Reichsmarschall Hermann Göring und der Chef der "Kanzlei des Führers", Martin Bormann, begutachten die Zerstörung im Raum der Karten-Baracke im Führerhauptquartier Rastenburg.
Reichsmarschall Hermann Göring und der Chef der "Kanzlei des Führers", Martin Bormann, begutachten die Zerstörungen nach dem Hitler-Attentat vom 2. Juli 1944. Bildrechte: dpa

Anschlag auf Hitler Stauffenberg und das Attentat vom 20. Juli 1944

Am 20. Juli 1944 explodierte im Führerhauptquartier "Wolfsschanze" in Ostpreußen eine Bombe. Sie sollte Adolf Hitler töten und damit den Weg für einen Staatsstreich ebnen, der Deutschland in letzter Sekunde vor dem Untergang bewahren sollte. Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg hieß der Mann, der hinter dem Attentat steckte. Wer war der Offizier, der vom Bewunderer des "Führers" zu dessen erbittertsten Gegner wurde?

Reichsmarschall Hermann Göring und der Chef der "Kanzlei des Führers", Martin Bormann, begutachten die Zerstörung im Raum der Karten-Baracke im Führerhauptquartier Rastenburg.
Reichsmarschall Hermann Göring und der Chef der "Kanzlei des Führers", Martin Bormann, begutachten die Zerstörungen nach dem Hitler-Attentat vom 2. Juli 1944. Bildrechte: dpa

Claus Graf Schenk von Stauffenberg wurde 1907 im bayerischen Jettingen geboren. Der Sohn einer katholischen Adelsfamilie entschied sich nach dem Abitur 1926 für das Militär. Seine Haltung war geprägt von Stolz, Gehorsam, Loyalität und Treue gegenüber Adolf Hitler. Schon zur Reichspräsidentenwahl 1932 sprach er sich gegen Hindenburg und für Hitler aus. 1933 zum Leutnant ernannt, beteiligte sich Stauffenberg an der militärischen Ausbildung der "Sturmabteilungen" (SA), einer Terror-Massenorganisation der NSDAP mit über 400.000 Mitgliedern ("Braunhemden").

Kriegsakademie und Generalstabsausbildung

Seit Oktober 1936 studierte Stauffenberg an der Kriegsakademie in Berlin. Er las Hitlers "Mein Kampf", ohne sich an dessen verbrecherischen Grundsätzen wie Judenvernichtung, Beseitigung der Demokratie und Abschaffung von grundsätzlichen Rechten zu stoßen. Wie für viele Vertreter seiner Generation war auch für ihn die Revanche für den "Schandfrieden" von Versailles ein Antriebsmotiv. In Adolf Hitler sahen Stauffenberg und viele andere junge Offiziere den Mann, der ihnen die Mittel dazu an die Hand gab. 1938 absolvierte Stauffenberg in Berlin eine Generalstabsausbildung. Anschließend arbeitete er als Zweiter Generalstabsoffizier der obersten militärischen Führung zu. 1938 nahm er an der Besetzung des Sudetenlands teil, das nach dem Münchner Abkommen an das Deutsche Reich angegliedert wurde. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 wurde er als Oberleutnant in einer Panzerdivision im Polen-Feldzug eingesetzt.

Absage an Widerstandsgruppe

Claus Graf Schenk von Stauffenberg
Stauffenberg als junger Oberleutnant in den frühen 30er-Jahren. Bildrechte: dpa

Der Leutnant und Adjutant eines Panzerregiments im Polen-Feldzug 1939, Peter Graf Yorck von Wartenburg, Sohn eines der größten Grundbesitzer Schlesiens, und sein Freund Ulrich Wilhelm Graf Schwerin von Schwanenfeld, Offizier und ebenfalls Großgrundbesitzer, baten Stauffenberg um Mithilfe bei einem Umsturzversuch. Sie gehörten zum engsten Kreis des Widerstands. Stauffenberg lehnte ab. Als Generalstabsoffizier nahm er im Frühjahr 1940 an der siegreichen Westoffensive gegen Frankreich teil. Die militärischen Erfolge der Wehrmacht dauerten an, Stauffenberg blieb hitlertreu.

Zunehmende Zweifel ab 1942

Generalfeldmarschall Erwin Rommel 1942
Kurz nachdem Stauffenberg bei seiner Division in Afrika ankommt, wird der bisherige OB der Heeresgruppe Afrika, Erwin Rommel (Mitte), nach Deutschland zurück beordert. Bildrechte: IMAGO

Erst 1942, nach dem gescheiterten "Blitzkrieg" gegen die Sowjetunion, mehrten sich seine Zweifel an Hitlers Vernichtungskrieg im Osten. Im März 1943 wurde er zur 10. Panzerdivision nach Nordafrika versetzt, die den Rückzug von Erwin Rommels Heeresgruppe Afrika decken sollte.

Bei einem Tieffliegerangriff wurde Stauffenberg schwer verwundet. Er verlor sein rechtes Auge, die rechte Hand sowie zwei Finger der linken Hand. Noch im Lazarett fasste er den Entschluss, "das Reich zu retten". Ausschlaggebend waren einerseits die Gräueltaten an der Ostfront, andererseits die dilettantische militärische Führung. In den Jahren 1942 und 1943 zeichnete sich die Aussichtlosigkeit der militärischen Situation ab. Der Ton der Propaganda verschärfte sich weiter. Der Kampf sei mit "unnachsichtiger Härte" zu führen. Die letzten Reserven des Landes wurden mobilisiert.

Pläne für die Zeit nach dem Umsturz

Stauffenberg erkannte, dass der Krieg auf diese Weise nicht mehr zu gewinnen war. Und er wusste, dass die Wehrmacht in der Lage war, Hitler zu stürzen. Gemeinsam mit seinem Bruder Berthold und Mitgliedern des "Kreisauer Kreises" entwarf er Regierungserklärungen für die Zeit nach dem Umsturz. Ihre Ziele: Beendigung des Krieges und der Judenverfolgung sowie die Wiederherstellung des Rechtsstaates von 1933. Die parlamentarische Demokratie lehnte ein Großteil der meist konservativen, aus Adel und Militär stammenden, Verschwörer ab.

Ein Zeichen setzen vor der Welt

Im Oktober 1943 wurde Stauffenberg zum Stabschef des Allgemeinen Heeresamts in der Berliner Bendlerstraße ernannt. Dadurch bekam er Zugang zu den Lagebesprechungen in den Führerhauptquartieren. Nachdem mehreren Attentatsversuche anderer gegen Hitler misslungen waren, entschloss sich Stauffenberg, selbst eine Bombe zu zünden. Zwar war es mittlerweile zu spät, um noch der Invasion der Alliierten zuvorzukommen. Doch Oberst Henning von Tresckow drängte darauf, ein Attentat zu wagen – und sei es nur, um die Entschlossenheit der Widerstandsbewegung "vor der Welt und vor der Geschichte" zu demonstrieren: "Alles andere ist daneben gleichgültig."

Wie der Umsturz scheiterte

Der Anschlag sollte kaschiert werden mit Hitlers eigenem Notfallplan "Walküre", den die Verschwörer zu ihren Gunsten angepasst hatten. Am 20. Juli 1944 traf Stauffenberg zur Lagebesprechung bei Hitler in der "Wolfsschanze" bei Rastenburg/Ostpreußen ein. Himmler und Göring waren nicht anwesend. Wie Mitverschwörer Fabian von Schlabrendorff berichtete, konnte Stauffenberg zwar eine Bombe deponieren, die auch explodierte. Doch Hitler überlebte, nur leicht verletzt. Stauffenberg, überzeugt von Hitlers Tod, konnte nach Berlin flüchten, um die weitere Organisation des Putsches zu übernehmen.

Jedoch erreichten die angeforderten Truppen zur Unterstützung des Umsturzes Berlin nicht. Fast zeitgleich mit der Herausgabe der "Walküre"-Befehle reagierte die "Wolfsschanze". Am Nachmittag meldete der Reichsrundfunk das Überleben Hitlers. Die widersprüchlichen Nachrichten sorgten für Unsicherheit unter den Offizieren, auch im Bendlerblock. Manche in die Putschpläne eingeweihten Offiziere begannen zu zweifeln oder liefen über. In der Nacht zum 21. Juli 1944 wurden Stauffenberg und weitere Verschwörer festgenommen und im Hof des Bendlerblocks standrechtlich erschossen. Gegen weitere Beteiligte und ihre Familien setzte ein Verfolgungs- und Hinrichtungswelle ein.

"Operation Walküre" Die "Operation Walküre" war ursprünglich ein Notfall-Plan der Wehrmacht zur Unterdrückung eines Aufstandes durch die Bevölkerung, KZ-Häftlinge oder Kriegsgefangene. Vom konservativen militärischen Widerstand wurde der Plan umfunktioniert, um die Zeit nach nach dem erfolgreichen Hitler-Attentat militärisch und politisch zu ordnen.

"Kreisauer Kreis" Der "Kreisauer Kreis" war eine lose Gruppe von Mitgliedern des bürgerlichen Widerstands um Helmuth James Graf von Moltke, Peter Yorck Graf von Wartenburg und Adam von Trott zu Solz. Bei regelmäßigen Treffen auf dem niederschlesischen Gut Kreisau, in Berlin und München die Umgestaltung des Staates nach dem Ende der NS-Diktatur besprochen.

"Bendlerblock" "Bendlerblock" ist eine nicht offizielle Bezeichnung für einen Gebäudekomplex im Berliner Stadtteil Tiergarten, der ab 1914 für Militärämter genutzt wurde. Im Dritten Reich waren hier Teile der Seekriegsleitung, des Amtes Ausland/Abwehr und das Oberkommando der Wehrmacht untergebracht. Traurige Berühmtheit erlangte der Bendlerblock nach dem gescheiterten Putschversuch am 20. Juli 1944, als Stauffenberg und vier seiner Mitstreiter hingerichtet wurden. Seit 1993 residiert in den Gebäuden das Verteidigungsministerium (zweiter Dienstsitz).

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL im: TV | 20.07.2016 | 10:00 Uhr