Worte der Angst Wie Rechtspopulisten NS-Rhetorik für sich nutzen

Das Wesen von Populisten ist es, sich als "Vertreter des kleinen Mannes" darzustellen, der gegen die Eliten und das Fremde kämpft. Dabei ist die Sprache das Mittel der Wahl. Bei rechtspopulistischen Politikern erinnert die nicht selten an die Sprache des Nationalsozialismus. Doch nicht immer sind es die eindeutigen Begriffe wie "Messermänner" oder "Kopftuchmädchen", wo sich Rassismus und ideologisches Gedankengut äußern. Oft ist rechtspopulistische Sprache viel subtiler.

Rechtspopulisten im Bundestag
Alice Weidel und Alexander Gauland (beide AfD) im Bundestag Bildrechte: imago images/Christian Spicker

Die Sprache von Rechtspopulisten: Sie schwankt zwischen Extremen. Auf der einen Seite ist sie ein ständiger Tabubruch: provokant, beleidigend, brachial - wie schon bei den Nationalsozialisten. Doch genauso oft ist sie unauffällig. Nicht offen rassistisch. Nicht offen antidemokratisch. Und genau dieses Spannungsfeld macht sie so gefährlich. Wie also ist rechtspopulistische Sprache erkennbar?

"Worte genommen und kontaminiert"

Der Historiker André Postert vom Hannah-Arendt-Institut (HAIT) in Dresden hat die Sprache der Nationalsozialisten näher untersucht: "Es ist eine sehr pathetische Sprache, eine, die an bestimmte Ehrempfindungen appelliert. Und zugleich ist es eine sehr militärische Sprache. Dazu kommt, dass die Nationalsozialisten Worte aus - beispielsweise - der Weimarer Zeit einfach genommen und so kontaminiert haben, dass wir sie heute nicht mehr nutzen können."

Dr. André Postert, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hannah-Arendt-Institut in Dresden
Dr. André Postert ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hannah-Arendt-Institut in Dresden. Bildrechte: HAIT

So stamme - laut Postert - der Begriff "Umvolkung" aus der Zeit um 1918, in der Deutschland durch den Krieg viele Territorien verloren hätte. Heute wird er synonym mit "Überfremdung" und dem "Austausch des deutschen Volkes" verwendet. Oder der Begriff "Lebensraum". 1926 schrieb Hans Grimm das Buch "Volk ohne Raum", wo er über Not, Hunger und Armut der Deutschen auf Grund von Überbevölkerung schrieb. Dabei geht das Wort "Lebensraum" ursprünglich auf Johann Gottfried Herder zurück und war ein rein geographischer Begriff, den sich die Nationalsozialisten aneigneten. "Es gibt also einige begriffliche Versatzstücke, die sich die Nationalsozialisten angeeignet und in ihren propagandistischen und sprachlichen Gebrauch eingebaut haben", so Postert.

Aber es gibt auch ganz klar, dem Nationalsozialismus zugeschrieben Worte, wie das Wort völkisch. Dieser war von Anfang an ein Kampfbegriff. Schon 1875 hatte der Linguist Hermann von Pfister-Schwaighusen das Wort "völkisch" als Ersatz für das Wort "national" vorgeschlagen. Pfister-Schwaighusen war Befürworter der "Säuberung der deutschen Sprache und der Reinigung der Kultur von 'fremden' Einflüssen. Das Wort "völkisch" ist schon immer nationalistisch, rassistisch und antisemitisch. Es vereint die "Blut und Boden"-Ideologie.

2016 hat Frauke Petry versucht, den Begriff alltagstauglich zu machen. Also der Begriff des 'völkischen' ist nun wirklich keiner, der von seinem politischen oder historischen Kontext abzulösen ist. Das kann gar nicht funktionieren.

Identität, Kultur, Pluralismus

Wie Postert forscht auch der Linguist Simon Meier-Vieracker von der TU Dresden zur Sprache von Rechtspopulisten: "Wir finden, wenn wir uns Texte oder Videos von Identitären und der Neuen Rechte anschauen, diese brachiale, ausländerfeindliche, rassistische Sprache meistens nicht. Das verbirgt sich hinter Ausdrücken, die zunächst einmal an den gesellschaftlichen Konsens anschlussfähig sind", erklärt der Linguist.


"Da wird von Identität gesprochen, von Kultur, von Pluralismus - was ja alles hochgeschätzte Werte sind in unserer Gesellschaft. Diese werden genutzt, um auf den ersten Blick eine Zustimmungsbereitschaft zu erzeugen. Denn wie will man gegen Pluralismus sein?"

Ziel: Das deutsche Volk "rein halten"

Doch, so führt Meier-Vieracker weiter aus, unter diesem Deckmantel würden ganz klar rassistische Weltbilder transportiert, die das Ziel hätten, das deutsche Volk "reinzuhalten" und Menschen "auszugrenzen". Er erklärt weiter, dass Vokabeln mit rassistischem Inhalt einfach umbenannt werden.

"Ausländer raus" heiße heute "Remigration". "Rassenlehre" nenne man "Ethnopluralismus". Denn diese Worte passen sich gut in unseren alltäglichen Sprachgebrauch ein. Sie bedienen rechtsextreme, bürgerliche und sogar liberale Positionen.

"Die Grenzen zu den ganz normalen Zuschreibungen, die wir im Alltag so vornehmen, mit den üblichen Grenzziehungen und Pauschalisierungen, sind eben sehr fließend und das macht es so schwierig in der konkreten Situation zu erkennen, wo ist jetzt eigentlich die Grenze überschritten", so Meier-Vieracker.

Anknüpfung an wissenschaftliche Diskurse

Simon Meier-Vieracker
Linguist Simon Meier-Vieracker Bildrechte: Simon Meier-Vieracker

Bei all den genannten Parametern bedienen sich Rechtspopulisten meistens noch einer weiteren Strategie, wie Linguist Meier-Vieracker erklärt: "Gerade die Identitären und Neuen Rechten versuchen sich an wissenschaftliche Diskurse anzuschließen, was ja immer eine Legitimationsressource ist. Man bedient ein Vokabular, was an der Oberfläche aussieht, als sei es Fachvokabular, was eine gewissen Versachlichung suggeriert."

Weiter erklärt der Wissenschaftler, dass beim Diskurs der neuen Rechten immer klar erkennbar sei: Wer gehört dazu und wer nicht: Wer ist der Freund? Wer ist der Feind? Ein Beispiel dafür ist die Rede des AfD-Abgeordneten Roland Hartwig im Bundestag am 5. März 2020:

Wir werden heute wieder viel Einigkeit erleben. Es ist doch schön, wenn man einen gemeinsamen Feind hat, nicht wahr? Und sich auch einig ist, wo man ihn suchen muss. Nämlich rechts.

Genau diese Opferhaltung sei der Kern einer jeden rechten Ideologie. Laut Meier-Vieracker nennt man das auch "Selbstvictimisierung". Populisten knüpfen sprachlich an die Empfindung des "Zu-kurz-gekommen-Seins" an. Und an dieser Stelle unterscheiden sich die Neuen Rechten in ihrem Denken und ihrer Sprache nicht von den Nationalsozialisten.

20 Parameter für die "Rhetorik der Rechten"

Die Schweizer Soziologin Franziska Schutzbach hat 20 verschiedene Parameter aufgestellt, die dabei helfen sollen, versteckte Merkmale in der "Rhetorik der Rechten" (gleichnamiges Buch) zu erkennen. Dabei macht sie darauf aufmerksam, dass der Kern der rechtspopulistischen Sprache, das Bilden von Fronten ist: Die Eliten, die sich gegenüber dem Volk abgrenzen. Die Medien, die die AfD durch fehlende Berichterstattung ausgrenzen. Die Politiker, die gegen die Interessen der Bürger arbeiten.

Nazipropaganda auf Plakaten.
Nazipropaganda auf Plakaten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein weiterer Parameter ist die Rhetorik der Angst. Es werden Szenarien aufgezeigt, in denen "das Volk" bedroht wird. Da ist die Rede von "Masseneinwanderungen", "ausländischen jungen Männern, die eine Gefahr für deutsche Mädchen sind", "die Deutschen, die die Migranten mit durchfüttern müssen".

Verständnis des Volkes als "biologischer Körper"

Postert, der am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung zur "Geschichte der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus" forscht, kann an dieser Stelle erklären, durch welche Worte sich im Nationalsozialismus die Angst vor dem Verfall äußert. Da sei die Rede von der "Vergiftung und Zerstörung des Volkskörpers" oder durch "unterhöhlte Sitten" oder einer "verdorbenen Rasse". Hitler sprach einmal von "der Wiedergewinnung der inneren Kraft und Gesundheit des deutschen Volkes". Hier offenbare sich ein grundsätzlich anderes Verständnis der Gemeinschaft, als die eines biologischen Organismus.

Da fallen ganz selbstverständlich Vokabeln wie Krebs, Untermenschen, Parasiten, Geschwüre, die man Abschneiden muss. Dahinter steht die Vorstellung, dass das Kollektiv, die Gesellschaft, das Volk, wie ein Körper zu denken ist, der gesund und krank sein kann.

Und gegen diese "Krankheiten" müsse man radikal vorgehen. Parasiten rotte man aus. Krebsgeschwüre schneide man ab. "Das ist eine biologistische Sprache, die sehr deutlich macht, dass eine Gesellschaft als ein Körper verstanden wird", so Postert. Das hört sich im Bundestag heute so an:

Die Bundeskanzlerin will vollendete Tatsachen schaffen, bevor sie abtritt. Sie will den Bevölkerungsaustausch unumkehrbar machen. Wir sollen als Volk und als Nation allmählich absterben.

Alexander Gauland Fraktionsvorsitzender der AfD-Bundestagsfraktion

Der Verwesungsgeruch einer absterbenden Demokratie wabert durchs Land.

Björn Höcke Fraktionsvorsitzender der AfD im Thüringer Landtag

Sowohl AfD-Abgeordneter Gauland, als auch Höcke, sind an dieser Stelle sprachlich nicht mehr durch die Rhetorik der Nationalsozialisten zu unterscheiden.

Die Kunst ist: Sich nicht offen an den Begriff Rasse anzulehnen

Doch nicht alle Rechtspopulisten sind so direkt, erklärt André Postert: "Das heißt, jemand der sich heute offen als Rassist outet, der wird relativ wenig an politischem Einfluss generieren. Es muss also eine Strategie gefunden werden, um bestimmte Bestandteile der eigenen Ideologie noch vertreten zu können. Und der Begriff der 'Kultur' ist einer der zentralen Begriffe heute. Der Versuch, die Idee, dass Völker oder Nationen relativ homogen sein müssen, um bestandsfähig zu sein, aufrecht zu erhalten und zu rechtfertigen, ohne das rassistisch tun zu müssen. Ohne sich zu offen an den Begriff der Rasse anlehnen zu müssen."

Rechtspopulistische Sprache ist, wenn sie nicht offensichtlich ist, wie ein Chamäleon, was sich an unseren sprachlichen Alltag anpasst. Und dass macht sie so gefährlich. Die Frage ist deshalb: Wo verschmelzen konservative, liberale und rechtsextreme Begriffe? Und wo entstehen durch Worte - nicht nur am rechten Rand, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft - Vorurteile und populistisches Gedankengut?

Über dieses Thema berichtet der MDR auch auf MDR Dok: Vom Wort zur Tat – Wenn Sprache zur Waffe wird | 28.10.2020 | 16 Uhr

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