Generalfeldmarschall Friedrich Paulus nach der Kapitulation 1943
Generalfeldmarschall Friedrich Paulus kurz nach der Gefangennahme Bildrechte: dpa

Hintergrund Gefangenschaft mit Koch und Adjutant

Generalfeldmarschall Friedrich Paulus war der ranghöchste Gefangene der Wehrmacht in der Sowjetunion. Anders als die einfachen Soldaten wurde er mit besonderer Aufmerksamkeit behandelt. Er hatte stets genügend Verpflegung, man gestattete ihm einen persönlichen Adjutanten und weitere Privilegien.

Generalfeldmarschall Friedrich Paulus nach der Kapitulation 1943
Generalfeldmarschall Friedrich Paulus kurz nach der Gefangennahme Bildrechte: dpa

Noch am 31. Januar 1943 ernannte Hitler Paulus zum Generalfeldmarschall. Der ließ sich wenige Stunden später gefangennehmen. Der Militärhistoriker Torsten Diedrich erklärt sich Paulus' Situation so:

Zum Ende war sich Paulus durchaus seiner Verantwortung für seine Soldaten bewusst – auch dass sie sinnlos in den Weiten Russlands starben. Andererseits war er depressiv und lethargisch, kaum noch handlungsfähig. Er wollte nicht als erster Generalfeldmarschall in der deutschen Geschichte kapitulieren, fühlte sich an den Befehl Hitlers gebunden, nicht kapitulieren zu sollen. Und so fand er für sich die Möglichkeit, als Privatperson in Gefangenschaft zu gehen und die Verantwortung auf die anderen Kesselkommandanten zu übertragen. Das ist in der Militärgeschichte einmalig und ebenso skurril, als wenn er als Generalfeldmarschall kapituliert hätte.

Torsten Diedrich, Militärhistoriker und Paulus-Biograf Geschichte Mitteldeutschlands

Ringen um den weiteren Weg

Viele Generäle seiner 6. Armee traten in der Gefangenschaft der Widerstandsgruppe "Nationalkomitee Freies Deutschland" (NKFD) bei, gegründet von Exil-Politikern der KPD wie Ulbricht und Pieck und Soldatenvertretern der Kriegsgefangenen – gesteuert vom Kreml. Auch einen "Bund Deutscher Offiziere" (BDO) gab es. Diesen Gruppen stand Friedrich Paulus anfangs ablehnend gegenüber, änderte aber nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 seine Meinung, als er merkte, wie groß der Kreis der Offiziere war, die hinter der "Operation Walküre" steckten. Aus den Reihen der Verschwörer schätzte er viele. Die militärische Niederlage war nun offensichtlich. Von da an rief er zum Sturz Hitlers auf. Im Dezember 1944 beteiligte er sich am "Aufruf der 50 Generäle", der alle kämpfenden Truppen zur Kapitulation aufforderte.

Nach dem Krieg wurde er in einer Datscha bei Moskau untergebracht. Zu seinen Privilegien gehörten ein Koch und ein Adjutant, Personal, das ihn allerdings auch überwachen sollten. Einmal im Monat war ihm ein Theaterbesuch in Moskau gestattet.

"Hundert Mann in einem Waggon"

Überlebende deutsche Soldaten verlassen nach der Kapitulation Stalingrad
Viele Soldaten marschierten nach der Kapitulation in den Tod. Bildrechte: dpa

Nach der Kapitulation der 6. Armee im Februar 1943 kamen nach sowjetischen Angaben 130.000 überlebende deutsche Soldaten in Kriegsgefangenschaft. Andere Quellen sprechen von 90.000 bis 110.000 Soldaten und Offizieren, die unter extremen Witterungsbedingungen den Weg in die Lager antraten.

Viele Soldaten kamen erst nach dem Ende der Kampfhandlungen ums Leben. Die meisten Todesfälle ereigneten sich kurz nach der Gefangennahme. Meistens wurden die Gefangenen in langen Kolonnen zu Fuß oder in überfüllten Eisenbahnwaggons durch eisige Kälte und in zerschlissener Ausrüstung in Lager geführt. Zeitzeuge Erich Burkhardt erinnert sich:

Hundert Mann in einen Waggon. Das war grausam. Wir sind nicht verhungert, aber wir sind verdurstet. Es kam kein Wasser rein. Alle paar Tage wurde mal angehalten, die Toten rausgeschmissen. Da lagen vor jedem - es war ein langer Transport - vor jedem Zug zehn, 15, 20, 30 Tote. Manche Waggons sind ganz ausgestorben. Bei manchen waren noch 10, 15, 20 Mann drinne.

Erich Burkhardt, Zeitzeuge Geschichte Mitteldeutschlands

Insgesamt waren 3,15 Millionen deutsche Soldaten in sowjetischer Gefangenschaft. Sie wurden unter entsetzlichen Strapazen körperlicher und seelischer Art beim Wiederaufbau des Landes eingesetzt. Hunger, Krankheiten und Erschöpfung forderten viele Todesopfer, viele Überlebende konnten diese traumatischen Erlebnisse nie vergessen. Die ersten Kriegsgefangenen ließ die Sowjetunion am 22. Juli 1946 frei, die letzten kehrten erst 1955 nach Hause zurück. Nur etwa 5.000 der rund 250.000 deutschen Stalingrad-Teilnehmer überlebten am Ende das Grauen und die Entbehrungen.

Die Familie war der Preis

Paulus durfte nach zehn Jahren Gefangenschaft die Sowjetunion verlassen und kehrte im Oktober 1953 nach Deutschland zurück. Für seine Zusammenarbeit in den Widerstandsgruppen NKFD und BDO zahlte er persönlich einen hohen Preis. Nach dem "Aufruf der 50 Generäle" wurde seine Familie in Sippenhaft genommen. Sein Sohn kam in Immenstadt in Festungshaft und seine Frau wurde im KZ Dachau inhaftiert. Davon sollte sie sich auch nach Kriegsende nicht mehr erholen. Constance Rosetti-Solescu starb 1949, so sollte Paulus seine geliebte Frau, die ihn vor den Folgen eines derartigen Krieges, an dessen Planungen er maßgeblich beteiligt war, gewarnt hatte, nicht mehr wiedersehen.

Zuletzt aktualisiert: 15. September 2015, 14:00 Uhr