Vorpremiere von Bischofferode-Doku "Das war eine Riesenverarsche"

Auch 25 Jahre nach dem Hungerstreik der Kali-Kumpel von Bischofferode erhitzt das Thema die Gemüter. Das zeigte sich bei der Vorpremiere der neuen MDR-Doku "Bischofferode: Das Treuhand-Trauma" 2018 im Eichsfeld. Auch heute sind die Menschen fassungslos darüber, dass ihre Zukunft dem Profitdenken geopfert wurde.

Bier und Bratwurst werden gereicht an diesem Freitagabend, Schultern geklopft und Hände geschüttelt. Rund 200 Menschen sind in das Gemeindehaus von Bischofferode gekommen. Viele kennen sich seit Jahrzehnten und haben gemeinsam im Kali-Werk "Thomas Münzer" gearbeitet, um das es an diesem Abend noch einmal gehen soll.

Gemeinsame Erinnerungen

"Zum größten Teil waren das Schüler von mir, die hier im Kali-Werk gearbeitet haben", sagt Werner Günther. Der pensionierte Lehrer ist nicht mehr gut zu Fuß, braucht einen Spezialstock zum Gehen. Doch auch er ist heute gekommen, um mit seinen ehemaligen Schülern zu rekapitulieren, was Anfang der 1990er Jahre in Bischofferode passiert ist und viele noch bis heute beschäftigt.

älterer Mann mit Brille
Werner Günther bei der "Bischofferode"-Vorpremiere. Bildrechte: Alexander Friederci

"Die Leute hatten sich hier etwas aufgebaut und dann flossen natürlich die Tränen, als es hieß, das Kali-Werk wird geschlossen", sagt Günther. Fast 2.000 Menschen hatten dort gearbeitet, die meisten aus Bischofferode und Umgebung. Nach der Wiedervereinigung kam das Werk unter Verwaltung der Treuhandanstalt, so wie viele der maroden Industrieunternehmen in der ehemaligen DDR.

Aufbruchstimmung jäh zunichte gemacht

Doch Bischofferode schien kein hoffnungsloser Fall zu sein. Das Werk war eigentlich gut aufgestellt, hatte internationale Kunden und investierte nach der Wende Millionen in die Modernisierung. Die Treuhand beschloss jedoch, die ostdeutschen Kali-Werke an ihren westdeutschen Konkurrenten "Kali und Salz" zu verkaufen und die meisten von ihnen zu schließen. Geheimverträge, die inzwischen aufgetaucht sind, zeigen, wie Politik und Wirtschaft den Milliardendeal hinter dem Rücken der Bischofferöder Kumpel einfädelten. Die glaubten damals lange, mit ihrem Streik etwas bewirken zu können, obwohl ihr Schicksal schon besiegelt war.

Die Geschichte, einen Wirtschaftskrimi, der bis ins Kanzleramt reicht, hat der MDR-Film "Bischofferode: Das Treuhand-Trauma" in 90 Minuten aufgearbeitet. Als die erste Szene über die Leinwand im Gemeindehaus flimmern – der Abriss des Förderturms von Bischofferode vor knapp einem Monat – wird es still im Raum. Bedächtig versinken die Zuschauer noch einmal in der eigenen Geschichte.

Fassungslosigkeit über Arroganz der Macht

Unruhe kommt immer dann auf, wenn die Treuhand ins Spiel kommt. Der von ihr damals neu installierte Aufsichtsratsvorsitzende der ostdeutschen Kali-Werke, Ulrich Steger, stellt sich in der Doku den kritischen Fragen zum damaligen Deal, ist sich aber keines Fehlers bewusst. Unfähig sei das damalige Management gewesen, sagt Steger hart in die Kamera. Da habe nur geholfen, alle rauszuschmeißen. Ein Raunen geht durch den Saal.

Später, als Gregor Gysi die Zeit und sein Engagement in Bischofferode als PDS-Vorsitzender rekapituliert, taucht Steger erneut auf. "Was mich am meisten erschreckt hat, war die Skrupellosigkeit der Linken, das Thema auszuschlachten", sagt der Manager. Gelächter im ganzen Saal, begleitet von ungläubigem Kopfschütteln.

Narben der Geschichte

Nach 90 Minuten sind viele der altgedienten Kumpel erschüttert, welches Spiel mit ihnen gespielt wurde. "Selbst wir konnten nicht komplett erahnen, wie sehr wir verarscht werden", sagt Willibald Nebel. Er war einer der ersten Männer, die im Sommer 1993 in den Hungerstreik getreten sind. Als er zwei Wochen später vollkommen erschöpft ins Krankenhaus transportiert werden muss, geht das Bild von ihm auf einer Trage um die Welt.

"Das hinterlässt Narben", ruft Nebel unter zustimmendem Nicken der Zuschauer. Unter ihnen ist auch Johannes Peine. Der Unternehmer wollte damals das Kali-Werk kaufen und vor der Schließung retten. Am Ende war er pleite. Alle Banken hatten gleichzeitig ihre Kredite zurückgefordert. Der Druck dazu kam von ganz oben, lässt die damalige Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth im Film durchblicken. Sie hatte Peine nachts angerufen und gewarnt.

Als die Zuschauer Peine im Raum erkennen, brandet Applaus auf. Kerzengerade steht er in der letzten Reihe. Der Unternehmer und die Kumpel, sie alle wurden Opfer skrupelloser Politiker und gieriger Manager, so die Auffassung der meisten in Bischofferode. "Das war eine Riesenverarsche" ruft einer unter Applaus. Dieses Gefühl verbindet sie bis heute.

"Bischofferode ist überall"

Bischofferode exportierte schon zu DDR-Zeiten hochwertiges Kalisalz nach Westeuropa. Nach der Wende soll die Grube trotzdem zugemacht werden. Der Kampf der Bergleute gegen die Treuhand sorgt weltweit für Aufmerksamkeit.

Blick auf Kalibergwerk Bischofferode.
Die Kaligrube in Bischofferode, hier auf einem Foto vom Sommer 1993, gehörte seit 1970 zum VEB Kombinat Kali. Nach der Wende übernimmt die Treuhand alle ostdeutschen Kaligruben. Sie werden unter dem Dach der Mitteldeutschen Kali AG vereint. Bildrechte: IMAGO
Blick auf Kalibergwerk Bischofferode.
Die Kaligrube in Bischofferode, hier auf einem Foto vom Sommer 1993, gehörte seit 1970 zum VEB Kombinat Kali. Nach der Wende übernimmt die Treuhand alle ostdeutschen Kaligruben. Sie werden unter dem Dach der Mitteldeutschen Kali AG vereint. Bildrechte: IMAGO
Ulrich Steger
Die Treuhand beauftragt Ulrich Steger, ehemals Wirtschaftsminister im Kaliland Hessen, als Aufsichtsratsvorsitzender die Mitteldeutsche Kali AG zu sanieren und einen neuen Eigentümer zu finden.

Bildrechte: IMAGO
Blick auf das frühere Haus der Ministerien in der Leipziger Straߟe, in dem nun die Berliner Treuhandanstalt eingezogen ist.
Das Treuhandgebäude in Berlin: Ab Mai 1992 werden hier geheime Gespräche mit der westdeutschen Kali und Salz AG aus Kassel geführt. Bildrechte: dpa
Unternehmer Peine
Aber es gibt Hoffnung für die Kumpel in Bischofferode: Johannes Peine, ein Unternehmer aus Niedersachsen, will das Werk übernehmen und es unabhängig von der Kali und Salz AG betreiben. Bildrechte: IMAGO
Ein Dokument zum Kaliwerk Bischofferode.
Trotz aller Proteste: Am 13. Mai unterzeichnen Vertreter der Treuhand, der Kali und Salz AG und der Mitteldeutschen Kali AG den Fusionsvertrag. Was darin steht, ist streng geheim. Heute ist bekannt: Im Vertrag wurde der Kali und Salz AG ein Monopol beim Abbau und Vertrieb von Kalisalz in Deutschland zugesichert. Der Unternehmer Johannes Peine ist damit raus aus dem Geschäft, aber weder er noch die Kumpel in Bischofferode wissen das. Bildrechte: MDR/Hoferichter & Jacobs
Bischofferode (Thüringen): Stummer Abschied am 15.07.1993 zwischen den hungerstreikenden Kalibergleuten Willibald Nebel (l.) und Joachim Kaufmann. Nachdem beide fast 14 Tage an der dramatischen Protestaktion gegen die Schließung des Kaliwerkes Bischofferode teilgenommen haben, muß Nebel aufgrund von Ohnmachtsanfällen ins Krankenhaus eingeliefert werden.
Als auch der zuständige Ausschuss des Bundestages der Fusion von Kali West und Kali Ost zustimmt, treten die Bergleute in Bischofferode in den Hungerstreik. Bergmann Willibald Nebel wird nach 14 Tagen als erster ins Krankenhaus eingeliefert. Bildrechte: dpa
Kundgebung in Bischofferode
Menschen aus ganz Deutschland solidarisieren sich mit den Bergleuten. Zahlreiche Politiker besuchen die Grube im Eichsfeld. PDS-Bundestagsabgeordneter Gregor Gysi ist damals oft in Bischofferode. Bildrechte: IMAGO
Plakat mit Aufschrift 'Wir sind auf Eurer Seite Kalikumpel'
Von überallher erhalten die Kumpel  Zuspruch, Geldspenden und Besuche. Urlauber schicken ermutigende Postkarten von der Ostsee. Sogar die Puhdys geben in Bischofferode ein Solidaritätskonzert. Bildrechte: IMAGO
In einer Halle wird auf eine Leinwand ein Text projiziert.
Dem "Handelsblatt" werden Auszüge aus dem geheim gehaltenen Fusionsvertrag zugespielt. Am 2. August enthüllt die Zeitung die Kartellbildung: Im Artikel 20 des Vertrages ist ein Wettbewerbsverbot festgelegt. Niemand in Deutschland außer der Kali und Salz AG soll Kalisalz vertreiben dürfen.  Bildrechte: MDR/Hoferichter & Jacobs
In einer Halle wird auf eine Leinwand ein Bild mit mehreren Personen projiziert
Unternehmer Peine, der immer noch für die Übernahme von Bischofferode kämpft, geht Ende 1993 pleite. Über Nacht kündigen die Banken ihm alle Kredite. Bildrechte: MDR/Hoferichter & Jacobs
Landschaft mit Kreuz
Am 31. Dezember akzeptiert der Betriebsrat die Stilllegung der Grube. Nach der Schließung werden die rund 700 Bergleute Abfindungen oder befristete Ersatzarbeitsplätze erhalten. Heute prägt immer noch die riesige Abraumhalde die Landschaft bei Bischofferode (im Bild). (Über dieses Thema berichtet der MDR auch im Fernsehen: Bischofferode: Das Treuhand-Trauma, Do, 05.07.2018 | 20.15 Uhr) Bildrechte: MDR/Hoferichter & Jacobs
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Schmerzhafte, aber wichtige Aufarbeitung

"Das schmerzt schon!", fasst Gerhard Jüttemann die Gefühle des Publikums schließlich zusammen. Der damalige Betriebsrat des Werkes "Thomas Münzer" musste Dutzende Kollegen selbst entlassen, um den Sanierungsplan der Treuhand zu erfüllen. Am Ende wurde das Werk dennoch stillgelegt.

Durch ihren Hungerstreik konnten die Kumpel das zwar nicht abwenden, zwangen die Treuhand durch den öffentlichen Druck aber zum Entgegenkommen, erinnert sich Jüttemann. Doch selbst der dann beschlossenen Sozialplan wurde nicht erfüllt, konstatiert er heute bitter: "Jeder hat im Ohr, wieviel neue Arbeitsplätze hier entstehen sollten. Doch es ist nichts geschehen."

Ändern könne man daran nichts mehr, sagt Jüttemann abschließend. Die filmische Aufarbeitung der Geschichte von Bischofferode sei dennoch wichtig: "Wenn wir unser Werk schon nicht retten können, dann können wir zumindest sagen: 'Da hätten eure Väter heute noch gearbeitet hätten, wenn man fair zu ihnen gewesen wäre.'"

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Bischofferode - Das Treuhand-Trauma | 05.07.2018 | 20:15 Uhr

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4 Kommentare

06.07.2018 04:04 kumpel 4

Man kann es nicht mehr hören und sehen. Dies ist Geschichte. Ein ganz klitzekleiner Teil der Geschichte. Man wollte die DM und wer regelmäßig West-TV geschaut hat und das Hirn dabei offen hatte wusste das nicht nur der liebe West-Onkel kommt, sondern auch der böse Kapitalist. Wir mussten alle damit leben. Viele Betriebe wurden zugemacht. Es betrifft nicht nur Kali. Wir haben auch unsere Arbeit verloren und mussten umorientieren. Uns hatte es doppelt getroffen. Heute tun sich immer noch Leute mit dem Thema Bischofferode wichtig. Vor allem diese, die sich damals nicht mit Ruhm bekleckert haben. Wer weiß wie es heute in Bischofferode wäre mit unserer grünen Umweltministerin und der Kaliweltmarktsituation, wo es K+S schon nicht mehr leicht hat. In Bischofferode träumt man immer noch von alten Zeiten und wie wäre es wenn.... Liebe Kumpel eure Kinder wollen es sicher nicht mehr hören, die haben ihre eigenen Probleme. ES REICHT mit dem THEMA! Danke

02.07.2018 22:25 part 3

Die Bereinigung des Marktes mit geheimen Kartellabsprachen betraf nicht nur das Kaliwerk sondern ausreichend Sparten in anderen Industriezweigen. Jedoch zeigte hier sich besonders deutlich die Verflechtung von Kapital und Politik.

02.07.2018 18:50 Krause - "lieber nackt als rechtsextremistisch!" 2

Zitat "Der Unternehmer wollte damals das Kali-Werk kaufen und vor der Schließung retten. Am Ende war er pleite. Alle Banken hatten gleichzeitig ihre Kredite zurückgefordert. Der Druck dazu kam von ganz oben, lässt die damalige Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth im Film durchblicken. Sie hatte Peine nachts angerufen und gewarnt."

So hatte sie - als "Christ-Demokratin" - zwar davon gewußt, aber auch in ihrer Position als Bundestagspräsidentin und noch immer offensichtlich nichts 'dagegen gesagt'.

... schon 'irgendwie schade'.

02.07.2018 13:19 Max W. 1

"Ändern könne man daran nichts mehr, sagt Jüttemann abschließend."

Aber "man" hätte politische Schlüsse daraus ziehen können, ja, müssen. Was ist statt dessen geschehen? Die Handlanger des Verwertungsinteresses sind seither mehrfach wiedergewählt worden - einen grösseren Erfolg konnte die "andere Seite" garnicht erzielen.

Als "Ossi" würde ich mal lange darüber reflektieren, woran diese Unterwürfigkeit und latente Konfliktscheu der (Ex-)"Herrschenden Klasse" wohl liegen könnte. Denn auch die "eigenen Leute" haben die Bischofferoder im Stich gelassen - die Sprüche, die ich damals über deren Arbeitskampf zu hören bekommen habe, will ich hier lieber nicht hinschreiben; das würde jede Täteräää-Ostalgie ("wir waren ein schönes Kollektiv...") in Sekundenfrist zu Staub machen...