Vor 75 Jahren Jahrhunderttribunal: Der Nürnberger Prozess und seine prominenten Berichterstatter

Vor 75 Jahren, am 20.11.1945, begann in den Ruinen der einstigen Reichsparteitagsstadt der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher. Auf der Anklagebank saßen führende Vertreter des NS-Regimes. Beobachter aus aller Welt begleiteten die Verhandlungen und berichteten der internationalen Öffentlichkeit aus dem Gerichtssaal. Einer von ihnen war Markus Wolf, der spätere Leiter der Hauptverwaltung Aufklärung im Ministerium für Staatssicherheit der DDR, sowie Willy Brandt.

Willy Brandt berichtete für das norwegische "Arbeiderbladet" über die Nürnberger Prozesse.
Willy Brandt berichtete für das norwegische "Arbeiderbladet" über die Nürnberger Prozesse. Bildrechte: Willy-Brandt-Archiv im Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn

Als am 20. November 1945 vor einem internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg der Prozess gegen führende NS-Repräsentanten beginnt, haben sich die schlimmsten Nazi-Verbrecher bereits aus ihrer Verantwortung gestohlen. Adolf Hitler, Heinrich Himmler und Joseph Goebbels hatten sich kurz vor Kriegsende selbst umgebracht. Doch auch die vor Gericht stehenden 21 Politiker und Funktionäre der NSDAP, Generale der Wehrmacht sowie deutsche Wirtschaftsgrößen sind angeklagt.

Willy Brandt und Markus Wolf als Reporter

Das Tribunal gegen die NS-Führungsfiguren ist ein mediales Großereignis. Die ganze Welt scheint zu Gast in Nürnberg. Dutzende Reporter, Schriftsteller, Dolmetscher und Fotografen drängen sich dicht an dicht mit Juristen und Angeklagten über Monate in den Schwurgerichtssaal 600 des Nürnberger Justizpalastes. Unter ihnen Ernest Hemingway, Erika Mann, Alfred Döblin, Erich Kästner oder Rebecca West. Auch zwei junge, noch völlig unbekannte deutsche Journalisten sind akkreditiert. Der 1933 nach Norwegen emigrierte, spätere deutsche Bundeskanzler Willy Brandt berichtet als Korrespondent für die Zeitung "Arbeiderbladet".

Blick in den Nürnberger Justizpalast während der Eröffnung des Hauptkriegsverbrecherprozesses am 20. November 1945 vor dem Internationalen Militärgerichtshof.
Blick in den Nürnberger Justizpalast während der Eröffnung des Hauptkriegsverbrecherprozesses am 20. November 1945 vor dem Internationalen Militärgerichtshof. Bildrechte: dpa

Von Willy Brandt, der für die Norweger berichtete, hatte ich erst später erfahren. Ihn kannte ja noch keiner. Steinbeck und Hemingway habe ich natürlich schon damals verehrt.

Markus Wolf Interview vom 01.11.2005 im Tagesspiegel

Der wohl jüngste der anwesenden Reporter ist mit nur 22 Jahren Markus Wolf, der spätere Geheimdienstchef der DDR. Er ist aus dem Moskauer Exil zurückgekehrt und sitzt für den Berliner Rundfunk im Gerichtssaal. Die Biographien der beiden Männer werden sich Jahre später schicksalhaft kreuzen - und beide werden die Geschichte der deutschen Nachkriegsstaaten maßgeblich beeinflussen.

Aufklärung durch Berichterstattung

HVA-Chef Markus Wolf – eine Legende in der Welt der Spionage.
Markus Wolf, späterer HVA-Chef, berichtete von den Nürnberger Prozessen. Bildrechte: MDR/rbb/ARD/BStU

Die Alliierten, allen voran die Amerikaner, sind sich bereits im Vorfeld des Prozesses einig, dass der medialen Berichterstattung eine zentrale Funktion zukommen muss und sowohl die politische als auch die moralische Einstellung der Deutschen ändern soll. Entsprechend sind die Akkreditierungsvoraussetzungen für deutsche Journalisten besonders streng. Man will unbelastete Personen. Junge Menschen, ehemalige Widerstandskämpfer oder aus dem Exil zurückgekehrte Autoren. Davon profitiert auch Markus Wolf, denn er hat einen deutschen - und einen sowjetischen Pass.

... einige russische Kollegen hatten mich mit dem Wagen von Berlin mitgenommen in das unzerstörte Schloss der gräflichen Bleistiftfabrikanten Faber Castell. Dort war von den Amerikanern am Rande von Nürnberg das internationale Pressecorps untergebracht. Mit einem russischen Pass ließ man mich am Empfang sofort durch und ich konnte im Areal des Faber Castle wohnen. Was auch den Vorteil hatte, dass man dort keine Lebensmittelmarken brauchte und von der US-Army gut verpflegt wurde.

Markus Wolf Interview vom 01.11.2005

Ein Schloss als Schlafsaal

Im "Bleistiftschloss" genannten Anwesen der Grafen Faber-Castell ist die internationale Presse einquartiert. Die Redaktionen der Welt haben ihre Top-Leute entsandt. Als Deutscher hätte Markus Wolf dort eigentlich keinen Zutritt, denn die Unterkünfte im zerstörten Nürnberg sind knapp.

Und auch im Schloss wird es eng. Über 200 Berichterstatter - darunter nicht wenige Starautoren - wohnen unter einem Dach. Mehrbettzimmer mit Feldbetten und Gemeinschaftsbad lassen ganz sicher kein Schlossherrengefühl aufkommen.

Das Faberschloss in der mittelfränkischen Stadt Stein
Das Faber-Castell-Schloss wurde zum Presse-Hotel während der Nürnberger Prozesse. Bildrechte: dpa

Das war wohl praktisch nicht anders möglich. Ich hatte jedenfalls drei anregende russische Zimmergenossen; einer von ihnen war Boris Polewoj, der für die "Prawda" berichtete und später ein renommierter Schriftsteller wurde.

Markus Wolf, Interview vom 01.11.2005

Nicht alle nehmen es immer so gelassen. Kleine Eitelkeiten und Streitereien, Gerangel um die wenigen stabilen Telefonverbindungen und abendliche Trinkgelage sind im Reporterschloss alltäglich.

Im Angesicht des Bösen

Wie alle Prozessbeobachter treibt auch Willy Brandt und Markus Wolf die Frage nach einer Art Psychogramm der Täter um: Was waren das für Menschen, die derartige Verbrechen gegen die Menschlichkeit befehlen und ausführen konnten?

Man hatte natürlich die pompösen Bilder der Nazi-Herrscher vor Augen und stellte sich gleichsam Ungeheuer vor. Die Verkörperung ihrer Verbrechen. Ich dachte an einen Roman von Lion Feuchtwanger, "Der falsche Nero", wo der im Karren dem Volk vorgeführt wird. Aber vor uns stand und saß kein Nero. Das waren auf einmal ganz normale Männer.

Markus Wolf Interview vom 01.11.2005

Erika Mann, die Tochter des Nobelpreisträgers Thomas Mann, schildert auch ihre Wut über die Feigheit der Täter.

Sie alle sagen 'schrecklich, schrecklich, schrecklich!', und erklären, dass die wahrhaft Schuldigen gar nicht im Gerichtssaal seien: Hitler, Bormann, Himmler, Heydrich - die Vermissten, die Toten und die Abwesenden.

Erika Mann unbekannt

Der russische Schriftsteller und Prozessbeobachter Ilja Ehrenburg ist regelrecht konsterniert:

Wir haben kleine Gauner vor uns. Jeder von ihnen ist seelisch und geistig so bedeutungslos, dass man sich fragt: Waren es diese Degenerierten, die Europa in Ruinen verwandelt, die Dutzende Millionen Menschen umgebracht haben?

Ilja Ehrenburg unbekannt

Ilja Ehrenburg
Ilja Ehrenburg, der als Schriftsteller auch aus Nürnberg berichtete. Bildrechte: IMAGO

Todesstrafe und Freispruch

Nach neun Monaten zäher Verhandlungen spricht das Internationale Militärgericht am 30. September und 1. Oktober 1946 die Urteile im Hauptkriegsverbrecherprozess. Zwölf Angeklagte werden zum Tode verurteilt, darunter Göring und von Ribbentrop. Drei zu lebenslanger Haft und vier zu langjährigen Haftstrafen. Aber das Gericht spricht auch drei Angeklagte frei, darunter Franz von Papen, der Diplomat im Dienste Hitlers. Besonders diese Freisprüche werden bis heute als Indiz für die tatsächliche Rechtsstaatlichkeit des Prozesses gewertet.

Alfred Döblin, der Autor des Romans "Berlin Alexanderplatz", sieht die Aufgabe des Prozesses erfüllt:

Man baute einen juristischen Wolkenkratzer, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat, das Fundament aber, auf dem er errichtet wurde, der Beton, war der solideste Stoff, der sich auf Erden finden ließ: die Moral und die Vernunft.

Alfred Döblin

Aufarbeitung und Zukunft

Der aus dem Exil in Skandinavien zurückgekehrte Willy Brandt mahnt in seinen Prozessbeobachtungen bereits die notwendige Eigenverantwortlichkeit der Deutschen bei der Aufarbeitung der NS-Verbrechen an. Allerdings werden erst Jahre später auch deutsche Gerichte an der juristischen Verfolgung der Täter beteiligt.

Von Anfang an fragte ich mich, mit manchen anderen, warum nicht ein Weg gefunden wurde, dass die deutschen Antinazis nicht wenigstens ihren Teil der Anklage in eigener Verantwortung vertreten konnten. Gab es kein Recht der deutschen Verfolgten auf Abrechnung mit ihren Peinigern?

Willy Brandt "Links und frei", 1982

Der junge Reporter Markus Wolf spricht am 01.10.1946 im Berliner Rundfunk seinen Schlusskommentar zum Prozess in Nürnberg:

Das Weltgericht hat sein Urteil gefällt ... das deutsche Volk hatte nicht die Einsicht und später auch nicht die Kraft, sich selbst von seinem Übel zu befreien ... Nicht die Auswirkungen des Nationalsozialismus, sondern der Nationalsozialismus selbst, als Ganzes, ist verurteilt worden ... Wer kann es heute noch wagen, über einen Menschen, eine andere Nation oder Hautfarbe verächtlich zu sprechen, nachdem er gesehen hat, dass solche Gedankengänge zu der Ermordung von Millionen Menschen geführt haben?

Markus Wolf Berliner Rundfunk, 01.10.1946

Über dieses Thema berichtet die ARD auch im TV: BR | Rundschau | 20.02.2020 | 18.30 Uhr

Mehr zum Thema