Wolfgang Nossen, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde
Wolfgang Nossen in der Neuen Synagoge Erfurt Bildrechte: MDR/Secilia Pappert

Wolfgang Nossen (1931-2019): Ein Leben zwischen Israel und Mitteldeutschland

Anfang 2013 ging der langjährige Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen in den Ruhestand. 18 Jahre lang hatte er das jüdische Leben im Freistaat geprägt. Damit ist aber nur ein Kapitel seiner reichen Lebensgeschichte erzählt, den sein Weg führte ihn von Breslau nach Erfurt, weiter nach Israel und der Liebe wegen wieder zurück nach Mitteldeutschland. Am 16. Februar 2019 starb Nossen im Alter von 88 Jahren.

Wolfgang Nossen, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde
Wolfgang Nossen in der Neuen Synagoge Erfurt Bildrechte: MDR/Secilia Pappert

Seine Lebensgeschichte handelt von Angst und Flucht, von Träumen und von Freiheit. Was Wolfgang Nossen zu berichten weiß, ist lebendige Geschichte und zugleich ein spannender Krimi. Er hat die Shoah überlebt und kämpfte als Soldat in vier Kriegen. Dennoch hat er sich seine Lebensfreude bewahrt und kehrte am Ende sogar in das Land zurück, das ihm selbst so viel Unheil gebracht hatte ...

Kindheit in Niederschlesien

Die erste Station seines wechselvollen Lebens war Breslau. Hier wurde Wolfgang Nossen am 9. Februar 1931 als ältester Sohn einer jüdischen Fleischerfamilie geboren. Die Stadt war damals die Provinzhauptstadt Niederschlesiens und beheimatete eine der größten jüdischen Gemeinden Deutschlands. Mit der Machtergreifung durch die Nazis begann der wirtschaftliche Niedergang der Familie - und auch für Wolfgang änderte sich einiges:

Sein Vater kam bereits 1938 in das Konzentrationslager Buchenwald. Die Familie brachte das letzte Geld auf, damit er sich durch eine Ausreise die Freiheit erkauft. Doch statt nach Shanghai zu flüchten, kehrte der Vater zurück zur Familie, denn ohne sie wollte er das Land nicht verlassen. Aber noch bevor die siebenköpfige Familie flüchten konnte, begann der Zweite Weltkrieg und der Weg gen Osten war versperrt.

Überleben in Breslau

Richtige Angst, berichtet Wolfgang Nossen heute, lernte er 1943 kennen, als er gerade einmal zwölf Jahre alt war. Sicher war die Zeit zwischen 1938 und 1943 nicht einfach gewesen und von großen Entbehrungen gezeichnet. Wolfgang musste über Nacht lernen, was es bedeutet, als Jude ausgegrenzt und dem Tode geweiht zu sein.

Die Familie wurde mit den wenigen verbliebenen Breslauer Juden in das Ghetto der Stadt, in eins der sogenannten Judenhäuser gepfercht. Als der Vater schließlich 1944 erneut ins KZ verschleppt wurde, musste Wolfgang die Verantwortung für die Mutter und die jüngeren Schwestern übernehmen. Mit jugendlichem Entdeckergeist wurde er, wie er heute sagt, zu einem begnadeten Kellereinbrecher und versorgte die Familie mit den nötigsten Lebensmitteln. So harrte die Familie trotz Bombenangriffen bis 1945 im Ghetto aus.

Kurz vor Kriegsende sollte kurzer Prozess mit den verbliebenen Juden gemacht werden. Im Februar 1945 wurden sie zum Breslauer Oderhafen abtransportiert, den Tod vor Augen. Längst waren die Bewohner der Stadt geflohen und Breslau zur Festung erklärt worden. Da brachte ein Luftangriff die ersehnte Chance zur Flucht. Ausgerechnet in einer menschenleeren SS-Siedlung tauchte die Familie unter, dort, so vermuteten sie, würde man wohl am wenigsten nach ihnen suchen. Sie überlebten die letzten Monate, bis die Stadt nach der Kapitulation der Roten Armee in die Hände fiel. Unter den Soldaten war auch der schon tot geglaubte Vater, ein wahres Wunder für die Familie. Er war während eines "Todesmarsches" geflohen und hatte sich der Roten Armee angeschlossen.

Wolfgang war bis zur Rückkehr des Vaters das Familienoberhaupt. Der strikten Anweisung, das Haus nicht zu verlassen, widersetzte er sich. Prompt wurde er von polnischen Milizionären aufgegriffen, die arbeitsfähige Deutsche suchte und die ihn für einen Hitlerjungen hielt. Als er ihnen begreiflich machen konnte, dass er Jude ist, setzte es gleich eine zweite Tracht Prügel, wie er heute berichtet. Der 14-Jährige wurde in eine Arbeitskolonne gesteckt, die einen Soldatenfriedhof in Breslau errichten sollte. Der erste Fluchtversuch misslang, ein anderer Junge wurde dabei sogar erschossen. Der zweite Versuch glückte ihm und brachte den jungen Mann zurück zu seiner Familie.

Gestrandet in Erfurt

Nur weg aus Breslau, hieß es für die Familie von Wolfgang Nossen. Ein Bustransport nach Erfurt, der für die verbliebenen 400 Breslauer Juden organisiert worden war, kam gerade recht.

Wir wollten in die amerikanische Zone. Für uns war klar: Deutschland ist am Ende, wir wollen auswandern. Endlich. Mein Vater hatte eine Schwester in Uruguay, da wollten wir hin.

Wolfgang Nossen

Als die Familie nach langer Fahrt in Erfurt ankam, gehörte die Stadt bereits zur Sowjetischen Zone. Doch Wolfgangs Mutter erkrankte schwer und so entschied sich die Familie, in Erfurt zu bleiben. Der Vater drängte darauf, dass Wolfgang die Schule beenden sollte. Widerwillig fügte er sich dem Vater, ohne zu ahnen, dass er hier sein Glück fand. In der Volksschule lernte er Elisabeth kennen, seine erste große Liebe. Anfangs verheimlichte er ihr und seinen Klassenkameraden seine jüdische Herkunft.

Ich sitze da in der Klasse und es klopft zaghaft, die Tür geht auf und ein bildschönes Mädchen kommt rein. Nach der Schule drängten sich alle Jungs um sie rum und alle wollten sie nach Hause bringen. Die Wahl fiel auf mich!

Wolfgang Nossen

Die Familie richtete sich vorerst in Erfurt ein. Eine lebendige jüdische Gemeinde entstand durch den Zustrom aus Breslau, in Erfurt selbst hatten nur 15 Juden überleben können. Auch Wolfgang, der mittlerweile eine Ausbildung zum Automechaniker machte, fand hier seinen Platz im jüdischen Sportverein. So kam es auch dazu, dass er 1948 zum ersten jüdischen Sportfest nach Berlin fuhr. Kurz zuvor war der Staat Israel gegründet worden und so warb man unter den jungen Menschen nach Einwanderern und auch potentiellen Verteidigern des neuen Landes.

Der 17-jährige war begeistert von der Idee auszuwandern. Er überzeugte seine Eltern, schließlich war er noch nicht volljährig. Zusammen mit einer Gruppe junger Juden aus Erfurt meldete er sich an. Schließlich offenbarte er sich seiner großen Liebe und auch seinen Schulkameraden. Elisabeth wollte er nachholen und sich mit ihr ein Leben in Israel aufbauen.

Dann habe ich denen erst erzählt, dass ich nach Israel gehe. 'Warum', fragten sie. Da habe ich gesagt: 'Na ja, ich bin Jude!' 'Das gibt's doch gar nicht, du bist doch so wie wir', sagten sie darauf. Da sagte ich: 'Ja, ja, das dachte ich auch immer, bis man uns was anderes beigebracht hat. Da ist gerade ein eigener Staat gegründet worden, da muss ich dabei sein.'

Wolfgang Nossen