Spielszenen aus Geschichte Mitteldeutschlands: Paulus
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR FERNSEHEN | 03.02.2013 | 23:50 Uhr Generalfeldmarschall Paulus: Der Verlierer von Stalingrad und die DDR

Er gilt als Hitlers Hoffnungsträger und führt die 6. Armee Anfang 1943 in die verheerendste Niederlage des Zweiten Weltkriegs - die Schlacht von Stalingrad. Er überlebt und gerät in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Er sagt als Kronzeuge und nicht als Angeklagter bei den Nürnberger Prozessen aus, übersiedelt schließlich in die DDR, wohnt im Dresdner Nobelviertel "Weißer Hirsch", obwohl sich seine Familie im Westteil Deutschlands niedergelassen hat. Wie kam es dazu? Und wie lebte Friedrich Paulus mit seiner Schuld?

Spielszenen aus Geschichte Mitteldeutschlands: Paulus
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Unter seinem Oberbefehl wird die Stadt an der Wolga zum Massengrab, der Tod von Zehntausenden deutschen Soldaten ist für immer mit seinem Namen verbunden: Generalfeldmarschall Friedrich Paulus. Der Sohn einer typischen kleinbürgerlichen Beamtenfamilie der Kaiserzeit beginnt Anfang des 20. Jahrhunderts seine steile Karriere. 1910 tritt er ein in die preußische Armee, in einer Zeit, in der Militär und Beamtentum gute Aufstiegschancen versprechen.

Steile Karriere als Taktiker

Nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg kann Friedrich Paulus seine Laufbahn auch in Hitlers Wehrmacht fortsetzen. Der brillante Taktiker schafft es bis in die obersten Kreise der militärischen Führung, arbeitet maßgeblich am geheimen "Unternehmen Barbarossa" zum Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 mit.

Er erhält im Januar 1942 den Oberbefehl über die 6. Armee - einen ursprünglich in Sachsen aufgestellten Kampfverband der Wehrmacht. Er führt sie in den Untergang, weil er Hitlers wahnwitzigen Durchhalteparolen bis zum Schluss folgt. Die Niederlage in Stalingrad im Februar 1943 wird zum Wendepunkt des Krieges.

Meine geliebte Coca! ... Ich stehe als Soldat dort, wo ich jetzt stehe, auf Befehl. Was mein Schicksal sein wird, weiß ich nicht, ich muß aber nehmen, was Gott mir gibt. Dein Fritz

Aus Paulus' Abschiedsbrief an seine Frau Constance, Januar 1943

Gehorsamer Soldat bis zum bitteren Ende

Paulus wird noch heute vorgeworfen, sich nicht gegen seinen Förderer Hitler gestellt zu haben, der ihn wenige Stunden vor seiner Gefangennahme durch die Sowjets noch zum Generalfeldmarschall befördert hat: Eine kaum verhohlene Aufforderung zum Selbstmord, der Paulus nicht folgt.

So geht er als ranghöchster Militär der Wehrmacht in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Dort stellt er sich erst nach langem Zögern gegen Adolf Hitler. Nach Stauffenbergs Attentat vom 20. Juli 1944 engagiert er sich aktiv im Widerstand.

Kronzeuge in Nürnberg und die letzten Jahre in der DDR

Bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen sitzt er dann nicht auf der Anklagebank, sondern tritt als Zeuge auf. Nach zehn Jahren Kriegsgefangenschaft zieht er 1953 - sechs Monate nach Stalins Tod - in die DDR. Von der Staatsführung hofiert, lebte er unbehelligt in Dresden.


Die DDR will mit Paulus Hilfe verhindern, dass die Bundesrepublik der NATO beitritt und so endgültig Teil des US-amerikanischen Machtbereiches wird. Doch sein propagandistisches Engagement scheitert. Viel mehr erreichen ihn Drohbriefe aus Ost und West. Gefragt wird er immer wieder nach seiner Verantwortung in Stalingrad. Am 1. Februar 1957 stirbt er in Dresden, ohne seine geliebte Frau wiedergesehen zu haben.

Zeitzeugen, Experten, Dokumente

Der Film widmet sich mit Paulus einer der umstrittensten Figuren der deutschen Geschichte, befragt werden darin Zeitzeugen, die an der Schlacht von Stalingrad teilgenommen und die Kriegsgefangenschaft überlebt haben, auch der Adjutant von Paulus in der DDR, Heinz Beutel, kommt zu Wort. Außerdem äußert sich mit dem Historiker und Paulus-Biografen Torsten Diedrich ein ausgewiesener Kenner zu Paulus' heute schwer nachvollziehbaren Motiven und tatsächlichen Handlungsmöglichkeiten.

Stichwort: 6. Armee In der 6. Armee kämpften viele Soldaten aus dem sächsischen Raum, denn der Stab dieser Truppe saß in Leipzig. Ursprünglich lief er unter dem Namen Heeres Gruppenkommando 4, dann wurde aus ihm noch vor dem Überfall auf Polen das Armeeoberkommando 10. Vor dem Frankreich-Feldzug erfolgte die Umbenennung in 6. Armee.

Unternehmen Barbarossa Am 22. Juni 1941 begann der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. Bis zum Wintereinbruch sollte der Feldzug beendet sein - doch es kam anders ... An den Planungen zur "Operation Barbarossa" war maßgeblich General Paulus beteiligt.

Ziel Hitlers und seiner NS-Ideologie war es, den gesamten europäischen Teil der Sowjetunion zu erobern. Das hieß für ihn, den "jüdischen Bolschewismus" zu vernichten und "Lebensraum im Osten" zu schaffen, also die Zivilbevölkerung gewaltsam zu vertreiben.

An dem Feldzug nahmen auf deutscher Seite rund 3,6 Millionen Soldaten teil. Der Wehrmacht folgten die mörderischen "Einsatzgruppen", die vor allem in der Ukraine die ersten Massentötungen an der jüdischen Bevölkerung vornahmen.

Buchtipps: Torsten Diesdrich: Paulus. Das Trauma von Stalingrad
Ferdinand Schöningh Verlag
Gebunden, 580 Seiten
Preis: 39,90 EUR
ISBN 3506764039

Der Historiker Torsten Diedrich befasst sich neben der militärischen Karriere bis zur Niederlage in Stalingrad auch mit Paulus' Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion und seinem Leben danach in der DDR.

Leonid Reschin: Feldmarschall Friedrich Paulus im Kreuzverhör 1943 – 1953, 2000, ISBN: 3-8289-0387-8

Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Friedrich Paulus : ein unpolitischer Soldat?, 2001, ISBN: 3-89702-306-7

Walter Görlitz: Paulus - "Ich stehe hier auf Befehl!" : Der Lebensweg des Generalfeldmarschalls Friedrich Paulus - Mit den Aufzeichnungen aus dem Nachlass, Briefen u. Dokumenten - Mit einem Geleitwort von Ernst Alexander Paulus, 1960

Zuletzt aktualisiert: 21. November 2017, 09:38 Uhr