2. Mai 1945 Warum sowjetische Soldaten zweimal auf dem Berliner Reichstag die rote Fahne hissten

Es ist eines der berühmtesten Fotos der Weltgeschichte: zwei sowjetische Soldaten hissen die rote Fahne auf dem Berliner Reichstag. Das Bild steht exemplarisch für die Niederlage Hitlerdeutschlands. Doch die Aufnahme entstand erst am 2. Mai 1945, zwei Tage nach der eigentlichen Eroberung des Reichstags.

Sowjetsoldaten auf dem Reichstag, 1945
Bildrechte: imago images/ITAR-TASS

Das Bild ist eine Ikone der Fotografie. Es zeigt einen sowjetischen Soldaten auf dem Dach des Berliner Reichstags, der die rote Fahne hisst – Hammer und Sichel statt Hakenkreuz. Im Hintergrund sieht man Trümmer und Ruinen, am Himmel Rauchschwaden. Doch dieses berühmte Foto entstand erst am 2. Mai 1945. Etwas mehr als dreißig Stunden "zu spät". Denn bereits am Abend des 30. April 1945 waren sowjetische Soldaten in den Reichstag eingedrungen und hatten auf der Kuppel eine rote Fahne befestigt. Es war nur leider kein Fotograf dabei, der den historischen Augenblick für die Nachwelt festhalten konnte.

Kampf um den Berliner Reichstag

Der Kampf um den Berliner Reichstag hatte im Morgengrauen des 30. April 1945 mit einem ersten Sturmangriff sowjetischer Soldaten begonnen. Der Vorstoß scheiterte jedoch, ebenso wie zwei weitere am Vormittag und frühen Nachmittag. Doch im Verlauf des Abends gelang es den Sowjetsoldaten, die oberen Geschosse des Reichstags zu erobern.

Rotarmisten stürmen 1945 den Reichstag in Berlin
Sowjetische Soldaten stürmen am 30. April 1945 den Reichstag in Berlin Bildrechte: imago images/ITAR-TASS

Eine rote Fahne auf der Kuppel des Reichstags

Zu den Eroberen des Reichstags gehörte auch der Soldat Michail Minin. Gegen 22 Uhr war es ihm und einigen seiner Kameraden gelungen, in den Reichstag einzudringen. Sie hatten den Befehl, auf dem Dach die Sowjetfahne zu hissen. Es wurde geschossen und überall loderten Flammen. Nach etwa einer halben Stunde hatte sich der kleine Trupp auf das Dach des Gebäudes vorgekämpft. Die Soldaten hatten zwar eine rote Fahne dabei, aber keinen Fahnenstock. Minin nahm stattdessen ein Rohr, das er an einer Skulptur befestigte. Dann traten sie den Rückweg an. Ein Foto von dieser Aktion gibt es nicht.

Stalins Wunsch ging nicht in Erfüllung

Am Abend des 30. April 1945 wehte nun zwar die rote Fahne auf der Kuppel des Reichstags, aber in dessen Kellern wurde noch gekämpft. Wie in vielen Stadtbezirken Berlins. Und es war ganz klar, dass Stalins Wunsch, "zur Feier des 1. Mai ganz Berlin eingenommen (zu) haben", nicht in Erfüllung gehen würde. Marschall Schukow oblag es, diese Nachricht Stalin zu überbringen.

Erst am 2. Mai 1945 wurde der Berliner Reichstag endgültig erobert

Die endgültige Eroberung des Reichstags zog sich jedenfalls noch bis zum 2. Mai 1945 hin. Waffen-SS, Fallschirmjäger und zur Verteidigung Berlins eingeflogene Marinesoldaten verteidigten verzweifelt die Keller des Gebäudes. Erst am Nachmittag des 2. Mai, als General Helmuth Weidling, der Kommandant Berlins, den Befehl zur "sofortigen Einstellung jeglichen Widerstands" erteilt hatte, ergaben sich die deutschen Soldaten im Keller des Reichstags.

Ein Wehrmacht-Soldat vor dem Reichstag
Soldat der Wehrmacht vor dem zerstörten Reichstag Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Ikonisches Foto: "Auf dem Berliner Reichstag"

An diesem 2. Mai 1945 entstand nun das Foto "Auf dem Berliner Reichstag". Der Fotograf des Bildes ist Jewgeni Chaldej. Seit Juni 1944 hatte Chaldej mit der Kamera am Vormarsch der Roten Armee auf Berlin teilgenommen. Als Chaldej morgens um 7 Uhr mit seiner Leica und einer roten Fahne in der Hand den Reichstag betrat, wurde im Gebäude noch gekämpft. "Überall war schrecklicher Lärm", erinnerte sich der Fotograf Jahrzehnte später.

"Berlin ist zerstört, der Krieg ist vorbei"

Gemeinsam mit drei Soldaten stieg Chaldej auf das Dach des Reichstags. Er suchte nach einem passenden Motiv und dirigierte die Soldaten hierhin und dorthin. "Ich überlegte: Welcher Blickwinkel würde diesem historischen Augenblick am besten entsprechen? Ich machte ein paar Bilder, die aber nicht so ausdrucksstark waren. Dann schaute ich in Richtung Brandenburger Tor. Man sieht Berlin, es ist zerstört, es ist besiegt, der Krieg ist vorbei und ich wusste: Das ist die geeignete Perspektive!" Einen ganzen Film verschoss Chaldej, 36 Aufnahmen. In der Nacht flog er nach Moskau, um das Foto von der Einnahme des Reichstags zu finden und zu veröffentlichen. Ein Foto, das zwar zwei Tage zu spät entstand, aber doch wie kein anderes den Untergang Hitlerdeutschlands symbolisiert.

Das könnte Sie auch interessieren

Dieses Thema im Programm: Barbarossa | 01. Mai 2011 | 21:15 Uhr