Keller der Villa des Warschauer Zoodirektors, in dem die Familie Kenigswein den Holocaust überlebte
Keller der Villa des Warschauer Zoodirektors, in dem die Familie Kenigswein den Holocaust überlebte. Bildrechte: dpa

Judenrettung im Zweiten Weltkrieg Wie hunderte Juden im Warschauer Zoo überlebten

Der Warschauer Zoo feiert dieses Jahr seinen 90. Geburtstag. Er war der Stolz der Polen, feierte seltene Zuchterfolge. Doch der Zoo hat auch noch eine andere Geschichte, denn er rettete hunderten Juden das Leben.

Keller der Villa des Warschauer Zoodirektors, in dem die Familie Kenigswein den Holocaust überlebte
Keller der Villa des Warschauer Zoodirektors, in dem die Familie Kenigswein den Holocaust überlebte. Bildrechte: dpa

Tuzinka war der ganze Stolz des Warschauer Zoos. Als die Elefantendame 1937 zur Welt kam, war sie eine von nur zwölf Elefanten weltweit, die in Gefangenschaft geboren wurden. Ein Riesenerfolg für Zoodirektor Jan Zabinski und seine Frau Antonina. Doch es sollte nicht der Zuchterfolg sein, mit dem die Zabinskis in die Geschichte eingingen.

Elefantenkäfig statt Gaskammer

Im November 1943 klopfte es an der Tür der Direktoren-Villa des Zoos. Antonina Zabinska öffnete und blickte in die Gesichter von Regina Kenigswein und ihren Kindern Mieczyslaw und Stefania. Die jüdische Familie war aus dem Ghetto in Warschau geflohen und wusste nicht wohin. Also suchten sie Hilfe bei den Zabinskis, Freunden aus alten Zeiten.

Antonina Zabinska erinnert sich in ihren Memoiren an den Moment mit den Worten: "Vor meinen Augen stand Regina, kaum wiederzuerkennen. Doch nicht ihr Äußeres, sondern ihre Traurigkeit, die einem ins Auge sprang, brachte mich aus dem Gleichgewicht. Mich ergriff das brennende Gefühl der Scham über die eigene Kraftlosigkeit und die Angst."

Ehepaar versteckte hunderte Juden

Undatiertes schwarz-weiß-Foto des Warschauer Zoodirektors Jan Zabinski und seine Frau Antonia.
Undatiertes schwarz-weiß-Foto des Warschauer Zoodirektors Jan Zabinski und seine Frau Antonia. Bildrechte: dpa

Antonina Zabinska fragte nicht nach, sondern bat die Familie herein. Die Kinder wurden im Keller der Villa versteckt, Regina und später auch ihr Mann Samuel in einem der Tierkäfige. Ihnen war nicht bewusst, dass sie nicht die ersten "Zweibeiner" waren, die im Zoo Quartier bezogen. Das Ehepaar Zabinski versteckte während des Zweiten Weltkriegs mehrere Hundert Juden und polnische Widerstandskämpfer in der Zoo-Villa, aber auch in den Käfigen der ursprünglichen Bewohner.

Die meisten Tiere waren schon 1939 durch die Bomben umgekommen oder ausgebrochen, nachdem ihre Gehege beschädigt worden waren. Damit die Raubtiere nicht auch noch flohen, traf Antonina Zabinska die schwere Entscheidung, sie erschießen zu lassen. Die Besatzer wollten den Zoo in eine Schweinefarm umwandeln, daher durften die Zabinskis ihre Angestellten behalten.

Codes und Zeichen halfen beim Überleben

Im Laufe der Zeit entwickelte sich ein ausgeklügeltes Rettungssystem rund um den Zoo, das mit Codes, Zeichen und Vorwänden funktionierte. Der jüngste Sohn der Zabinskis, der achtjährige Ryszard, war für die Verpflegung der Versteckten zuständig. Seine Mutter schickte ihn jeden Morgen die "Fasane" füttern, denn die Ersten, die im Zoo untergetaucht waren, hatten sich in der Fasanerie versteckt.

Vater Jan Zabinski erhielt Zugang zum Warschauer Ghetto mit der offiziellen Begründung, Abfälle als Futter für die Schweine im Zoo abzuholen. Er nutzte diese Gelegenheiten und nahm nicht nur Müll, sondern auch Menschen aus dem Ghetto mit. Näherten sich die Deutschen dem Zoo, spielte Antonina Zabinska eine Arie aus einer Operette von Offenbach, um die Juden in der Direktoren-Villa zu warnen. Sie flohen dann über Tunnelsysteme zum Beispiel in die Vogelvoliere.

Geschichte schaffte es bis nach Hollywood

Famileinfoto der Holocaust-Überlebenden-Familie von Moshe Tirosh in Dzierzoniow, Polen, 1947.
Familienfoto der Holocaust-Überlebenden-Familie von Moshe Tirosh - ehemals Kenigswein - in Dzierzoniow, Polen, 1947. Bildrechte: dpa

Auf den Zabinskis lastete ein enormer Druck in diesen Jahren. Rückblickend wunderte sich Jan Zabinski häufiger darüber, wie stark und standfest seine Frau gewesen sei: "Vermutlich hat sie sich bei der Beobachtung der Tiere Instinkte abgeschaut, die sie furchtlos bei der Verteidigung ihrer eigenen Gattung gemacht haben. Und ihre Selbstsicherheit besänftigte selbst Feinde."

Das Zoo-Versteck flog nie auf. Die meisten der Juden haben den Krieg überlebt. Auch die Familie Kenigswein, die in den 1950er-Jahren nach Israel auswanderte. Die Geschichte der Zabinskis und des Warschauer Zoos war lange nicht bekannt – nicht einmal in Polen. Richtig berühmt wurde sie eigentlich erst durch das Buch "Asyl" der amerikanischen Autorin Diane Ackerman im Jahr 2007, das als Vorlage für den gleichnamigen Hollywood-Film diente, der im vergangenen Jahr in die Kinos kam.  

Elefantendame Tuzinka hat den Krieg nicht überlebt

Antonina Zabinskas eigene Kriegserinnerungen enden mit einer fröhlichen Szene, als sie und ihr Sohn 1948 gemeinsam nach Gdynia fahren, um die neuen Tiere in Empfang zu nehmen, mit denen der Zoo wiederbelebt werden sollte. Ein Moment der Hoffnung und des Neuanfangs.  

Nur die Elefantendame Tuzinka war leider nicht dabei. Sie war schon Anfang des Krieges nach Deutschland gebracht worden - sie sollte dort den Berliner Zoo schmücken. Sie überlebte den Krieg aber nicht.    

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 23.03.2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. März 2018, 11:32 Uhr