Thomas Blatt, ܜberlebender aus dem deutschen Vernichtungslager Sobibor, 2010
Thomas Blatt als Nebenkläger im Demjanjuk-Prozess vor dem Landgericht München, 2010 Bildrechte: dpa

14. Oktober 1943 Thomas Blatt - KZ-Aufstand in Sobibór

Von April 1942 bis Oktober 1943 ermorden die Nationalsozialisten im Vernichtungslager Sobibór in Ostpolen 250.000 Juden. Doch dann geschieht das Unglaubliche: Am 14. Oktober 1943 erheben sich die Insassen gegen ihre Peiniger. Zwölf SS-Wachen und hunderte Häftlinge sterben bei dem Aufstand. Ganze 365 Häftlinge können fliehen, doch nur 47 überleben am Ende. Einer von ihnen ist der 16-jährige Thomas Toivi Blatt. Dies hier ist seine Geschichte.

Thomas Blatt, ܜberlebender aus dem deutschen Vernichtungslager Sobibor, 2010
Thomas Blatt als Nebenkläger im Demjanjuk-Prozess vor dem Landgericht München, 2010 Bildrechte: dpa

Vernichtungslager Sobibór, 14. Oktober 1943: Beim täglichen Appell dröhnten plötzlich laute Rufe von KZ-Insassen durch das Lager: Die meisten Nazis seien tot. Es gebe kein Zurück mehr. Das war das Fanal zum Aufstand von Sobibór, wie Überlebende später berichten. Hunderte Menschen stürmten daraufhin im Gewehrfeuer der SS-Wachmannschaften den Stacheldrahtzaun. Unter ihnen war auch der damals 16-jährige Thomas Toivi Blatt.

Mit 16 ins Vernichtungslager

Zweiter Weltkrieg, Überfall auf Polen, deutsche Soldaten zerbrechen polnischen Schlagbaum.
Mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen im September 1939 beginnt auch der Leidensweg von Thomas Blatt und seiner Familie. Bildrechte: imago/United Archives

Aufgewachsen ist Thomas Blatt, Jahrgang 1927, als Kind einer jüdischen Familie im ostpolnischen Izbica. 1939 besetzten die Deutschen den vorwiegend von Juden bewohnten Ort. Zwei Jahre später übernahm die Gestapo die Herrschaft und erklärt Izbica zum Ghetto. Tausende Juden wurden in Güterzüge getrieben und abtransportiert. Eines der Ziele war das 100 Kilometer nördlich von Izbica gelegene Dörfchen Sobibór. Man erzählte sich, die Juden würden dort mit Gas ermordet.

Es gab Gerüchte, dass die Deutschen Menschen vergasen. Aber wir haben das nicht geglaubt, bis zur letzten Minute. Viele Leute kamen nach Sobibór und haben nicht an die Gaskammern geglaubt.

Thomas Toivi Blatt

Dass die Gaskammern grausame Realität waren, erfuhren auch Toivi und seine Familie. Mit dem letzten Transport von Izbica erreichten sie Sobibór am 28. April 1943.

Überleben im Arbeitslager

Neu angekommene Häftlinge haben auf der Todesrampe im KZ Auschwitz Aufstellung genommen. Links Frauen und Kinder, rechts die Männer
Wie in Auschwitz (Bild) wurden auch in Sobibor die Menschen selektiert. Wer ins Arbeitskommando kam, blieb vorerst am Leben. Bildrechte: dpa

Unter den Ankömmlingen suchte die SS nach Handwerkern und anderen Fachleuten. Doch der 16-jährige Toivi hatte noch keinen Beruf. Wie durch ein Wunder gelang es dem schmächtigen Jungen dennoch, im Arbeitslager unterzukommen. Er sollte die Schuhe des Lager-Aufsehers Karl Frenzel putzen und Aufräumarbeiten erledigen oder den Frauen die Haare scheren, bevor sie ermordet wurden. Seine Eltern und sein jüngerer Bruder wurden dagegen noch am Tag ihrer Ankunft getötet.

Ich habe niemanden in Sobibór weinen sehen. Wenn meine Mutter und mein Vater früher gestorben wären, hätte ich Tag und Nacht geweint. Hier habe ich in wenigen Minuten meine ganze Familie verloren und habe nicht geweint.

Thomas Toivi Blatt

Thomas Blatt war klar, dass auch er am Ende sterben sollte. Er schloss sich einer Verschwörung gegen die Nazis an. Gemeinsam planten etwa 60 eingeweihte Häftlinge einen Aufstand.

Der Aufstand von Sobibór

Diejenigen von euch, die überleben, gebt Zeugnis: Lasst die Welt wissen, was hier geschah!

Alexander Pechersky Zeitzeuge Eli Rosenbaum in der "L.A. Times", November 2015

An diesem Tag, dem 14. Oktober 1943, sollte Thomas Blatt einen Wachmann nach dem anderen in die Schneiderei locken. Nach nur einer Stunde war die Hälfte der SS-Mannschaft tot. Der offene Aufstand brach los.

Ich sah einen SS-Mann, bin zu ihm gegangen, nahm meine Mütze ab und habe gesagt: 'Herr Unterscharführer, wir haben in der Schneiderei einen schönen Ledermantel für Sie.' Er ist dann dorthin gegangen, um den Mantel zu probieren und wurde ermordet.

Thomas Toivi Blatt

Flucht und Überleben im Wald

Toivi Blatt ist einer von mehr als 300 Juden, denen am 14. Oktober 1943 die Flucht aus Sobibór gelang. Nur 47 von ihnen erlebten das Kriegsende. Ein Bauer versteckte Blatt und andere Flüchtlinge fünf Monate lang in seiner Scheune - damit er sie nicht verriet, bezahlten sie ihn mit Geld aus dem Wertsachenmagazin des KZ. Als die Knechte des Bauern die "Scheunengäste" erschießen wollten, überlebt Blatt - mit einer Kugel im Unterkiefer. Bis Kriegsende versteckte er sich im Wald und in leerstehenden Gebäuden. Das Kriegsende erlebt er ernüchtert: "Ich hätte high sein müssen, vor Freude tanzen", sagte er später, "aber ich fühlte mich nur leer, einsam und traurig." Ein Zuhause hatte Blatt nicht mehr.

Spuren fast für immer beseitigt

Konzentrationslager Sobibor
Eine kleine Gedenkstätte erinnert an die Opfer des KZ von Sobibór. Bildrechte: IMAGO

Nach 1943 weist nichts mehr auf die Baracken und Gaskammern hin, denn die Nazis hatten das Lager zwischen November 1942 und Dezember 1943 "geschleift" - die Gebäude bis auf die Grundmauern abgerissen, die Trümmer weggeschafft und Bäume gepflanzt. Auch Pläne und Dokumente waren vernichtet. Die streng geheime "Aktion Reinhardt", die systematische Ermordung sämtlicher Juden im besetzten Polen, wäre beinahe - wie geplant - das perfekte, nämlich nie aufgedeckte Verbrechen geworden. Doch im September 2014 legten Archäologen Spuren des Lagers frei: Sie stießen auf die Grundmauern und Fundamente von vier mutmaßlichen Gaskammern, gruben Reste der Rampe aus, an der die Deportierten ankamen, und entdeckten den, zynisch "Himmelfahrtstraße"genannten, 230 Meter langen Weg auf, über den die Juden nackt und kahl geschoren zu den vermeintlichen Duschgebäuden laufen mussten.

250.000 ermordete Juden

Thomas Blatt
Thomas Toivi Blatt (1927-2015) Bildrechte: IMAGO

Thomas Blatt setzte die Mahnung, Zeugnis zu geben über das, was in Sobibór geschah, sein Leben lang um. Bei seinem ersten Besuch Mitte der 50er-Jahre zurück in Ostpolen fand er in Sobibór eine große Gedenktafel - die an 250.000 ermordete sowjetische Staatsbürger erinnerte. Toivi Blatt setzte 30 Jahre lang alles daran, dass daran erinnert wurde, dass die Opfer durchweg Juden waren. Außerdem schrieb er mehrere Bücher. Eines davon, "Nur die Schatten bleiben. Der Aufstand im Vernichtungslager Sobibór" zählt zu den wichtigsten Werken über den Holocaust. In Deutschland, Amerika, Kanada, Mexiko und Polen hielt er viele Vorträge über das Lager.

Treffen mit ehemaligem SS-Wachmann

Die Angeklagten im Sobibor-Prozess
Angeklagte im ersten Sobibor-Prozess in Hagen 1965: Karl Frenzel (1. Reihe, 4.v.l.). Ganz links sitzt Werner Dubois, der sich im Prozess beklagt, dass er beim Lager-Aufstand ein Auge verloren hatte. Bildrechte: IMAGO

1983 trifft er sich mit dem KZ-Aufseher Karl Frenzel - auf dessen Wunsch. Frenzel, der 1965 im Hagener Sobibor-Prozess für seine Verbrechen in der Nazizeit zu 16 Jahren und fünf Monaten Haft verurteilt worden war und diese auch verbüßt hatte, wollte sich entschuldigen und suchte Vergebung. Thomas Blatts Frage in dem Gespräch, ob er Antisemit war, verneinte Frenzel. Er habe "nur seine Pflicht erfüllt" und er träume genau wie Blatt von dem, was im Lager passiert sei, antwortete der ehemalige SS-Mann.

Zeuge im Demjanjuk-Prozess

John Demjanjuk wird nach der Urteilsverkündung in München aus dem Gerichtssaal gefahren
SS-Mann John Demjanjuk wurde 2010 in München wegen 28.000-fachen Mordes an Sobibór-Häftlingen verurteilt. Bildrechte: Lennart Preiss/dapd

Anfang 2010 sagte Blatt, damals bereits 83 Jahre alt, als Zeuge im Prozess gegen den ehemaligen ukrainischen SS-Mann John Demjanjuk aus. Demjanjuk wurde wegen seiner Beteiligung an 28.000 Morden im Vernichtungslager Sobibór in Ostpolen zu einer Haftstrafe von fünf Jahren verurteilt. Das Urteil wurde wegen seines hohen Alters und seiner angeschlagenen Gesundheit jedoch aufgehoben. Demjanjuk starb 2012 im Alter von 91 Jahren.

Thomas Blatt überlebte ihn nur um wenige Jahre. Der Mann, der sein Versprechen, der Welt über Sobibór zu berichten, bis zum Ende seines Lebens einlöste, starb am 31. Oktober 2015 88-jährig im kalifornischen Santa Barbara.

Buchtipp Thomas Toivi Blatt:
"Nur die Schatten bleiben. Der Aufstand im Vernichtungslager Sobibór"
Berlin: Aufbau-Taschenbuch 2010,
335 Seiten,
ISBN: 3-7466-8068-9

Thomas Toivi Blatt:
"Sobibór - der vergessene Aufstand"
Hamburg/Münster: Unrast 2004,
254 Seiten,
ISBN: 3-89771-813-8

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Geschichte Mitteldeutschlands - Das Magazin | 30.09.2014 | 21:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Oktober 2016, 00:33 Uhr

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