Blick in den Verhandlungssaal der Nürnberger-Prozesse (Archivbild von 1945).
Blick in den Verhandlungssaal des Nürnberger Justizpalastes während des Prozesses. Bildrechte: dpa

Hintergrund Paulus als Kronzeuge der Anklage in Nürnberg

Sie waren einst die mächtigsten Männer im Dritten Reich. In Nürnberg saßen die obersten noch lebenden Repräsentanten des NS-Regimes auf der Anklagebank. Schon auf den Konferenzen von Jalta, Teheran und Potsdam hatten die Siegermächte beschlossen, die für Kriegsverbrechen Verantwortlichen vor Gericht zu stellen. Am 20. November 1945 war es dann so weit.

Blick in den Verhandlungssaal der Nürnberger-Prozesse (Archivbild von 1945).
Blick in den Verhandlungssaal des Nürnberger Justizpalastes während des Prozesses. Bildrechte: dpa

Eigentlich hätte Generalfeldmarschall Friedrich Paulus auch auf der Anklagebank sitzen müssen. Denn als maßgeblicher Planer des "Unternehmens Barbarossa" war er aktiv an der Vorbereitung des Überfalls auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 beteiligt. Durch den Oberbefehl über die 6. Armee verwirklichte er diese Pläne auf den Schlachtfeldern, auch wenn er Massaker - wie sie mit dem Reichenau-Erlass seines Vorgängers auf der Tagesordnung standen - zu unterbinden versuchte.

Ein überraschender Auftritt

Während seiner Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion erklärte sich Friedrich Paulus zu einer Aussage vor dem Alliierten Militärgerichtshof in Nürnberg bereit: So wurde er vom potenziellen Angeklagten zum Kronzeugen.

Der ranghöchste deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion sollte gerade mit seinem Hintergrundwissen zum verbrecherischen Charakter dieses Angriffs-, Vernichtungs- und Weltanschauungskrieges aussagen und die Präventivkriegsthese, Hitler sei Stalin nur zuvorgekommen, widerlegen.

"Verräter"-Rufe nicht nur von der Bank der Angeklagten

Generalfeldmarschall Friedrich Paulus nach der Kapitulation 1943
Paulus in sowjetischer Gefangenschaft. Bildrechte: dpa

Paulus wurde präzise auf seinen Auftritt vorbereitet. Unter dem Decknamen "Satrap" wurde er kurz vor seiner Aussage am 11. Februar 1946 unter strenger Geheimhaltung nach Nürnberg gebracht. Zum ersten Mal sah Paulus dort seine Vorgesetzten wieder, die ihn in Stalingrad so schmählich verraten hatten - auch Göring, der vollmundig versprochen hatte, die 6. Armee aus der Luft zu versorgen. Nicht nur ihn belastete er schwer:

Von den Angeklagten, soweit sie in meinem Blickfeld lagen, die ersten militärischen Berater Hitlers: das ist der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Keitel, der Chef des Wehrmachtsführungsamtes, Jodl, und Göring, in seiner Eigenschaft als Reichsmarschall.

Paulus in Nürnberg

Sein persönliches Auftreten in Nürnberg sorgte für großes Aufsehen, von der Bank der Angeklagten brachte es ihm "Verräter"-Rufe ein. Aber auch bei vielen Stalingrad-Veteranen traf sein Auftritt auf Unverständnis. Zeitzeuge Erich Burkhardt erinnerte sich, was ihm damals durch den Kopf ging:

Dort spricht ein Lump! Kurz gesagt. Entweder ich bin und war Soldat, der einen Eid geschworen hat ... auf einmal ist er gegen Hitler, hat's bis zum Höchsten gebracht, Generalfeldmarschall, und dann auf einmal spricht er dort so. Nein.

Erich Burkhardt Geschichte Mitteldeutschlands

Der Militärhistoriker Torsten Diedrich erklärt die Entrüstung so:

Natürlich ist er nicht auf Gegenliebe gestoßen, weil gleich nach dem Krieg auch die Verdrängung begonnen hat - all derer, die beteiligt waren an den Verbrechen, an den Gräueltaten, die man insbesondere gegenüber dem sowjetischen Volk begangen hatte. Sie wurden durch Nürnberg nun jetzt öffentlich gemacht.

Und wir finden dieses Phänomen auch bei der Wehrmachtsgeneralität, dass man von all dem nichts gewusst haben wollte oder nicht beteiligt gewesen wäre. Paulus hingegen stellte sich seiner Schuld und verkündete öffentlich, dass er Mitschuld an diesem Krieg trägt und das war das Sensationelle.

Torsten Diedrich, Militärhistoriker und Paulus-Biograf Geschichte Mitteldeutschlands

Aus Nürnberg im Zug zurück in die Sowjetunion

Historiker Diedrich
Torsten Diedrich forschte lange in Paulus' Biografie. Bildrechte: MDR/Geschichte Mitteldeutschlands

Nach dem Kreuzverhör war Paulus vor allem eines wichtig: Er wollte endlich seine Frau und die Familie wiedersehen. Dies war sicher auch ein Motiv für seine Bereitschaft, in Nürnberg auszusagen. Es wurde ihm jedoch nicht gestattet. Abgeschottet von der Öffentlichkeit ging es unmittelbar nach seinem Auftritt per Zug zurück in die UdSSR.

Friedrich Paulus sollte seine innig geliebte Ehefrau Constance nie wiedersehen. Sie verstarb 1949. Eine Anklage gegen Paulus wegen der auch ihm zur Last gelegten Kriegsverbrechen sollte die UdSSR nie erheben. Offenbar war dies der Dank für seine Aussage in Nürnberg und den ersten politischen Dienst, den Paulus der Sowjetunion in der Nachkriegszeit leistete.

Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse Die Siegermächte stellten in Nürnberg die Hauptschuldigen des Krieges vor Gericht. Erstmals in der Geschichte der Rechtssprechung wurden Menschen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und wegen Völkermordes angeklagt. Die Prozesse waren Vorbild für den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag.

Die Angeklagten in Nürnberg In Nürnberg fanden insgesamt 13 Prozesse gegen namenhafte Größen des "Dritten Reiches" statt. Angeklagt wurden nicht nur Minister und hohe Militärs, auch Industrielle, Ärzte und Juristen mussten sich verantworten. Der erste Prozess begann bereits am 20. November 1945 im Nürnberger Justizpalast. Dort saßen die höchsten noch lebenden Repräsentanten des dritten Reiches auf der Anklagebank:

Reichsmarschall Hermann Göring
Hitler Stellvertreter Rudolf Heß
Außenminister Joachim von Ribbentrop

Als Vertreter der Wehrmacht wurde auch gegen den Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Wilhelm Keitel, und den Chef des Wehrmachtsführungsstabes, Alfred Jodl, verhandelt.

"Unternehmen Barbarossa" Am 22. Juni 1941 begann der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. Die Planungen für den Feldzug hießen in den Kreisen der Wehrmachtsführung "Unternehmen Barbarossa". An der Planung der größten Operation des Zweiten Weltkrieges war maßgeblich Friedrich Paulus beteiligt. Am Angriff auf die Sowjetunion nahmen auf deutscher Seite rund 3,6 Millionen Soldaten teil. Ziel der Operation war es, den ganzen europäischen Teil der Sowjetunion zu erobern und damit "Lebensraum im Osten" für die deutsche Bevölkerung zu schaffen. Schon in Hitlers Propaganda-Buch "Mein Kampf" wurde die Vernichtung Bolschewismus als Hauptziel benannt.

Zuletzt aktualisiert: 15. September 2015, 14:01 Uhr