Genossenschaften - eine alte Idee und doch kein bisschen angestaubt

Die erste Genossenschaft Deutschlands wurde 1849 von Hermann Schulze-Delitzsch im sächsischen Delitzsch gegründet. Seine Genossenschaftsidee steht heute sogar auf der Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes.

"Willkommen bei der EHRENBERG Schülergenossenschaft Delitzsch!" So steht es auf der Homepage des Ehrenberg-Gymnasiums in Delitzsch. Für das Schulprojekt gibt es bereits Geschäftsideen: "Beginnen wollen wir mit dem Bedrucken von T-Shirts, für die ein eigenes Logo entwickelt wird."

Voll im Trend

Damit liegen die Schüler voll im Trend, denn die Genossenschaftsidee feiert gerade ein Revival. Die Gymnasiasten in Delitzsch erfüllen sie mit Leben - und zwar dort, wo sie ihre Wurzeln hat:

1849 wurde in der sächsischen Kleinstadt die erste Genossenschaft Deutschlands gegründet. Von Hermann Schulze-Delitzsch, der diesen Namen aus Verbundenheit zu seiner Heimatstadt annahm.

Hermann Schulze-Delitzsch

Durch seine Arbeit als Richter in seiner Geburtsstadt kam er in Berührung mit der Armut der Handwerker. Philipp Bludovsky, Historiker und Kurator des Schulze-Delitzsch-Museums, erzählt: "Die Delitzscher Schuhmacher und Tischler litten unter Massenfertigung in den Fabriken und hatten mit enormem Preisdruck zu tun. Sie konnten ihre Produkte kaum noch verkaufen und wussten nicht mehr, wovon sie leben sollten."

Als Schulze, der am 29. August 1808 in Delitzsch geboren wurde, 1848 linksliberaler Abgeordneter in der Preußischen Nationalversammlung wurde, suchte er nach politischen Lösungen für das Problem: Die Schaffung von Handwerkerbanken wurde diskutiert. In dieser Zeit hatte er auch seinen Namen mit dem seiner Heimatstadt ergänzt, was damals nicht ganz unüblich war.

Doch auf der politischen Ebene konnte er sein Anliegen nicht durchsetzen. Und so beschloss er, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. 1849 gründete er in Delitzsch mit den heimischen Handwerkern die erste Tischler- und Schuhmacher-Assoziation als Einkaufsgenossenschaft. Es war die erste Genossenschaft Deutschlands. Gemeinsam erstandene Rohstoffe erlaubte es den Handwerkern, günstiger zu produzieren. Herrmann Schulze-Delitzsch dachte aber noch weiter und wurde so zum Begründer der Kreditgenossenschaft.

Die Kreditgenossenschaft - eine deutsche Entwicklung

Denn ein großes Problem der Handwerker war auch, dass sie kein Kapital hatten und kaum Kredite bekamen. Falls sich private Darlehensgeber dazu entschlossen, verlangten sie einen Wucherzins. Also gründete Schulze-Delitzsch mit den örtlichen Handwerkern am 10. Mai 1850 den "Vorschussverein". Die Idee dahinter: Aus eingezahlten Mitgliedsbeiträgen sollten günstige Kredite gewährt werden. Zunächst funktionierte das nicht. Die Mitgliedsbeiträge deckten nicht einmal die Verwaltungskosten des Vereins. Der "Vorschussverein" funktionierte eher wie eine Stiftung. Wohlhabende Delitzscher Bürger stellten dem Verein Gelder als Spende oder zinsfreies Darlehen zur Verfügung.

Erst der mit Schulze-Delitzsch befreundete Arzt Dr. Anton Bernhardi und der Schneidermeister Ernst Bürmann setzten seine Idee im benachbarten Eilenburg um. Und zwar nach bankwirtschaftlichen Grundsätzen. Schulze-Delitzsch überarbeitete daraufhin 1852 die Statuten seines Vorschussvereins. Fremde Darlehen wurden nun zur Bildung des Vereinskapitals erlaubt und regelmäßige Mitgliedsbeiträge waren Voraussetzung, um überhaupt eintreten zu dürfen.

1855 fasste Hermann Schulze-Delitzsch seine Erkenntnisse aus dieser Zeit in einer Broschüre zusammen: "Vorschuss- und Kreditvereine als Volksbanken." In Vorträgen warb er für die von ihm verbreitete Wirtschaftsform, und schon bald feierte sie Erfolge: 1.000 Vorschussvereine gründeten sich in den folgenden zehn Jahren. Sie wurden der Vorläufer der städtischen Kreditgenossenschaften und heutigen Volksbanken.

In gleichem Geist agierte zur gleichen Zeit Friedrich Wilhelm Raiffeisen im Westerwald. Er organisiert die Kreditvergabe für Landwirte und wurde für die ländlichen Genossenschaften zum Wegbereiter.

Ursprünge in England

Entstanden ist die Idee der Genossenschaft aber nicht in Deutschland, sondern in Zeiten größter Not in England. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts strömten hunderttausende Menschen auf Arbeitssuche in die Städte. Die Versorgung mit Lebensmitteln war schlecht. Die Arbeiterklasse fristete ein trostloses Dasein. Aber auch die Handwerker waren in Existenznöte geraten: Ihre Produkte wurden durch industrielle ersetzt. Durch Aufhebung des Zunftzwanges gab es bald ein Überangebot an Handwerkern, die die Preise drückten.

Die Folge waren schlechte Wohnbedingungen, Kinderarbeit, Hunger und prekäre Arbeitsbedingungen. Die "soziale Frage" drängte auf Lösungen. Sie wurden nicht von der Politik gefunden, sondern in der Selbsthilfe. Konsum-, Bau-, Einkaufs- oder Absatzgenossenschaften gründeten sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem in England und Frankreich, nach Ideen von Claude de Saint-Simon, Robert Owen und Charles Fourier.

In Deutschland gelten Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen als Gründungsväter des Genossenschaftswesens. Schulze-Delitzschs Genossenschaftsidee steht heute sogar auf der Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes.

Aktueller denn je

Hermann Schulze-Delitzsch starb am 29. April 1883 in Potsdam. Seine Ideen aber wirken bis heute fort. Mit rund 20 Millionen Mitgliedern und etwa 8.000 eingetragenenGenossenschaften sind Genossenschaften die stärkste Wirtschaftsorganisation in Deutschland. Es gibt Konsum-, Wohnungs,- und  Energiegenossenschaften, Einkaufs,- Bank- und landwirtschaftliche Genossenschaften. Sogar Zeitungen, Schulen und Krankenhäuser sind als Genossenschaft organisiert. Die Idee, die Gewinne bei den Erzeugern oder Nutzern zu belassen, ist attraktiv in Zeiten, in denen die Lücke zwischen arm und reich immer größer wird.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch in "Aktuell" 01.12.2016 | 17:44 Uhr