#miteinanderstark Die Oderflut 1997 lässt Deutschland zusammenwachsen

Im Sommer 1997 reißt eine Naturkatastrophe die Deutschen aus ihrem eingespielten Alltag - und schweißt die Nation zusammen. Beim Oderhochwasser erfahren Ostdeutsche eine Welle von Hilfsbereitschaft, die ihresgleichen sucht. Erstmals seit der Wiedervereinigung ist auch die Bundeswehr in den "neuen Ländern" großflächig im Einsatz. Die Menschen in Ost und West erleben während der Katastrophe, dass sie tatsächlich zusammengehören.

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Während in Brandenburg fast alle Schäden beseitigt sind, sieht es in Polen auch ein Jahr später noch immer aus, wie kurz nach dem Hochwasser 1997.

MDR FERNSEHEN Do 13.08.1998 22:05Uhr 06:23 min

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Ungewöhnlich starke Regenfälle lassen Anfang Juli 1997 in Polen und Tschechien Flüsse gefährlich anschwellen. In nur drei Tagen sind die Wasserstände schon nicht mehr messbar – riesige Gebiete stehen unter Wasser. Eine Katastrophe, die weit über 100 Menschenleben fordert. Und schon bald ist klar: Auch Deutschland wird nicht verschont bleiben - die gewaltigen Wassermassen schieben sich auf der Oder unaufhaltsam richtung Norden. Am 17. Juli kommen sie in Brandenburg an.

Nationale Aufgabe

Das ostdeutsche Bundesland ist mit der Katastrophe hoffnungslos überfordert. Doch die Brandenburger sind nicht allein. Eine gigantische Hilfsaktion wird in Gang gesetzt. Bundeswehr und Bundesgrenzschutz schicken Einheiten nach Brandenburg, aber auch DRK, Feuerwehren aus allen Bundesländern sowie das Technische Hilfswerk machen sich umgehend auf den Weg in den Osten. Bundeskanzler Helmut Kohl erklärt die Oderflut zur nationalen Aufgabe. "Deswegen bin ich hier, damit überall in Deutschland man begreift, was hier an der Oder geschieht", sagt er bei einem Vor-Ort-Besuch.

Größter Einsatz der Bundeswehr

Es ist die erste Naturkatastrophe im wiedervereinigten Deutschland, und für die Bundeswehr ist es der größte Einsatz ihrer Geschichte: 30.000 Soldaten sind in Brandenburg im Einsatz, 50 Hubschrauber und mehr als 2.500 Lkw und Spezialmaschinen. Gemeinsam mit freiwilligen Helfern kämpfen sie verbissen um die Deiche, verbauen 8,5 Millionen Sandsäcke, um sie zu halten.

Mehr als 600 Soldaten versuchen am 30.7.1997, den Oderdeich bei Hohenwutzen mit Planen und Sandsäcken zu befestigen.
Mehr als 600 Soldaten versuchen am 30.07.1997, den Oderdeich bei Hohenwutzen zu sichern. Bildrechte: dpa

Generalmajor Hans-Peter von Kirbach leitet den Einsatz des Bundeswehrverbands. Die Einsatzbereitschaft der Soldaten beeindruckt ihn.

Ich habe alle Dialekte vernommen an der Oder. Aber egal, wo die Menschen herkamen, sie haben die Deiche als die ihren betrachtet.

Hans-Peter von Kirbach, Generalmajor der Bundeswehr

Oft erlebt er, dass Einheiten, die nach zwölf Stunden Einsatz abgelöst werden sollen, darum bitten, länger im Einsatz zu bleiben, um ein Stück Deich noch fertizugmachen.

Hilfe von der "Armee des Feindes"

Die Bundeswehr gilt vielen im Osten Deutschlands auch im Sommer 1997 noch als eine "feindliche Armee". Doch das ändert sich jetzt schlagartig. Die Soldaten der Bundeswehr werden von den Brandenburgern nun als Helfer und Freunde wahrgenommen, die nicht selten sogar ihr Leben riskieren, um irgendeinen aufgeweichten Deich zu sichern. So zum Beispiel Jan Uwe Kestner am 25. Juli bei Neuglietzen. Dort rutschen Teile des Deiches ab - im letzten, verzweifelten Versuch, den Deich noch zu halten werfen Bundeswehrhubschrauber sandeäcke in das Loch - und der Bundeswehroffizier weist sie unter Lebensgefahr auf dem brüchigen Deich stehend ein!

Fast bis zum Dach stehen Busse 1997 in der vom Oderhochwasser überfluteten Thälmann-Siedlung nahe dem brandenburgischen Eisenhüttenstadt.
Die Flut rollt Richtung Eisenhüttenstadt. In der nahen Ernst-Thälmann-Siedlung nahe der Stadt stehen Busse fast bis zum Dach im Oderhochwasser (Aufnahme vom 27.07.1997). Bildrechte: dpa

Doch in der Ziltendorfer Niederung sind die Deiche allen Anstrengungen zum Trotz nicht zu halten. 170 Häuser und 77 Hektar Land stehen dort unter Wasser. Die Menschen verlieren ihr Hab und Gut. Heinz Blümel glaubt seine gesamte Existenz vernichtet: Sowohl sein Wohnhaus, als auch seine Gastwirtschaft sind komplett überflutet. "Man hat so viele Jahre gebaut, und fast alles nur aus eigener Kraft gemacht. Und wenn es alles zunichte gemacht wird und man muss wieder von vorne beginnen, das ist schlimm", erinnert er sich in der ARD-Dokumentation "60 x Deutschland".

Eine Welle der Hilfsbereitschaft

In den Medien verfolgen die Menschen in der gesamten Bundesrepublik den verzweifelten Kampf um das Oderbruch im östlichsten Zipfel des Landes. Für viele Westdeutsche ist das Oderbruch ein Niemandsland, von dem sie noch nie gehört haben, eine Landschaft kurz vor Sibirien.

Doch eine ungeahnte Hilfsbereitschaft bricht sich in Ost und West gleichermaßen Bahn. Die Menschen öffnen ihre Geldbörsen: Mehr als 50 Millionen Euro fließen auf den Spendenkonten zusammen, auch an die Flutopfer in Polen und Tschechien wird gedacht. Und damit nicht genug. Nicht wenige Menschen machen sich auf den Weg nach Brandenburg, um selbst mit anzupacken: zuerst beim Füllen und Schleppen von Sandsäcken und später, als das große Wasser geht, beim Aufräumen.

Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (r) informiert sich am 29.7.1997 von einem Deich aus über den Hochwasserpegel der Oder.
Bundeskanzler Helmut Kohl (r.) informiert sich am 29.07.1997 von einem Deich aus über den Hochwasserpegel der Oder (links: Matthias Platzeck, damals brandenburgischer Umweltminister). Bildrechte: dpa

Anfang August 1997 hält Brandenburgs damaliger Ministerpräsident Manfred Stolpe im Bundestag eine Rede zur Lage in seinem Bundesland. Er erzählt von katastrophalen Zuständen im Oderbruch und von den dramatischen Ereignissen, als einige Deiche brachen. Er berichtet aber auch bewegt von der überbordenden Hilfsbereitschaft, die die Menschen an der Oder jeden Tag erleben.

Die Menschen rücken im Kampf gegen die Naturgewalten zusammen.

Manfred Stolpe, Brandenburgs damaliger Ministerpräsident

"Ossis und Wessis erleben angesichts der existentiellen Herausforderung, dass sie zusammengehören. An den Deichen der Oder hat die deutsche Nation im Jahr sieben der Einheit ihre Belastungsprobe bestanden", sagt Stolpe.

Mitte August 1997 ist das Wasser weitegehend abgeflossen, die Gefahr vorüber. Die Menschen können endlich in ihre Dörfer und Häuser zurückkehren. Das große Aufräumen beginnt. Aber auch jetzt sind die Menschen im Oderbruch nicht allein. Neben Bundeswehr, Feuerwehren und THW sind Hunderte Freiwillige im Einsatz.

Helfer aus Bayern opfert Urlaub

Auch bei Heinz Blümel steht eines schönen Tages ein solcher unerwarteter Helfer vor der Tür: Manfred Rominger hat seinen Urlaub geopfert und ist von Bayern nach Brandenburg gekommen, um mit anzupacken. "Das sind unsere Brüder", wird er Jahre später zu seinem spontanen Hilfseinsatz in Ostdeutschland sagen.

Der Alltag ist alleine zu meistern. Aber wenn etwas Größeres passiert, dann muss man zusammenstehen und solange wir zusammenstehen, haben wir nicht verloren.

Manfred Rominger, freiwilliger Helfer nach der Oderflut 1997

Die Gastwirtschaft von Heinz Blümel entwickelt sich zu einem Anlaufpunkt für solche freiwilligen Helfer. Die ärgste Not der Flutopfer lindern auch die Spendengelder, die jetzt zügig verteilt werden. Das Wort von der "Einheitsflut" kommt in diesen Wochen erstmals auf. Erst im Oktober 1997 wird ihre Mission in Brandenburg beendet sein. Heinz Blümel wird in sein Wohnhaus aber erst ein Jahr später wieder einziehen können.

Deutsche Einheit emotional vollzogen

Nicht wenige meinen damals, dass die Deutsche Einheit emotional erst in den Wochen der Oderflut vollzogen wurde, als die Deutschen in Ost und West im Kampf gegen die Wassermassen zusammenrückten, sich erstmals tatsächlich als Gemeinschaft begriffen und einander in der Not ohne zu zögern, beistanden. Erst im Sommer 1997, sei Deutschland tatsächlich zu einer Nation zusammengewachsen. Fest steht: Die Menschen sind in der Not miteinander stark!

Blick aus dem Flugzeug am 21.7.1997 auf die überschwemmte Ortschaft Ratzdorf, südlich von Eisenhüttenstadt.
Blick aus dem Flugzeug am 21.07.1997 auf die überschwemmte Ortschaft Ratzdorf, südlich von Eisenhüttenstadt. Bildrechte: dpa

(Quellen: Enorm, was die leisten, Spiegel 1997; Schäden beseitigt, nichts gelernt, DLF 2007; 60 x Deutschland. Die Jahresschau 1997, Das Erste 2009)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Zeitreise: 20 Jahre nach der "Einheitsflut" | 11. Juli 2017 | 21:15 Uhr