10. April 1991 Letzter Wartburg rollt vom Band

Der Wartburg war eines der wenigen Statussymbole in der DDR. Bis zu 15 Jahre mussten die Bürger auf den in Eisenach produzierten PKW warten. Doch nach dem Ende der DDR wollte niemand mehr Autos aus dem Osten fahren. Am 10. April 1991 lief der letzte Wartburg vom Band.

Ein roter Wartburg
Der letzte Wartburg Bildrechte: imago/Eckehard Schulz

Eisenach, 10. April 1991. Der letzte Wartburg verlässt das Band der Endmontage. Die 6.300 Mitarbeiter, die noch in dem traditionsreichen Automobilwerk beschäftigt sind, geben ihm das letzte Geleit. Viele von ihnen haben Tränen in den Augen. Der Wartburg ist rotlackiert und trägt einen Trauerflor, den ihm die Mitarbeiter schnell noch umgehängt haben. "Es gab ständig wechselnde Höhen und Tiefen", sagt der Geschäftsführer der Automobilwerke Eisenach, Wolfram Liedtke, in einer kurzen Rede zum Abschied. "Aber es gab zu allen Zeiten Ingenieure und Arbeiter, die mit Leib und Seele Automobilbauer waren."

Wartburg - der Traum vom sozialistischen Auto

Der Anfang war verheißungsvoll. "Sie haben sich für einen Wartburg entschieden. Gratulation", tönt eine Stimme in einem Wartburg-Werbefilm Ende der 1950er-Jahre. Man sieht einen Wartburg 313 gemächlich durch eine Stadt fahren, an einem Strand parken und auf einer Landstraße dahineilen. Fürwahr ein grandioses Auto. Und in jeder Hinsicht auf der Höhe der Zeit. Dieser Wartburg soll den VW im Westen ablösen und sogar die ganze Welt erobern. Davon träumen die Autobauer in Eisenach.

W 311-2 Kabrio
Wartburg 311-2 Cabrio Bildrechte: Archiv Museum "automobile welt eisenach"

Das Auto der Prominenten

Auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1957 ist der Wartburg 313 die große Sensation. Modern, formschön und mit einem neu entwickelten Zweitaktmotor. Die Konstrukteure aus Eisenach haben ihr Glanzstück abgeliefert. Gerade in seinen Sonderausführungen wird dieser Wartburg schnell zum Liebling der Prominenten im Arbeiter- und Bauernstaat. Der Schauspieler Herbert Köfer war beispielsweise ein begeisterter Wartburg-Fahrer: "Es war einfach ein tolles Auto. Es war ein schickes Auto. Es war ein Coupé. Und den gab’s auch nicht sehr oft. War eben ein schönes Auto."

Wartburg W 313-1 auf der Leipziger Frühjahrs Messe 1957
Wartburg W 313-1 Coupé und Cabrio auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1957 Bildrechte: Wartburg-Museum Eisenach

Der Wartburg im Westen

Auch Kunden in Westeuropa wollen im Lauf der Jahre den Personenwagen aus Thüringen kaufen. Natürlich auch, weil der Wartburg vergleichsweise günstig ist. So werden etwa ab den 1960er-Jahren allein nach England 5.000 Wartburgs pro Jahr exportiert – in Rechtslenkerausführung. Doch auch in Belgien, Griechenland und Holland erfreut sich der Wartburg großer Beliebtheit. Er wird aber auch nach Afrika, Südamerika und Asien exportiert. Dort gilt er als äußerst robust und widerstandsfähig. Natürlich ist der Wartburg auch in den sozialistischen Ländern, in Ungarn, der UdSSR, in Polen und der CSSR, ein gefragtes Auto.

Statussymbol im Osten

Im Westen Europas ist der Wartburg ein Schnäppchen. In den Katalogen wird er nicht selten als Studentenauto angeboten. Im Osten hingegen ist er durchaus ein Statussymbol, von dem viele nur träumen können. Denn von den 32.000 Wartburgs, die jedes Jahr in Eisenach die Produktionsbänder verlassen, gehen allein 19.000 in den Export. Dazu kommt die Sonderversorgung für privilegierte DDR-Bürger - für Künstler, Parteifunktionäre, Betriebsdirektoren und verdiente Arbeiter. Nur 7.200 sind für die übrige Bevölkerung bestimmt und gehen in den freien Handel. Eine lächerlich geringe Menge, die nicht einmal annähernd die Nachfrage decken kann. Und so beträgt die Wartezeit auf einen PKW Wartburg auch bis zu 15 Jahren. Dabei ist der Wartburg nicht eben billig - etwa 20.000 DDR-Mark kostet er in den 1980er-Jahren.

AWE W 1.3 XXX. Wartburg Rallye 1988
Erfolgreich auch als Sportwagen: Wartburg 1.3 Rallye 1988 Bildrechte: Archiv Museum "automobile welt eisenach"

Problem: Zweitaktmotor

So vielversprechend die Geschichte des Wartburgs begann, so schnell ist sie auch schon wieder vorbei. Und das liegt beileibe nicht an den Konstrukteuren und Ingenieuren in Eisenach. Die haben Pläne in Hülle und Fülle für moderne Wartburg-Modelle. Es fehlen schlicht das Geld und die Bereitschaft zu nötigen Investitionen und Neuentwicklungen. Doch die Granden der SED haben kein Geld übrig für moderne und ausgefallene Autos. Und so vergehen beispielsweise zehn Jahre, bis es die Wartburg-Konstrukteure schaffen, ein neues Modell, den Wartburg 353, in Serienreife zu bringen. Von 1966 bis 1988, zweiundzwanzig Jahre lang, wird dieses Modell fast ohne Veränderungen produziert. Das Fahrzeug ist anfangs international durchaus konkurrenzfähig. Doch im Laufe der Jahre wird der Zweitaktmotor zu einem Problem. Der Gestank und das Geknatter schreckt viele Kunden im Westen mittlerweile ab. Als in einigen westlichen Staaten in den 1980er-Jahren strengere Abgasnormen eingeführt werden, darf der Wartburg überhaupt nicht mehr auf die Straßen. Das ist das Ende für den einstmals so erfolgreichen Wartburg-Export, denn neue Modelle gibt es nicht. Einzig in den sozialistischen Staaten bleibt der Wartburg auch weiterhin ein beliebtes Fahrzeug.

W 353 Limousine und Tourist am Strand
Wartburg 353: Limousine und Kombi Bildrechte: Archiv Museum "automobile welt eisenach"

Anschluss an den Weltmarkt verloren

Große Hoffnungen setzen die Eisenacher Wartburg-Konstrukteure auf ein neues Modell mit einem Viertaktmotor von VW. 1988 wird dieser Wartburg-Viertakter auf der Herbstmesse in Leipzig vorgestellt. Er wird vom Publikum durchaus wohlwollend registriert. Doch letztlich haben die Eisenacher den Anschluss an den Weltmarkt verloren. Und jetzt läuft ihnen die Zeit davon. Nur ein Jahr später fällt die Mauer und die DDR-Bürger verlangen nach Westautos. Ein Ost-Auto will jetzt niemand mehr haben. Der Traum von einem international konkurrenzfähigen Wartburg ist endgültig ausgeträumt.

Journalisten und Grenzbeamte umringen am 09.11.1989 in Helmstedt (Niedersachsen) den Wartburg der Ärztin Annemarie Reffert, die als erste DDR Bürgerin die zuvor angekündigte Reisefreiheit testet und ungehindert über den Grenzübergang der A2 in Helmstedt fährt.
Ein Wartburg 353, von Journalisten und Grenzbeamten umringt, 1989 am Grenzübergang Helmstedt Bildrechte: dpa

Kultobjekt

Heute ist der Wartburg fast völlig von den Straßen verschwunden und zum Kultobjekt von Oldtimer-Fans avanciert. Die bezahlen mittlerweile sogar Höchstpreise, etwa für das schmucke Coupé aus den 1950er-Jahren, als alles so verheißungsvoll begonnen hatte.

Dieses Thema im Programm: MDR um 4 | 10. Januar 2020 | 16:00 Uhr