Die Geschichte der sowjetischen Raumstation "Mir" Die sowjetische Raumstation "Mir", die kleine Schwester der ISS

Am 19. Februar 1986 macht sich das erste Modul der sowjetischen Raumstation "Mir" auf den Weg ins All. Es ist ein nie da gewesenes Großprojekt, das im Kalten Krieg den entscheidenden Vorteil für die UdSSR im Weltall bringen soll. Mehr als 15 Jahre lang und 86.000 Mal umkreist die "Mir" die Erde. Erkenntnisse, die man dort gewinnt hat, sind grundlegend für die später gebaute Internationale Raumstation ISS. Am 23. März 2001 stürzt die Raumstation bei einem kontrollierten Absturz in den Pazifik.

Weltraumstation MIR umrundet die Erde
Weltraumstation MIR umrundet die Erde Bildrechte: imago images/UPI Photo

Die US-Amerikaner landen 1969 als Erste auf dem Mond. Auch mehr als zehn Jahre danach hat die sowjetische Raumfahrt dieses Trauma nicht überwunden. Zu Zeiten des Kalten Krieges liefern sich beide Großmächte auch im Weltall einen unermüdlichen Wettbewerb. Nachdem die USA in den 1970er-Jahren mit "Skylab" eine eigene Weltraumstation in den Erdorbit schicken, entsendet auch die UdSSR eigene Saljut-Raumstationen. Doch bald führt die sowjetische Führung einen Schachzug aus, der alles in den Schatten stellen wird. "Mir" heißt fortan das Großprojekt der sowjetischen Raumfahrt: Eine ständig bemannte, gigantische modulare Raumstation, die pünktlich zum 27. Parteitag der KPdSU am 19. Februar 1986 in den Erdorbit abhebt.

Das Leben auf der Weltraumstation "Mir"

Das Basismodul der "Mir", das 1986 ins All gefeuert wird, beherbergt Schlafquartiere, eine Küche und Hygieneräume für die Besatzung. Der Innenraum ist 13 Meter lang und vier Meter breit und somit nicht größer, als eine kleine Wohnung. Trotzdem bietet das Basismodul Platz für bis zu sechs Personen. Bis 1996 werden sechs weitere Module an die Raumstation angebaut. Die Module beherbergen wichtige Lebenserhaltungssysteme für die Kosmonauten, genauso wie technische Ausrüstung, mit der die Besatzung biologische, physische und astronomische Experimente betreiben soll. Der Tag beginnt für die Kosmonauten um 8 Uhr, zu essen gibt es vor allem Tiefkühl- oder Konservenkost. Der Alltag auf der "Mir" hält einige Tücken bereit. So verursachen die Pumpen und Ventilatoren in der Raumstation einen anhaltenden Lärm, vergleichbar mit dem Lärm einer stark befahrenen Straße. Dusche und Toiletten entpuppen sich häufig als störanfällig. Die Kosmonauten sind deshalb ständig bemüht, kleine Reparaturen durchzuführen, um die "Mir" instand zu halten, die als "fliegender Bauwagen" gilt. Die "Mir" ist die erste Raumstation weltweit, die von Menschen im All zusammengebaut wird.

Das Ende der Sowjetunion auf der Weltraumstation "Mir"

Besondere mediale Aufmerksamkeit erhalten 1991 die Kosmonauten Alexander Wolkow und Sergej Krikaljow. Krikaljow fliegt im Mai 1991 auf die "Mir". Mit der nächsten Mission Sojus TM-13 landet dann im Oktober Alexander Wolkow auf der Raumstation. Erst im März 1992 werden die beiden "letzten Sowjetbürger" zurückkehren. In dieser Zeit erklärt sich die Ukraine, Wolkows Heimatland, für unabhängig und Ende Dezember 1991 wird die Sowjetunion aufgelöst. Nach ihrer Rückkehr sind die beiden Kosmonauten russische Staatsbürger. Krikaljow äußert sich später zu dieser Zeit:

Wir Wissenschaftler beobachten nach wie vor die Sterne. Für uns ist eher bedeutungslos, wer Präsident ist. Es gibt Dinge, die fundamentaler sind als politische Ereignisse.

Sergej Krikaljow Kosmonaut

Blick in den Nachbau einer Trainingskapsel der MIR in Moskau.
Blick in den Nachbau einer Trainingskapsel der "Mir" in Moskau. Bildrechte: dpa

Sowjetische Rekorde für die Raumfahrt

Während ihrer 15-jährigen Geschichte kann die "Mir" zuhauf Erfolge verzeichnen. Sie ist die größte Raumstation ihrer Zeit und die erste dauerhaft bemannte Forschungsstation im All. Der sowjetische Kosmonaut Waleri Poljakow verbringt 1994 und 1995 an Bord der "Mir" die längste Zeit am Stück im All. "Das war praktisch wie ein Selbstversuch für eine Mars-Mission", erklärt Raumfahrt-Journalist Gerhard Kowalski im Gespräch mit MDR ZEITREISE. In den 1990er Jahren landen zunehmend Astronauten anderer Nationen auf der Raumstation. Der deutsche Astronaut Thomas Reiter bestreitet 1995 den längsten Weltraumflug als nichtrussischer Raumfahrer und 1995 ist sogar der erste US-amerikanische Astronaut mit an Bord. In den 15 Jahren, die die "Mir" sich im Erdorbit befindet, arbeiten und forschen über 100 Raumfahrer in deren Innenräumen. Mehr als 86.000 Mal umrundet sie die Erde.

Kosmonauten werden mit Spezialanzügen ausgestattet.
Kosmonauten werden mit Spezialanzügen ausgestattet. Bildrechte: dpa

Das endgültige Ende der Raumstation "Mir"

In den 1990er-Jahren macht die "Mir" dann aber vor allem Negativ-Schlagzeilen: Die Raumstation ist inzwischen in die Jahre gekommen, die Defekte an Bord häufen sich entsprechend. Mal tritt Kühlflüssigkeit aus, mal gibt der Bordcomputer den Geist auf oder es kommt zu einem Leck in der Schutzhülle. 1997 fängt ein Sauerstoffgenerator Feuer – den Brand kann die Besatzung jedoch unter Kontrolle bringen. Während ihrer Zeit im All kommt es auf der "Mir" angeblich zu mehr als 1.600 Defekten und Pannen.

Anfang der 1990er-Jahre ist noch geplant, die schwächelnde Raumstation mit einer neuen "Mir 2" zu ersetzen. Dieses Vorhaben zerschlägt sich jedoch mit dem Zusammenbruch der UdSSR – dem Nachfolgestaat Russland fehlt dafür das Geld. 1998 wird die Internationale Raumstation ISS in Betrieb genommen wird. Drei Jahre ist auch das endgültige Ende der "Mir" besiegelt. Im April 2000 startet die letzte Besatzung zur "Mir", danach leitet Russland die kontrollierte Absturzmission der Raumstation ein. Am 23. März 2001 tritt die "Mir" in die Erdatmosphäre ein, bricht auseinander und verglüht größtenteils. Die übrig gebliebenen Trümmerteile versinken im Südpazifik.

Positive Bilanz der sowjetischen Raumstation

Die "Mir" ist die erste modulare Raumstation gewesen und zeigt somit, dass der Mensch monatelang im All bleiben kann. Nach dem Ende des Kalten Krieges dürfen auch US-amerikanische Astronauten an Board. Insgesamt beherbergt die "Mir" rund 100 Raumfahrer.

In der 'Mir' wurde erstmals eine kontinuierliche Forschungsarbeit möglich. Zudem konnten wichtige Erkenntnisse über das Verhalten des menschlichen Organismus in der Schwerelosigkeit gewonnen werden.

Gerhard Kowalski Raumfahrtjournalist

Trotz der vielen technischen Pannen in ihrer Endphase, legt die "Mir" den Grundstein für die zukünftige Raumfahrt und die Erfolge der ISS, betont Raumfahrtjournalist Gerhard Kowalski. Die "Mir" gilt als kleine Schwester der internationalen Raumstation ISS.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 2 | 02. Oktober 2020 | 14:00 Uhr