Kriegsende Offene Städte: Hätten die Bombenangriffe verhindert werden können?

Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden Magdeburg und Dresden noch durch alliierte Bombenangriffe zerstört. Doch der Bombenkrieg verschonte auch auch etliche kleinere Städte in Mitteldeutschland nicht - Nordhausen, Halberstadt oder Meuselwitz etwa verloren nicht nur einen Großteil der historischen Bausubstanz, sondern auch ein Stück ihrer Identität. Bis heute gibt es Kontroversen um die Opferzahlen. Hätten diese Dramen vielleicht allesamt verhindert werden können?

Menschen laufen nach einem Bombenangriff, zwischen Trümmern auf den Straßen von Magdeburg
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Am 16. Januar 1945 wird Magdeburg von Bombern der Royal Air Force aus der Luft angegriffen. Rund 2.500 Menschen sterben, etwa 11.000 werden verletzt. Etwa 85 Prozent der Innenstadt fallen in Schutt und Asche. Es ist das schlimmste Inferno, das der Elbestadt seit ihrer Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg widerfährt. Hätte es verhindert werden können?

Ja, heißt die erste Antwort: Wenn die Deutschen nicht den furchtbarsten Krieg der Weltgeschichte entfacht hätten.

Ja, vielleicht, heißt die zweite Antwort, wenn Magdeburg zur offenen Stadt erklärt worden wäre, so der Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller in der MDR-Dokumentation "1945 – Unsere Städte: Der Bombenkrieg". Was verbirgt sich hinter jener Erklärung zur "offenen Stadt" und hätte sie Magdeburg und andere Städte in Mitteldeutschland wirklich retten können?

 Was ist eine "offene Stadt"?

"Den Begriff der 'offenen Stadt' hat es eigentlich nie gegeben",  sagt der Historiker John Zimmermann vom Potsdamer Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr. "Das ist ein umgangssprachlicher Begriff, der irgendwann einmal aufkam – wann genau, weiß man auch nicht mehr, wahrscheinlich in Kriegszeiten – der etwas dokumentieren soll, was es im Völkerrecht überhaupt nicht gibt."

Militärisch nicht genutzte Stadt

Das Völkerrecht, genauer gesagt Artikel 25 der Haager Landkriegsordnung von 1907, kennt lediglich die unverteidigte Stadt. Dort heißt es:

Es ist untersagt, unverteidigte Städte, Dörfer, Wohnstätten oder Gebäude, mit welchen Mitteln es auch sei, anzugreifen oder zu beschießen.

Artikel 25 der Haager Landkriegsordnung von 1907

So kurz, so unscharf. Keine Ausführungen, was genau eine "unverteidigte Stadt" ist. "Im Grunde geht es darum, dass eine Stadt nicht verteidigt wird", so Militärhistoriker Zimmermann, "was impliziert, dass sie militärisch nicht genutzt wird. Doch allein aufgrund der Infrastruktur einer Stadt kann so etwas nie zu hundert Prozent garantiert werden. Denken Sie nur an Eisenbahnverbindungen oder Ähnliches." Laut Rolf-Dieter Müller genügt es, wenn "keine militärischen Dienststellen und Verbände" in der Stadt sind. Auch gibt der Text des Haager Abkommens nichts dazu her, wie genau eine Stadt zur unverteidigten Stadt erklärt werden kann. Historiker Zimmermann: "Man ist ja damals immer noch vom Staatenkrieg ausgegangen, sprich dass die jeweilige Regierung Städte zu 'offenen Städten' erklärt und die dann besetzt werden können und nicht erobert werden müssen. Was natürlich eine diffizile Geschichte ist. Da ist unterhalb der Regierungsebene nicht gesagt, wer überhaupt befugt ist, eine Stadt zur 'offenen Stadt' zu erklären."

Es gab immer einen Mutigen in der Stadt

Diese Befugnis haben in Deutschland zum Ende des Zweiten Weltkriegs am ehesten die örtlichen Kampfkommandanten. Doch auf Erlaubnis von oben brauchen sie nicht zu warten. Im Gegenteil, die klare Ansage der Reichsführung lautet: Kampf bis zur letzten Patrone. Wenn ein Kommandant dagegen handelt, droht ihm die Todesstrafe. "In der Regel ist es dadurch passiert", so Zimmermann, "dass sich irgendwelche mutigen Bürgerinnen oder Bürger gefunden haben, die dem Angreifer entgegen gefahren sind und gesagt haben: Wir übergeben die Stadt. Ob sie dazu befugt waren oder nicht, ist wieder eine ganz andere Frage."

In Magdeburg gibt es im Januar 1945 weder einen Kampfkommandanten, der vorhat, gegen seine Befehle zu handeln, noch Bürgerinnen oder Bürger, die den Mut besitzen, Kontakt mit dem Feind aufzunehmen. Und selbst wenn, hätte es zum damaligen Zeitpunkt kaum eine realistische Chance dafür gegeben. Die Westalliierten stehen noch jenseits des Rheins und im Fall der Roten Armee hofft man in Magdeburg, dass sie die Elbestadt nie erreichen wird.

Ruinen der Stadt Magdeburg nach dem Bombenangriff.
Ruinen der Stadt Magdeburg nach dem Bombenangriff Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ahlen: Die erste "offene Stadt" Deutschlands

Nachdem die Amerikaner im März den Rhein überquert haben, ist es folgerichtig eine Stadt im Westen des Landes, die zur ersten "offenen Stadt" Deutschlands erklärt wird – das westfälische Ahlen am 31. März 1945. Dass das gelingt, ist ein Verdienst des örtlichen Lazarettleiters und des amerikanischen Colonels, der Vertrauen in die Worte des mutigen Oberfeldarztes hat. Ein Vertrauen, für das es damals eigentlich keine Basis gibt. Historiker Zimmermann bringt es auf den Punkt: "Die Art und Weise, wie die Deutschen diesen Krieg geführt haben, legt nicht nahe, dass man ihnen vertrauen kann und dass man sie jetzt unbedingt schonen muss. Und die Direktiven, mit denen die westlichen Soldaten in dieses Deutsche Reich gekommen sind – Fraternisierungsverbot, jeder Deutsche ist ein Nazi – haben auch nicht vertrauensförderlich gewirkt. Das muss man in Betracht ziehen, wenn man sich deutscherseits 1945 plötzlich auf ein Kriegsrecht beruft, das man Jahre lang selber nicht befolgt hat."

Warum sollten Alliierte Regeln befolgen?

So hatten sich zum Beispiel 1940 Rotterdam und 1941 Belgrad zu offenen Städten erklärt und sind trotzdem von der deutschen Luftwaffe bombardiert worden. Warum sollten die 1945 in Deutschland einrückenden Alliierten nun alle Regeln befolgen? Dafür fehlt die Vertrauensbasis: "Da kämpfen sich Soldaten von der Normandie bis an die Elbe", so John Zimmermann. "Die haben monatelangen Krieg hinter sich und Gott weiß, wo sie ihn vorher schon geführt haben, vor der Normandie. Da ist es äußerst schwierig, sein Leben davon abhängig zu machen, dass irgend ein Deutscher, den man nicht kennt und den man auch nicht zuordnen kann, auf einen zufährt und sagt: Ich übergebe Ihnen meine Stadt. Da kann der zehnmal behaupten, er sei der Oberbürgermeister. Das kann man ja gar nicht überprüfen."

Eine der letzten Aufnahmen von Adolf Hitler vom 20. April 1945, seinem Geburtstag, zeigt ihn bei der Auszeichnung von Mitgliedern der Berliner Hitler-Jugend, die zum Ende des Zweiten Weltkrieges in Volkssturmeinheiten zusammengefaߟt wurden.
Eine der letzten Aufnahmen von Adolf Hitler vom 20. April 1945, seinem Geburtstag, zeigt ihn bei der Auszeichnung von Mitgliedern der Berliner Hitlerjugend, die zum Ende des Zweiten Weltkrieges in Volkssturmeinheiten zusammengefasst wurden. Bildrechte: dpa

Wernigerode und Gotha

Ein Beispiel dafür, dass diese Skepsis gerechtfertigt ist, ist der Harzort Wernigerode. Dort kommt es am 11. April 1945 trotz erfolgreicher Verbindungsaufnahme mit den anrückenden Amerikanern zu Schießereien, verursacht durch fanatisierte Hitlerjungen. Zwanzig Menschen sterben. Zudem wird am nächsten Tag in der Nähe der Stadt auch der örtliche Kampfkommandant von den eigenen Leuten exekutiert, weil er sich geweigert hatte, Wernigerode in eine Kampfzone einzubeziehen und gegen die Amerikaner zu verteidigen.

Auch in anderen Städten bezahlen Mutige ihre Courage mit dem Leben, so der Kommandant Joseph von Gadolla, der Anfang April das thüringische Gotha zur "offenen Stadt" erklärt, den Amerikanern entgegenfährt, auf dem Weg dorthin aber von Wehrmachtssoldaten abgefangen und am 5. April 1945 in Weimar erschossen wird. Dafür bleibt der Stadt die drohende Zerstörung erspart.

Magdeburg erklärt sich zur Festung

Prinzipiell hätte auch Magdeburg bei einer Erklärung zur "offenen Stadt" die Zerstörung erspart bleiben können, aber sehr wahrscheinlich nicht im Januar 1945. Und wenn doch, dann ganz in Abhängigkeit vom Tun und Lassen der individuell handelnden Personen. Einen rechtlich geregelten Automatismus gab es nicht. Die Realität: Der örtliche Kampfkommandant erklärt Magdeburg am 7. April nicht zur "offenen Stadt", sondern zur Festung, die bis zum letzten Blutstropfen verteidigt werden soll. Ohne eine offizielle Kapitulation besetzen die Amerikaner nach einem letzten schweren Luftangriff am 19. April die Elbestadt. Die letzten Kampfhandlungen enden am 30. April 1945, dem Tag, an dem sich Hitler in seinem Berliner Bunker erschießt.

Dieses Thema im Programm: 1945 – Unsere Städte: Der Bombenkrieg | 04. Februar 2020 | 22:05 Uhr