Der Versuch, dem Sozialismus ein "menschliches Antlitz" zu verleihen

Der Prager Frühling

Prager Frühling - das Jahr 1968 in der ČSSR

Ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz - das war Alexander Dubčeks Vision. Am 5. April 1968 wurden die Reformpläne veröffentlicht. Doch schon am 21. August marschierten Truppen des Warschauer Paktes in die ČSSR ein.

Alexander Dubcek
Anfang Januar 1968 wurde Alexander Dubček zum Chef der KP der ČSSR (KSČ) gewählt. Der in Parteischulen der UdSSR ausgebildete Dubček hatte sich von den erstarrten sozialistischen Doktrinen entfernt und versuchte seine Vision von einem "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" zu verwirklichen. Bildrechte: imago/ZUMA/Keystone
Alexander Dubcek
Anfang Januar 1968 wurde Alexander Dubček zum Chef der KP der ČSSR (KSČ) gewählt. Der in Parteischulen der UdSSR ausgebildete Dubček hatte sich von den erstarrten sozialistischen Doktrinen entfernt und versuchte seine Vision von einem "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" zu verwirklichen. Bildrechte: imago/ZUMA/Keystone
Alexander Dubcek
Die wichtigsten Reformpläne, von der KSČ am 5. April 1968 vorgestellt: Die Aufhebung der Zensur, die Einführung eines Streikrechts, Reisefreiheit. Und: Die Kommunistische Partei verzichtete auf ihre führende Rolle. (Im Bild: Alexander Dubček auf einer Maifeier in Prag 1968.) Bildrechte: IMAGO
Wenzelsplatz in Prag Juni 1968
Die Bevölkerung der ČSSR nahm die von der Parteiführung verordnete Reform des Sozialismus dankbar auf und versuchte, sie mitzugestalten. (Im Bild: Prag im Frühjahr 1968.) Bildrechte: Didier Scheibe/MDR
Nicolae Ceaușescu und Alexander Dubček, 1968
Im Frühjahr 1968 reiste der junge rumänische Parteichef Nicolae Ceausescu nach Prag, um Alexander Dubček seine Solidarität und Unterstützung bei seinen Reformen zu bekunden. Den späteren Einmarsch der UdSSR und ihrer Verbündeter in der ČSSR im August 1968 verurteilte Ceausescu auf einer Rede in Bukarest unmissverständlich. Bildrechte: IMAGO
Leonid Breschnew und Alexander Dubcek
Der sowjetische Parteichef Leonid Breschnew versuchte bei diversen Treffen mit Alexander Dubček, den Prager Parteichef zur Abkehr von den Reformplänen zu überreden. Breschnew glaubte anfänglich tatsächlich, Dubček umstimmen zu können. Bildrechte: imago/ZUMA/Keystone
Alexander Dubcek
Aber Breschnew verkannte die Lage in der ČSSR. Dubček hatte keineswegs vor, seine Vision von einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz aufzugeben. Und die Menschen in der ČSSR waren begeistert von den Reformen. Bildrechte: IMAGO
Sozialistische Losung an der Fassade eines Wohnblocks am Pirnaischen Platz in Dresden, 1968
Dresden, 23. August 1968. Auf einer als Wissenschaftstagung getarnten Konferenz fordern die Parteichefs der UdSSR, Polens, Ungarns, Bulgariens und der DDR Alexander Dubček dazu auf, von seinem Reformkurs abzukehren und das Parteimonopol wiederherzustellen, andernfalls würden das die sozialistischen Bruderstaaten in die eigenen Hände nehmen. Es ist das klare Signal zur Intervention. Bildrechte: IMAGO
Prag 1968
Am frühen Morgen des 21. August 1968 marschierten eine halbe Million Soldaten aus der UdSSR, Polen, Bulgarien und Ungarn in der ČSSR ein. Bildrechte: IMAGO
Prag 1968
Die Bürger der ČSSR demonstrierten gegen die Besatzer und leisteten Widerstand. "Geht nach Hause", hatten diese Prager Demonstranten auf ihr Plakat geschrieben. Bildrechte: IMAGO
Protest Grafittis an einer Straße in Pilsen, 1068
Graffiti an einer Straße in Pilsen im Sommer 1968: "Wir haben Hitler überlebt - wir werden auch Breschnew überleben." Bildrechte: IMAGO
Alexander Dubcek, 1968
Alexander Dubček wurde am 23. August festgenommen und in Handschellen nach Moskau geflogen. Doch die Sowjetführung erkannte, dass man ohne Dubček einen Bürgerkrieg in der Tschechoslowakei riskieren würde. Dubček wurde gezwungen, das sogenannte Moskauer Protokoll zu unterschreiben, in dem alle Reformprojekte aufgehoben worden sind. Bildrechte: IMAGO
Gustav Husak und Alexander Dubcek
Einige Wochen blieb Dubček noch in seinen Ämtern. Dann wurde er entmachtet: Neuer KP-Chef wurde Gustav Husák. Dubček bekleidete anschließend noch das Amt des Parlamentspräsidenten, ehe er ganz von der politischen Bühne verbannt wurde. Bildrechte: IMAGO
Alexander Dubcek und Vaclav Havel
Alexander Dubček kehrte 1969 nach Bratislava zurück und arbeitete bis zu seiner Pensionierung in einem Fuhrpark einer Revierförsterei. Im Herbst 1989 wurde Alexander Dubček neben Václav Havel das Gesicht der Samtenen Revolution.
(Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im TV: 07.03.2018, 19:30 Uhr.)
Bildrechte: imago/CTK Photo
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Alexander Dubcek
Die wichtigsten Reformpläne, von der KSČ am 5. April 1968 vorgestellt: Die Aufhebung der Zensur, die Einführung eines Streikrechts, Reisefreiheit. Und: Die KP verzichtete auf ihre führende Rolle. (Im Bild: Alexander Dubček auf einer Maifeier in Prag 1968.) Bildrechte: IMAGO

Junge Tschechen und der Prager Frühling

Helena Šulcová steht in Prag an der Moldau 1 min
Helena Šulcová Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Geschichte

Prager Frühling: Einmarsch mit Ansage?

Die Niederschlagung des Prager Frühlings kam mit Ansage. Fünf Monate vor dem Einmarsch der Sowjets in Prag, wurde KSČ-Chef Dubček in Dresden von seinen Genossen aus Moskau, Berlin, Warschau, Budapest und Sofia verwarnt.

Zeitreise Prager Frühling Dubcek
Am 23. März 1968 laden die KP-Chefs der UdSSR, Polens, Ungarns, Bulgariens und der DDR den Generalsekretär der tschechoslowakischen KP nach Dresden. Schon als die Sitzung im Plenarsaal des Dresdner Rathauses eröffnet wird, ist Alexander Dubček klar: Er und seine Genossen wurden getäuscht. Über wirtschaftspolitische Fragen will hier keiner reden, sondern nur über seine Politik und die Aufhebung der Zensur. - "Als ich merkte, was gespielt wurde, habe ich kurz überlegt, ob ich die Versammlung sofort wieder verlasse. Ich weiß bis heute nicht, ob es ein Fehler war, dazubleiben," schrieb Alexander Dubček in seiner 1992 veröffentlichten Autobiografie Bildrechte: Schwarwel/MDR
Zeitreise Prager Frühling Dubcek
Am 23. März 1968 laden die KP-Chefs der UdSSR, Polens, Ungarns, Bulgariens und der DDR den Generalsekretär der tschechoslowakischen KP nach Dresden. Schon als die Sitzung im Plenarsaal des Dresdner Rathauses eröffnet wird, ist Alexander Dubček klar: Er und seine Genossen wurden getäuscht. Über wirtschaftspolitische Fragen will hier keiner reden, sondern nur über seine Politik und die Aufhebung der Zensur. - "Als ich merkte, was gespielt wurde, habe ich kurz überlegt, ob ich die Versammlung sofort wieder verlasse. Ich weiß bis heute nicht, ob es ein Fehler war, dazubleiben," schrieb Alexander Dubček in seiner 1992 veröffentlichten Autobiografie Bildrechte: Schwarwel/MDR
Zeitreise Prager Frühling Dudcek
Der Plenarsaal des Dresdner Rathaus, kurz vor der Konferenz 1968 erst von den Werkstätten Hellerau fertiggestellt. Heute steht er unter Denkmalschutz. Links im Bild: die Fenster der Kabinen für die Simultandolmetscher. Gleich zu Beginn bittet Leonid Breschnew das "technische Personal", den Saal zu verlassen, um das "ernste Gespräch" in aller Offenheit in kleinstem Kreise zu führen. Ohne Protokoll. Bildrechte: MDR Zeitreise/MDR
Zeichnung: Männer in Zivil und Uniform hinter einem Tisch
Teil der sowjetischen Delegation sind auch hohe Offiziere der Roten Armee. Völlig unüblich für eine vorgeblich wirtschaftspolitische Zusammenkunft, wie Alexander Dubček später notiert, aber eine wirkungsvolle Drohkulisse. Der Prager Delegationsführer braucht eine ganze Weile, ehe er sich gesammelt hat. Denn das ist auch Teil der Inszenierung: Zuerst soll der "Angeklagte" sich erklären. Und zu diesem Ritual, das weiß Dubcek aus jahrelanger Erfahrung, gehört das demonstrative Üben in Selbstkritik. Die Ankläger prüfen derweil, wieviel Angriffsfläche Dubček bietet. Bildrechte: Schwarwel/MDR
Leonid Breschnew
Leonid Breschnew, zum Zeitpunkt der Konferenz seit dreieinhalb Jahren an der Spitze des Kreml, suggeriert gegenüber der Presse immer wieder Stärke und Geschlossenheit der "Bruderländer". De facto treiben ihn allerdings Walter Ulbricht und der Pole Gomulka vor sich her. Breschnew solle in Dresden schnellstmöglich die direkte Auseinandersetzung mit Dubček wagen. Denn in den Nachbarländern der ČSSR gärt es gewaltig und die Politik der "Konservativen" in Ost-Berlin und Warschau gerät unter Druck. Bildrechte: imago/ITAR-TASS
Zeitreise Prager Frühling Dudcek
Seit Aufhebung der Zensur in der ČSSR durchforsten und sammeln die Botschaften und Geheimdienste der Bruderländer Presseartikel nach belastenden Informationen, die die Politik der Liberalisierung in Prag diskreditieren. "Sie sagen, es sei Liberalismus. Wir sagen: Es ist Konterevolution!" Mit diesen Worten gibt Leonid Breschnew nach Absprache mit den anderen die Stoßrichtung vor. Das Ziel: Rücknahme der Öffnung, Wiederherstellung des vollständigen Machtmonopols der Kommunistischen Partei in der ČSSR. Bildrechte: Schwarwel/MDR
Zeitung
Als die Zeitung "Rudé právo" im Januar 1968 bekanntgibt, dass der neue Erste Sekretär der KPČ Alexander Dubček heißt, hält sich das Interesse der Öffentlichkeit in Grenzen. Eine "Palastrevolution", der Austausch eines kommunistischen Kaders gegen einen anderen, denken die meisten. Doch hinter den Kulissen und vor allem daheim in Bratislava hat Dubček schon in Ansätzen gezeigt, dass seine Politik weitaus progressiver zu werden verspricht. Bildrechte: Rude Pravo/MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Alexander Dubcek und Leonid Brezhnev
Am 22.2.1968 kommen die KP-Führer des Warschauer Pakts erstmals mit dem "Neuen" in Prag zusammen. Aus Sicht von Leonid Breschnew scheint mit der Inthronisation des Slowaken Dubček im krisengeschüttelten ZK der KPC wieder alles in ruhiges Fahrwasser zu kommen. Bildrechte: IMAGO
Leonid Breschnew und Alexander Dubcek
Und Dubcek gibt sich Mühe, das ambitionierte Programm seiner Regierung zu verstecken: "Ich bediente mich vorsichtiger Formulierungen und des üblichen Jargons. Es gab keinen Grund, die alten Konservativen zu früh und zu sehr zu beunruhigen. Ich musste meine Worte und Schritte sorgfältig wählen." A. Dubček – Autobiografie 1992 Bildrechte: imago/CTK Photo
Zeitreise Prager Frühling Dubcek
Auch bei der Konferenz in Dresden wählt Dubček seine Worte mit Bedacht. "Die Rede, die ich vortrage, habe ich nicht vorbereitet. Ich habe nichts ausgearbeitet für diesen Auftritt." Sichtlich nervös versucht sich Alexander Dubček der zentralen Frage zu nähern: Warum haben er und seine Genossen der Aufhebung der Zensur zugestimmt? Seine Antwort: Ohne das Signal einer umfassenden Liberalisierung hätte die ohnehin angeschlagene Partei weiter an Halt in der Bevölkerung verloren: "Ich würde gerne sagen, dass das ZK unserer Partei auch in Zukunft die Dinge in der Hand haben wird. Aber natürlich kann sich manches Unerwartete ereignen." Bildrechte: Schwarwel/MDR
Wladyslaw Gomulka
Die Möglichkeit, dass sich Diskussionen ohne jede Möglichkeit des Eingreifens von oben entwickeln, bringt besonders einen gegen Dubček in Rage: Władysław Gomułka. Gerade erst hat er in Polen die Studentenproteste als konterrevolutionäre, zionistische Erscheinungen gebrandmarkt. Nun will er erreichen, dass die Politik des Dialogs auch in Prag ein Ende findet: "Es ist möglich, dass das in Ihren Ohren so klingt, als ob Ihre Führung, Ihre Politik zu einer Konterrevolution führen. Nein. Solche Schlussfolgerungen ziehen wir daraus nicht." Bildrechte: IMAGO
Walter Ulbricht and Alexandre Dubcek. 12 August 1968
Ganz anders, doch nicht weniger energisch, bekämpft Walter Ulbricht die Tschechoslowaken: "Schon vor fünf Jahren schrieb die westdeutsche kapitalistische Presse, dass die Tschechoslowakei den günstigsten Punkt für die Erosion des sozialistischen Lagers darstellt. Warum? Weil bei Ihnen innerhalb der Intelligenz sich die stärksten prowestlich orientierten Kräfte befinden. (…) Jetzt kommt alles ans Licht, jetzt erfahren wir das alles Schwarz auf Weiß. Früher hat man das geheim gehalten." Bildrechte: IMAGO
Zeitreise Prager Frühling Dubcek
Offizielle Kundgebung am 1. Mai 1968 in Ost-Berlin. Wie sehr sich das Feuer der tschechoslowakischen Revolution ausbreitet, zeigt dieses Bild. Unter den Augen führender SED-Parteimitglieder wird das Vorbild ČSSR gepriesen. Walter Ulbricht tobt und gibt Partei und MfS den Auftrag, die Politik Dubček von nun an massiv zu attackieren, wo immer es geht. Besonders bringt ihn in Rage, dass es die Prager gewagt haben, bilaterale Verhandlungen mit der Bundesrepublik aufzunehmen. Ohne vorherige Konsultation der DDR. Bildrechte: BStU
Zeitreise Prager Frühling Dudcek
Zehn Stunden sitzen sich die Kontrahenten bei der Dresdner Konferenz gegenüber. Drohen, Fordern, Beschwichtigen.Dubček und Genossen fühlen sich wie "kleine Jungen behandelt", vorgeführt. Aber sie behalten ihre Strategie bei. Der Weg sei richtig. Die Kollateralschäden am Rande - bedauerlich, aber kein Hindernis. Die Drohungen der Bruderstaaten einzugreifen, verschweigt er daheim. Dubček wird noch 1992 behaupten, er habe es nicht kommen sehen. Doch bereits im März holen die "Brüder" verbal immer wieder die Daumenschrauben raus. Spätestens als Alexej Kossygin, der mit Breschnew angereiste Ministerpräsident der UdSSR, betont, "Wir überlassen die Sache der Tschechoslowakei nicht unserem Feind, was uns das auch kosten möge!",  liegt die Option eines Einmarschs unverkennbar auf dem Tisch. Bildrechte: Schwarwel/MDR
Sowjetische Panzer rollen eine Straße in Pilsen entlang
Und so kommt es dann auch. Am 21. August 1968 marschieren in den frühen Morgenstunden eine halbe Million Soldaten aus der UdSSR, Polen, Bulgarien und Ungarn in die ČSSR ein. Bildrechte: IMAGO
Zeitreise Prager Frühling Dubcek
Mit kleinen Zetteln und Filzstiften, mit Farbe auf Hauswänden und Bordsteinen – in der gesamten DDR formt sich spontan Protest gegen das Einrücken der Armeen des Warschauer Pakts in der ČSSR. Bildrechte: BStU
Zeitreise Prager Frühling Dubcek
Das MfS ermittelt und verhaftet die Protestierenden - darunter Tony Krahl (später Sänger der Band "City") und Thomas Brasch. Einen enttarnt man nicht, obwohl seine Wohnung über Monate verwanzt wird: Den angehenden Schriftsteller Christoph Hein. Seine Geschichte wird Vorlage für den Film: "Das Leben der Anderen." Bildrechte: BStU
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Über dieses Thema berichtete MDR im TV in "MDR Zeitreise"

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14.08.2018 | 21:15 Uhr