1933 Die Flucht vor den Nazis Lore Krüger und ihre neu entdeckten Fotos

Fast jeder, der in der DDR aufgewachsen ist, hatte einmal ein von ihr übersetztes Buch in der Hand - Robinson Crusoe, Tom Sawyer oder Huckleberry Finn beispielsweise. Die Übersetzerin Lore Krüger war Jüdin und kam 1914 in Magdeburg auf die Welt. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten änderte sich auch ihr Leben dramatisch - doch das ganze Ausmaß wird erst jetzt deutlich. Denn sie hat der Nachwelt einen Schatz hinterlassen, den die C/O Berlin Foundation, eine der wichtigsten Institutionen für Fotokunst, diese Woche zum ersten Mal der Öffentlichkeit zeigt.

Die Entdeckung: eher Zufall

Der Schatz der Lore Krüger, das sind Fotos. Entstanden sind sie bei einer abenteuerlichen Flucht mit vielen Stationen: Magdeburg, London, Mallorca, Barcelona, Paris, Marseille, Trinidad, New York, Wisconsin, Berlin. Die Geschichte hinter ihren Bildern ist erst ein Rätsel für die Fotografie-Spezialisten, als sie sie vor zwei Jahren das erste Mal sichten. Denn über die Umstände, wie es zu diesen Bildern kam, hat Lore Krüger zeitlebens nie viele Worte verloren, die Fotos auch nie öffentlich gezeigt. Selbst gegenüber ihren Kindern ist sie zurückhaltend gewesen.

Die Fotografin: bisher unbekannt

Lore Krüger wird 1914 in Magdeburg geboren, als Tochter von Ernst und Irene Heinemann. Es ist das Jahr 1933, welches das Leben der jüdischen Familie für immer verändern wird. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wird Deutschland und ihre Heimat Magdeburg zu einem unerträglichen Ort.  Die Familie, bislang angesehen und in der Elbestadt fest verwurzelt, wird plötzlich diffamiert und ausgegrenzt. Freunde wenden sich ab, teilweise aus Angst, ihre eigene Karriere zu gefährden.

Aus diesem Grund entscheiden sich Lores Eltern, Deutschland zu verlassen. Erst emigriert die Familie nach Großbritannien, ein Jahr später nach Spanien. In Barcelona absolviert Lore die Ausbildung zur Fotografin, geht anschließend mit ihrer Schwester Gisela nach Frankreich. In Paris spezialisiert sich Lore Krüger bei der Fotografin Florence Henri auf künstlerische Porträtaufnahmen. Zudem studiert sie Marxismus an der Freien Deutschen Hochschule und schreibt ihre Diplomarbeit. In Frankreich lernt sie auch ihren Mann kennen, den deutschen Gewerkschafter Ernst Krüger.

Das Gefühl von Freiheit und Toleranz lässt das das Exil als mögliche neue Heimat erscheinen - bis der deutsche Nationalsozialismus auch nach Frankreich vordringt. Nach dem Überfall der Wehrmacht auf Frankreich wird Lore Krüger gefangen genommen, kann aber mit ihrem Mann fliehen. Sie bemühen sich um ein Ausreisevisum nach Mexiko - und erhalten eine furchtbare Nachricht: Lore Krügers Eltern, die Asyl in Mallorca gefunden hatten, müssen das Land verlassen. Sie begehen Selbstmord, Lore erfährt davon in einem Abschiedsbrief.

Wenn Ihr diese Zeilen erhaltet, sind wir nicht mehr unter den Lebenden.  Wir wollen nicht einer herzlosen Polizei in die Hände fallen, sei sie spanisch oder deutsch. So nehmen wir Abschied von Euch für immer. Ihr wart unser ganzes Glück, unser Stolz und unsere Freude. Ich bitte und flehe Euch an, seid tapfer, wenn diese Zeilen euch erreichen. Ihr seid jung! Versucht so schnell als möglich Europa zu verlassen.

Abschiedsbrief von den Ernst und Irene Heinemann an ihre Kinder

Die Flucht: eine Odysee

Lore und ihr Mann verlassen mit einem völlig überfüllten Frachtschiff Frankreich und nehmen Kurs auf die USA. Auf dem Weg dorthin werden sie jedoch von einem holländischen U-Boot gekapert und in ein englisches Internierungslager auf die Insel Trinidad gebracht. Als sie in Trinidad schließlich die Erlaubnis bekommen weiterzureisen, gibt es keine Schiffe, die Mexiko ansteuern, nur die Möglichkeit, in die USA zu fahren. Schließlich landen die Krügers in New York.

1946 kehrt Lore mit ihrem Mann und ihrer Tochter aus dem Exil zurück nach Ostberlin, arbeitet dort als Lektorin und Übersetzerin und versucht, zu verdrängen - mehr als 60 Jahre lang. Doch das Schicksal ihrer Eltern verfolgt sie lange in ihren Träumen. 2005, als Lore Krüger bereits 91 Jahre ist und längst wieder angekommen scheint in Deutschland, entdeckt ein spanischer Journalist überraschend das Grab der Eltern auf Mallorca. Drei Jahre vor ihrem Tod fährt Lore Krüger mit ihrer Tochter und ihrem Sohn auf die spanische Insel und nimmt Abschied. 2009 stirbt Lore Krüger in Berlin.

Die Ausstellung: die welterste Retrospektive

Mit ihren Fotografien gilt Lore Krüger bis heute als Pionierin. Die C/O Berlin zeigte im Januar 2015 als weltweit erste Institution eine große Retrospektive ihres Werks. In der Ausstellung wurden etwa 100 Schwarz-Weiß-Fotos gezeigt, über die Lore Krüger zwar nie viele Worte gemacht hat, die ihr aber viel bedeuteten.

Die wichtigsten Fakten zu Lore Krüger - Lore Krüger wird 1914 in Magdeburg geboren und geht mit 19 Jahren als Au-Pair nach London. Dort macht sie erste fotografische Versuche.

- 1934 wird ihre Aufenthaltsgenehmigung in Großbritannien nicht verlängert. Sie zieht zu ihren nach Mallorca geflohenen Eltern.

- 1934 geht sie nach Barcalona und beginnt ihre Ausbildung zur Fotografin.

- 1940 wird sie in das Internierungslager Gurs an den Pyrenäen deportiert. Nach Monaten wird sie freigelassen und will über Marseille nach Mexiko auswandern.

- 1941 erhält sie ein Visum für Mexiko und die USA und kann mit ihrem späteren Mann und ihrer Schwester Europa verlassen. Vor der mexikanischen Küste wird der Frachter jedoch von der niederländischen Armee gekapert.

- Statt nach Mexiko emigriert Lore Krüger mit ihrer Familie in die USA und heiratet 1942 in New York. Im Exil arbeitet sie vor allem als Dolmetscherin und Übersetzerin.

- 1946 kehrt sie mit ihrer Fanilie nach Ostberlin zurück und arbeitet die folgenden Jahrzehnte im Aufbau-Verlag als Übersetzerin für englische und amerikanische Literatur.

- 2009 stirbt Lore Krüger in Berlin.

Ausstellungstipp" "Lore Krüge . Ein Koffer voller Bilder
Fotografien von 1934 bis 1944"

Eröffnung: Freitag, 23. Januar, 19 Uhr

C/O Berlin Foundation, Amerika Haus
Hardenbergstraße 22-24
10623 Berlin

Öffnungszeiten: Täglich 11-20 Uhr

Zu sehen bis 10. April 2015

Buchtipp C/O Berlin Foundation (Hrsg.):
"Lore Krüger. Ein Koffer voller Bilder. Fotografien 1934-1944."
168 Seiten,
Berlin: Braus Verlag Januar 2015
ISBN: 9783862281046
Preis: 29,95 Euro

Zuletzt aktualisiert: 14. Dezember 2015, 13:13 Uhr