Geschichte einer Entfremdung Putin und die Deutschen

Am 25. September 2001 spricht der russische Präsident Wladimir Putin im Bundestag und erobert die Herzen der Deutschen. Heute ist das Verhältnis kühl. Welche Ereignisse führten zur Entfremdung zwischen Putin und den Deutschen?

Als Putin am 25. September 2001 vor dem Deutschen Bundestag spricht, ist er noch ein anderer. Er ist schmaler, vor allem sein Gesicht. Ihm fehlt noch die zur Schau getragene Lässigkeit, die er sich später aneignet. Zu Beginn seiner Rede wirkt er sogar fast etwas nervös. Mehrmals räuspert er sich, wechselt vom einen Bein auf das andere.

Zu diesem Zeitpunkt ist Putin seit eineinhalb Jahre Russlands Präsident. Seine Macht ist noch nicht gefestigt. Und er scheint in Deutschland einen Verbündeten zu suchen. Er spricht auf Deutsch und lobt die deutsche Kultur, "das technische Denkvermögen und kaufmännisches Geschick". Das Herz Russlands sei "für eine vollwertige Zusammenarbeit und Partnerschaft geöffnet". Die Abgeordneten reagieren mit stehendem Applaus. In Deutschland herrscht Putin-Euphorie. 

Bilder von Putins Staatsbesuch 2001

Wladimir Wladimirowitsch
Eine Staatslimousine bringt Wladimir Putin am 25. September 2001 zum Deutschen Bundestag. Bildrechte: dpa
Wladimir Wladimirowitsch
Eine Staatslimousine bringt Wladimir Putin am 25. September 2001 zum Deutschen Bundestag. Bildrechte: dpa
Wladimir Vladimirovich Putin and Wolfgang Clement
In Düsseldorf macht Wladimir Putin einen Zwischenstopp. Auf dem Flughafen empfängt ihn Ministerpräsident Wolfgang Clement. Wo immer Putin auftritt, wird er herzlich begrüßt. Putin hat die Herzen vieler Deutscher erobert. Bildrechte: IMAGO
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15 Jahre später ist alles anders. Das Verhältnis Deutschlands zu Russland ist abgekühlt, das Misstrauen groß. Gegenseitige Sanktionen behindern die wirtschaftliche Zusammenarbeit. Deutschland wird ein Nato-Bataillon im Baltikum anführen, das zur Abschreckung gegen Russland gedacht ist. Wie ist es zu diesem Zustand gekommen, nachdem die Zeichen 2001 auf Freundschaft standen? 

Geist der Demokratie und der Freiheit

Zunächst ist noch alles in Ordnung. Der ehemalige Kanzler Gerhard Schröder und Wladimir Putin zelebrieren öffentlich ihre "Männerfreundschaft". Sie laden sich wechselseitig zu ihren Geburtstagen ein und schwitzen gemeinsam in der Sauna. Zu dieser Zeit ist es Putin offenbar noch wichtig, wie er in Deutschland wahrgenommen wird. Das wird auch in seiner Bundestagsrede deutlich. Er präsentiert Russland als den idealen Partner für ein starkes, demokratisches Europa. "Der Geist der Demokratie und der Freiheit" habe "die überwiegende Mehrheit der russischen Bürger ergriffen". Man unterstütze die europäische Integration und sehe sie mit Hoffnung: "Wir tun das als ein Volk, das gute Lehren aus dem Kalten Krieg und aus der verderblichen Okkupationsideologie gezogen hat."  

Entfremdung

Doch 2005 wird Angela Merkel Kanzlerin. Sie ist deutlich misstrauischer und kritischer gegenüber Putin als Gerhard Schröder. Und Putin gibt immer mehr Anlass dazu. Die schönen Worte von "Demokratie und Freiheit" entpuppen sich als leer. Putin schränkt die Pressefreiheit stark ein und errichtet ein auf ihn zugeschnittenes System, das auch als "gelenkte Demokratie" bezeichnet wird. 

Wladimir Wladimirowitsch
Wladimir Putin fährt vorm Bundestag vor Bildrechte: dpa

Aber die Entfremdung zwischen Deutschland und Putin ist vor allem durch die schlechter werdenden Beziehungen zwischen Russland und dem Westen im Allgemeinen bedingt. Denn Deutschland ist Mitglied des westlichen Militärbündnisses Nato. Und dieses tritt aus russischer Sicht immer aggressiver und expansiver auf. In seiner Bundestagsrede im Jahr 2001 sagte Putin noch: "Der Kalte Krieg ist vorbei." Heute spricht sein Vertrauter Dmitri Medwedew von einer "neuen Zeit des Kalten Krieges". Mit Militärmanövern in Grenzregionen demonstrieren beide Konfliktparteien ihre Stärke. 

Sowjetrepubliken wenden sich von Russland ab

Bereits 1999 sind die ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten Ungarn, Tschechien und Polen der Nato beigetreten. 2004 ging das westliche Bündnis dann noch weiter: Die ehemaligen Sowjetrepubliken des Baltikums sowie vier weitere Länder treten dem Nordatlantikpakt bei. Die Absicherung vor Russland ist offenbar ihr Motiv

Und weitere ehemalige Sowjetrepubliken wenden sich von Russland ab: Georgien und die Ukraine. Beide Länder lässt Putin teuer für ihre Westorientierung bezahlen. Die georgische Armee kämpft im Jahr 2008 gegen Separatisten in den Provinzen Abchasien und Südossetien. Russland unterstützt diese und besetzt Teile des Landes. Bis heute sind die Truppen vor Ort und verhindern, dass Georgien in die Nato aufgenommen werden kann. Angela Merkel ergreift damals klar Partei für Georgien. 

Putins schwarzer Labrador und Merkels Angst vor Hunden

Aber nicht nur die Weltpolitik sorgt dafür, dass das Verhältnis zwischen Russland und Deutschland abkühlt. Auch auf persönlicher Ebene läuft es schlecht. Als die Kanzlerin 2007 Putin besucht, ist dessen schwarzer Labrador dabei, obwohl Merkel Angst vor Hunden hat. Davon habe er nichts gewusst, rechtfertigt sich Putin später. Merkel ist anderer Meinung: "Obwohl, wie ich glaube, der russische Präsident genau wusste, dass ich nicht gerade begierig darauf war, seinen Hund zu begrüßen, brachte er ihn mit." 

Offener Bruch

Zum offenen Bruch mit dem Westen kommt es dann spätestens 2014, als Russland die politischen Umwälzungen in der Ukraine dazu nutzt, die Krim zu annektieren. Außerdem unterstützt Russland die Separatisten in den ostukrainischen Regionen Donezk und Lugansk mit Waffen und Soldaten. Dadurch hält er einen Krieg am Laufen, der bereits mehr als 10.000 Tote gefordert hat. Ohne Putins Hilfe wäre dieser für die Rebellen längst verloren. Auch hier ist klar, auf welcher Seite Angela Merkel steht: Für die Ukraine gibt es Kredite, für Russland Sanktionen. 

2015 schickt Putin ein Glückwunschtelegramm zum Tag der Deutschen Einheit an Bundespräsident Joachim Gauck und Angela Merkel. Darin warnt er vor einer Entfremdung Deutschlands und Russlands. Diese Entfremdung ist inzwischen längst Realität. 

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stellt sich am Sonntag (21.01.07) nach Ankunft in Sotschi / Russland zusammen mit dem Russischen Präsidenten Wladimir Putin der Presse. Auch Putins Hund Koni war bei dem Kurzstatement zugegen. Es ist bekannt dass Merkel Angst vor grossen Hunden hat.
Angela Merkel und Wladimir Putin 2007. Putin hat seinen Labrador mitgebracht, obwohl Merkel Angst vor Hunden hat. Bildrechte: IMAGO

(zuerst veröffentlicht am 23.09.2016)

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR um Zwölf | 11.10.2006 | 12:00 Uhr
MDR um Zwölf | 27.09.2001 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2018, 15:47 Uhr

Petersburger Dialog 2006 in Dresden

Wladimir Putin 2006 in Dresden 3 min
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Di 27.09.2016 11:40Uhr 02:42 min

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