommandant. Sein Auftrag ist es, hier in der Nähe von Berlin ein Muster-KZ aufzubauen. Außerdem wird er SS-Standartenführer. Das entspricht dem militärischen Rang eines Obersten, monatlicher Sold: 1.000 Reichsmark. Ein Vermögen in den Augen seiner Verlobten Ilse Köhler, die ihn begleitet und als Büroangestellte gerade einmal 200 Reichsmark bekommt. Ein Jahr später nimmt sie seinen Heiratsantrag an. Als Frau eines SS-Angehörigen kann auch sie sich als Mitglied eines rassisch überlegenen Ordens fühlen.

1937-1940: Einäscherungen für das KZ

Weimar: Die Stadt profitiert auf makabre Weise vom KZ Buchenwald. Zu den ersten Nutznießern zählt die Friedhofsverwaltung. Im Weimarer Krematorium werden die Toten aus Buchenwald verbrannt. Pro Einäscherung werden der SS 20 Reichsmark in Rechnung gestellt. Drei Reichsmark bezahlen die Angehörigen für die Übersendung der Urne. Die Kartons dafür liefert ein Weimarer Buchbinder.

1940 wird wegen der vielen Toten auf dem Gelände des KZ selbst ein Krematorium gebaut. Nach der Befreiung 1945 werden auf Befehl der Amerikaner 1.000 Bürger von Weimar durch das Konzentrationslager geführt, um ihnen das Ausmaß der Gräuel in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft vor Augen zu führen.

1937: Topf & Söhne liefert Öfen nach Buchenwald

Erfurt: Von hier liefert die Firma "Topf und Söhne" Öfen in das Krematorium nach Weimar, wo ab 1937 die Leichen von KZ-Häftlingen aus Buchenwald verbrannt werden. In Buchenwald sterben insgesamt 56.000 Menschen. Die Firma "Topf und Söhne" stellt auch Öfen für das Krematorium im Konzentrationslager Auschwitz her. Auf dem ehemaligen Firmengelände am Sorbenweg in Erfurt befindet sich heute eine öffentlich zugängliche Gedenkstätte.

Jena: Auch die Universität Jena arbeitet mit dem Konzentrationslager zusammen. Aus Buchenwald erhielt die Universität Leichenteile zu Forschungszwecken. 1940 promoviert der SS-Lagerarzt Erich Wagner dort mit einer Arbeit zur "Tätowierungsfrage": "Das Material, dass ich von 800 Tätowierten gesammelt habe", schreibt Wagner einleitend offenherzig, "stammt aus einem großen Gefangenenlager."

1939-1941: Das Regime der Kochs auf dem Ettersberg

Buchenwald: Im September 1939 wird Karl Otto Koch, Ilse Kochs Ehemann, Kommandant des Konzentrationslagers Buchenwald unweit von Weimar. Er gilt als besonders grausam. 56.000 Menschen kommen hier bis zum Kriegsende ums Leben. Nur wenige Meter vom Lager entfernt wohnt das Ehepaar in der neu errichteten Kommandantenvilla "Haus Buchenwald". In den Jahren auf dem Ettersberg bringt Ilse Koch drei Kinder zur Welt: Artwin (1938), Gisela (1939) und Gudrun (1940). Ein gemütliches Heim will Ilse Koch ihrem Gatten bieten, wenn dieser abends von seiner mörderischen Arbeit nach Hause kommt. Dort müssen Häftlinge unter härtesten Bedingungen arbeiten.

Im November 1941 endet das beschauliche Leben der Familie auf dem Ettersberg abrupt, Karl Koch wird wegen Korruptionsvorwürfen inhaftiert. Er soll sich an dem Vermögen eingelieferter jüdischer Häftlinge bereichert und mit Lebensmitteln aus der Lagerkantine Schwarzhandel getrieben haben. Auf Intervention von Reichsführer-SS Heinrich Himmler wird er entlassen und Ende 1941 als Lagerkommandant in das KZ Majdanek versetzt. Die Ermittlungen in Sachen Korruption laufen indessen weiter und zeigen eine Affäre immensen Ausmaßes, die auch "nicht autorisierte Tötungen" umfasst. Karl Koch wird u.a. wegen Mordes und Unterschlagung zum Tode verurteilt wird. Ilse Koch, der die Anklage bescheinigt, ihrem Mann zu gleichen, "was Gier, Arroganz und Grausamkeit" betrifft, wird letztlich freigesprochen. Am 5. April 1945 wird Karl Koch in Buchenwald erschossen.

Juni 1945: Kochs Verhaftung

Ludwigsburg: Zum Ende des Zweiten Weltkriegs wohnt Ilse Koch mit ihren Kindern bei Verwandten in Ludwigsburg. Im Juni 1945 wird sie von den Amerikanern verhaftet. Ihre privaten Fotoalben werden beschlagnahmt, ausgewählte Aufnahmen herausgerissen und der Presse zugespielt.

11.04.-17.08.1947: Buchenwald-Hauptprozess

Dachau: Vor einem US-amerikanischen Militärgericht wird die Hauptverhandlung gegen Ilse Koch eröffnet. Sie wird zunächst zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Zuvor hatte man sie im ehemaligen KZ Dachau festgehalten. Bald erwartet sie von einem Mithäftling, Friedrich Schäfer, ein Kind.

29.10.1949: Kochs Sohn Uwe geboren

Landsberg: Im städtischen Krankenhaus Landsberg wird Ilse Kochs Sohn, Uwe, geboren. Zuvor hielten die Amerikaner die Schwangere im Kriegsverbrechergefängnis in Landsberg gefangen. Hier traf sie auch auf einen alten Bekannten, den KZ-Arzt August Heinrich Bender.

15.01.1951: Neuer Prozess gegen Ilse Koch

Augsburg: Nach einer erfolgreichen Revision von Ilse Koch, nach der die lebenslange Haftstrafe 1948 in vier Jahre Gefängnis umgewandelt wird, kommt es 1951 zu einem neuen Prozess. Ilse Koch wird u.a. wegen Anstiftung zum Mord erneut zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Die Gerichtsakten lagern heute im Bayrischen Staatsarchiv zu Augsburg: Elf Kartons, zwei laufende Aktenmeter, darunter die Vernehmungsprotokolle von über 1.500 Belastungszeugen.

02.09.1967: Selbstmord

Aichach: Ilse Koch wird tot in ihrer Zelle im Frauengefängnis Aichach in Oberbayern aufgefunden. Die 61-Jährige hat sich mit ihrem Bettlaken erhängt. 16 Jahre verbrachte sie in diesem Gefängnis. Sie mied den Kontakt zu Mitgefangenen und litt an Wahnvorstellungen. Mehrmalige Gnadengesuche ihres Anwalts wurden abgelehnt.

2005: Benders Nachlass geht ans Bundesarchiv

Koblenz: Nach seinem Tod im Jahr 2005 geht der Nachlass des KZ-Lagerarztes von Buchenwald, August Heinrich Bender, in den Besitz des Bundesarchivs in Koblenz über. In seinen handschriftlich verfassten Erinnerungen beschreibt Bender unter anderem, dass man im Lager in großem Stil tätowierte Hautteile konservierte. Im Buchenwald-Prozess wurde Bender zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Zuletzt aktualisiert: 26. August 2012, 20:15 Uhr