Hochleben der Partei in der Pionierrepublik Wilhelm Pieck am Werbellinsee
Neben den üblichen Ferienlageraktivitäten wie Lagerfeuer, Geländespielen, Tanzabenden gab es auch Appelle und politischen Unterricht. Bildrechte: IMAGO

Kinderparadies und Kaderschmiede Die Pionierrepublik "Wilhelm Pieck"

Im nordöstlichen Brandenburg, 50 Kilometer von Berlin entfernt, entstand Anfang der 1950er-Jahre eine Republik in der Republik. Auf über einem Quadratkilometer, versteckt in der Schorfheide, war die Pionierrepublik "Wilhelm Pieck" am Werbellinsee sowohl sozialistisches Kinderparadies als auch Kaderschmiede für die Kleinsten.

Hochleben der Partei in der Pionierrepublik Wilhelm Pieck am Werbellinsee
Neben den üblichen Ferienlageraktivitäten wie Lagerfeuer, Geländespielen, Tanzabenden gab es auch Appelle und politischen Unterricht. Bildrechte: IMAGO

Unter dem Dach der Freien Deutschen Jugend versammelte die Pionierorganisation "Ernst Thälmann" alle Kinder von der ersten bis zur achten Klasse. Sie war nicht nur in den Städten und Gemeinden aktiv, sondern führte auch zentrale Veranstaltungen und Kampagnen durch. Schon die Kleinsten wurden so in den Aufbau des Sozialismus einbezogen. Bereits zum ersten Deutschlandtreffen der Jugend 1950 wurde die Pionierrepublik "Ernst Thälmann" in der Berliner Wuhlheide eingerichtet, die als Pionierpark mit dem bekannten Pionierpalast weiter fortbestehen sollte.

Die Pionierrepublik "Wilhelm Pieck" am Werbellinsee

Doch schon 1949 beschloss der Ministerrat der DDR den Bau einer Pionierrepublik, die den Rahmen der Wuhlheide weit übersteigen sollte. Mit rund 18 Millionen Mark aus staatlichen Mitteln wurde die Pionierrepublik "Wilhelm Pieck" am Werbellinsee innerhalb eines Jahres, zwischen 1951 und 1952, aufgebaut. Am 16. Juli 1952 wurde das Pionierlager durch den damaligen Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck, eingeweiht - und auch nach ihm benannt.

Das Ferienlager der Superlative

DDR - Bauarbeiten in der Pionierrepublik  - Wilhelm Pieck
Juli 1951: Bauarbeiten in der "Pionierrepublik Wilhelm Pieck". 50 Kilometer von Berlin wird für viel Geld ein Ferienlager der Superlative gebaut: Das Gelände, eine Autostunde von Berlin entfernt, ist über einen Quadratkilometer groß. Bildrechte: IMAGO
DDR - Bauarbeiten in der Pionierrepublik - Wilhelm Pieck
Innerhalb kurzer Zeit, von 1951 bis 1952, wurde die Einrichtung hochgezogen. 18 Millionen Mark steckte die DDR-Regierung in das Pionierlager. Bildrechte: IMAGO
DDR - Bauarbeiten in der Pionierrepublik - Wilhelm Pieck
Im Sommer 1952 waren die Bauarbeiten beendet - am 16. Juli wurde das Pionierlager durch den damaligen Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck, eingeweiht - und auch nach ihm benannt. Bildrechte: IMAGO
DDR - Essen im Speisesaal im Pionierlager 1952
In den Anfangsjahren wurden auch viele Kriegswaisen zur Erholung hierher geschickt. Bildrechte: IMAGO
Kubanische Pioniere in der Pionierrepublik Wilhelm Pieck am Werbellinsee
Die "Internationalen Sommerlager" waren der Höhepunkt des Jahres - dann kamen ebenfalls "ausgezeichnete" Kinder aus sozialistischen und kommunistischen Ländern ins Lager an den Werbellinsee."Ein einiges Volk wird niemals besiegt werden" steht auf dem Plakat, das ein Kind stolz präsentiert. Bildrechte: IMAGO
Hochleben der Partei in der Pionierrepublik Wilhelm Pieck am Werbellinsee
Neben den üblichen Ferienlageraktivitäten wie Lagerfeuer, Geländespielen, Tanzabenden gab es auch Appelle und politischen Unterricht. Bildrechte: IMAGO
DDR - Bauarbeiten in der Pionierrepublik  - Wilhelm Pieck
Juli 1951: Bauarbeiten in der "Pionierrepublik Wilhelm Pieck". 50 Kilometer von Berlin wird für viel Geld ein Ferienlager der Superlative gebaut: Das Gelände, eine Autostunde von Berlin entfernt, ist über einen Quadratkilometer groß. Bildrechte: IMAGO
Kinder beim Morgenappell im Ferienlager Artek auf der ukrainischen Schwarzmeer-Halbinsel Krim
Vorbild war das "Allunionslager Artek", das 1925 in der Sowjetunion auf der Krim gegründet worden war. Bildrechte: dpa
DDR - Junge Mädchen in Kanus auf dem See - Pionierlager 1952
Ein sechswöchiger Aufenthalt im Pionierlager Wilhelm Pieck war eine Auszeichnung - hierher durften nur Kinder, die "schulische oder gesellschaftlich herausragende Leistungen" volbracht hatten. Das Lager war nicht nur zu Ferienzeiten belegt, sondern ständig in Betrieb, vormittags mit Schuluntericht, am späteren Tag dann Pioniernachmittagsprogramm. Bildrechte: IMAGO
Egon Krenz (li, GDR/Vorsitzender der Pionierorganisation), Erich Honecker (Mitte, GDR/Staatsratsvorsitzender) und Margot Honecker (GDR / Ministerin für Volksbildung) freuen sich über die tänzerische Darbietung der ausländischen Pioniere in der Pionierrepublik Wilhelm Pieck am Werbellinsee
Denn das Lager diente nicht allein der Erholung der Kinder - es war auch eine Art Kaderschmiede für den Nachwuchs der DDR. Entsprechend besuchten auch Politiker der ersten Reihe - wie hier, im Sommer 1974 - das Pionierlager: ganz links im Bild Egon Krenz, Vorsitzender der Pionierorganisation, Staatschef Erich Honecker und seine Frau Margot, die Bildungsministerin der DDR. Bildrechte: IMAGO
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Betreuung von Kriegswaisen und internationales Sommerlager

Vor allem in den frühen Jahren diente das Lager der Beherbergung von Kriegswaisen oder auch von internationalen Gästen. Durch den besonderen Zugang zu Versorgungsgütern wie Südfrüchten, Eis am Stiel oder Fernseher wurde die Pionierrepublik zum sozialistischen Kinderparadies. Neben modernen Unterkünften, Sport- und Freizeitanlagen wurde auch großer Wert auf ausreichend Fachpersonal wie Pionierleiter und Lehrer gelegt.

Im Sommer 1960 fand das erste "Internationale Sommerlager" mit Kindern aus 31 Ländern statt. Was für die Kinder aus den westlichen Ländern eher Leistungsschau war, wurde für die Kinder aus den sozialistischen Bruderstaaten ein Blick in die vermeintliche Zukunft. Das Sommerlager 1989 mit Kindern aus 50 Ländern sollte der letzte große Höhepunkt der Pionierrepublik sein.

Zentrales Pionierlager und Kaderschmiede

Kubanische Pioniere in der Pionierrepublik Wilhelm Pieck am Werbellinsee
Pioniere aus Kuba: Rund 1.000 Pioniere aus dem In- und Ausland waren ständig am Werbellinsee zu Gast. Bildrechte: IMAGO

Die Pionierorganisation "Ernst Thälmann" war nicht nur im Schulsystem und in der Kinderbetreuung der DDR fest verankert. Mit zentralen Einrichtungen von Thüringen bis Mecklenburg konnten Kinder durch die ganze Republik auf die Reise geschickt werden. Durch ein System aus Belobigungen und Auszeichnungen wurde so schon früh an die Leistungsbereitschaft appelliert. Galt es bereits als eine Auszeichnung den Pionierpalast besuchen zu dürfen oder an einem der 48 Zentralen Pionierlager in den Ferien teilzunehmen, war es das Größte für einen Thälmann-Pionier, für sechs Wochen in die Pionierrepublik delegiert zu werden.

Ständig rund 1.000 Pioniere zu Gast

In dieser Funktion waren ständig rund 1.000 Pioniere am Werbellinsee zu Gast. Auch außerhalb der Ferienzeiten konnte von jeder Schule nur ein Delegierter durch den so genannten Freundschafstrat entsendet werden. Lag der Aufenthalt in der Schulzeit, so wurden die Teilnehmer an der Lagereigenen Schule, vor allem politisch, unterrichtet. Die restliche Zeit wurde mit Pioniernachmittagen oder in den verschiedenen Arbeitsgemeinschaften verbracht. Teilnehmer kamen aus der ganzen Republik und der Besuch durch die Eltern erfolgte in der Regel erst nach drei Wochen. Neben strengen Tagesplänen wurde auch ein Lager-Tagebuch geführt, in dem sogar das Schauen der "Aktuellen Kamera" pflichtgemäß eingetragen wurde. Nach dem sechswöchigen Aufenthalt kehrten die Kinder geschult und "in ihrem sozialistischen Klassenstandpunkt gefestigt" in ihre Heimatorte zurück.

"Wende" und kein Ende

Im Jahr 1990 wurde die Pionierrepublik an das Ministerium für Jugend und Sport übergeben und sollte vor allem der Betreuung von Kindern aus den durch Umweltverschmutzung belasteten Gebieten der DDR dienen. Nachdem das Lager durch die Wiedervereinigung an das Land Brandenburg übergeben wurde, besteht es nun, nach einer wechselvollen Nachwendegeschichte, als Europäische Jugenderholungs- und Begegnungsstätte Werbellinsee fort.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Soljanka & Subbotnik - Was uns die Sowjetunion hinterlassen hat | 19.11. und 26.11.2016 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Juli 2017, 22:37 Uhr