1945: Ramin führt den Thomanerchor zu internationalem Ansehen Günther Ramin

(1898-1956)

Geboren am 15. Oktober 1898 in Karlsruhe begann Günther Ramins musikalische Karriere bereits 1910. Damals, nach einem Motettenbesuch in Leipzig, hatte der Zwölfjährige gebettelt, bei den Thomanern mitsingen zu dürfen. Der Vater ließ sich erweichen, arrangierte eine Aufnahmeprüfung bei dem damaligen Thomaskantor Gustav Schreck.

Dieser war begeistert von der klaren Stimme und Musikalität des jungen Ramins. Obwohl das Aufnahmealter schon um zwei Jahre überschritten war, nahm er den Knaben in den Thomanerchor auf. Dort verbrachte er die nächsten vier Jahre. Mit 16 Jahren kam Ramin an das Konservatorium in Leipzig und studierte zunächst intensiv Klavier bei dem als Pädagogen berühmten Robert Teichmüller. Nach einem halben Jahr begann er beim damaligen Organisten der Thomaskirche, Karl Straube, den er aus seiner Thomanerchorzeit kannte mit dem Orgelspiel. Straube, der das Talent des Heranwachsenden erkannte, unterrichtete den jungen Ramin zuerst heimlich und gegen den Willen des Klavierlehrers.

Als 18-Jähriger auf verantwortungsvollem Posten

Schnell entwickelte sich zwischen Ramin und Straube eine Beziehung, die Ramins spätere Frau als Verehrung, Bewunderung und Liebe bezeichnete. Ramin wurde das Ziehkind von Straube. Schon nach einem halben Jahr spielte Ramin zum ersten Mal in der Motette die Orgel und wurde bald der ständige Vertreter Straubes, wenn dieser verreist oder verhindert war. Ramin konnte sich dabei - kaum 18jährig - vor kritischem Publikum profilieren. Ganz angetan schrieb Straube 1916 aus Kopenhagen, als er auf einer längeren Konzertreise war, wie begeistert seine Frau von der Vertretung durch Ramin gewesen sei: "Geliebter Ramino, haben Sie herzlichen Dank (...) für die Treue und Hingabe, mit der Sie meine Vertretung durchgeführt haben! Meine Frau schrieb mir, wie schön die Motetten gewesen seien, und das habe ich doch nur Ihrer Begabung und Ihrer Arbeit zu danken."

1917 - Das Militär ruft

Die ersten musikalischen Erfolge spielten sich für Ramin vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges ab. Konnte Ramin zunächst unbehelligt seiner musikalischen Leidenschaft nachgehen, wurde er 1917 schließlich zum Militär eingezogen. Doch die Militärzeit blieb nur eine kurze Episode in seinem Leben. Nach Kriegsende kam für Günther Ramin der Durchbruch als Organist. Am 1. Dezember 1918, also 20jährig, berief man ihn als Nachfolger Karl Straubes in das Amt des Thomasorganisten. Ein Amt, das er bis 1939 ausübte. Straube, sein Förderer, wurde Thomaskantor.

Durchbruch in den 1930er-Jahren

Die Dreißigerjahre verschafften ihm den großen internationalen Durchbruch. In den Vereinigten Staaten feierte Ramin triumphale Erfolge. Auch die Nationalsozialisten wussten, was sie an Ramin hatten. Als renommierter Organist mit nationalkonservativem Hintergrund versuchten sie ihn dieser Zeit mehrfach für ihre Ziele einzubinden. Die "Urgewalt des Orgelklangs" sollte politisch genutzt werden. Ramin konnte sich mit dieser Rolle zumindest teilweise anfreunden und spielte beispielsweise bei der Hochzeit Hermann Görings im Berliner Dom die Orgel. Im September 1936 beim Nürnberger Reichsparteitagsspektakel wurde eine riesenhafte Orgel installiert. Ramin sollte auf ihr das Orchester unterstützen und den Massengesang begleiten. Günther Ramin machte mit.

Ein weißer Fleck im Meer von Braunhemden

Allerdings ließ er sich nie völlig vereinnahmen. In kleinen Dingen zeigte er Unabhängigkeit. Bei dem Reichsparteitag zum Beispiel widersetzte er sich dem Vorschlag der "Dramaturgen", ein Braunhemd anzulegen. Ramin soll in dieser Situation gesagt haben, dass er ein tadelloses weißes Hemd habe, das genügen werde. So kam es, dass der Organist in einem Meer von Braunhemden im schwarzen Rock mit weißem Hemd die Reichsparteitagsorgel spielte.

Mottetentexte "politisch neutral" - Straube bricht mit Ramin

Offenen Konflikten ging er jedoch aus dem Weg. Er war keine Kampfnatur, wie Karl Straube von ihm einmal sagte. Ramin entsprach der Forderung der Nazis, weniger kirchliche Veranstaltungen im gottesdienstlichen Rahmen zu gestalten. Er beugte sich der Auflage der Nazis, aus den Motettentexten Worte wie "Israel" durch "neutrale" Worte wie "Volk" zu ersetzen. Ramin war es auch, auf den die Nazis setzten, als sie 1939 Karl Straube als Thomaskantor absetzten, um den Chor stärker in die völkische Kulturpolitik einzubinden. Im Sächsischen Ministerium für Volksbildung versprach man sich von Ramin, "daß er die kirchlichen Bindungen des Thomanerchores lockert (...)" Die Art der Nachfolgeregelung von Straube zu Ramin ließ beider Freundschaft erkalten. Der Schüler brach mit seinem Meister. Sie sprachen nicht mehr miteinander. Dass der Chor trotz aller Unwägbarkeiten der Zeit erhalten blieb, mag man Ramin verdanken können.

Nach 45: Rückbesinnung auf Bach

Stimmte man zur NS-Zeit nationalere Töne in der Thomaskirche an, so forderten nach ’45 die sowjetischen Besatzer und später die sozialistischen Machthaber der DDR mehr weltliche Musik, sogar proletarische Volksmusik zu spielen. Dafür wollte sich Ramin nun aber nicht hergeben. Im Gegensatz zu den Erwartungen der Machthaber zog er sich fast ausschließlich auf die Kirchenmusik zurück und widmete sich der alten Bachtradition der Thomaner.

Intern zunehmend umstritten gelang es Ramin in der Nachkriegszeit den Chor zu neuen internationalen Ehren zu führen. Am 17. Februar 1956 erlitt Günther Ramin im Alter von 57 Jahren einen Hirnschlag - kurz nachdem er eine Motette in der Thomaskirche dirigiert hatte. Zehn Tage später ist er, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben, in Leipzig gestorben.

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2005, 16:05 Uhr