Vor 35 Jahren Raumstation "Mir": der sowjetische Gigant auf der Umlaufbahn

Am 19.02.1986 macht sich das erste Modul der sowjetischen Raumstation "Mir" auf den Weg ins All. Es ist ein nie dagewesenes Großprojekt, das im Kalten Krieg den entscheidenden Vorteil für die UdSSR im Weltall bringen soll. Mehr als 15 Jahre lang umkreist die "Mir" die Erde. Erkenntnisse, die man dort gewonnen hat, waren grundlegend für die später gebaute Internationale Raumstation ISS.

Weltraumstation MIR umrundet die Erde
Weltraumstation MIR umrundet die Erde Bildrechte: imago images/UPI Photo

Die US-Amerikaner landen 1969 als Erste auf dem Mond. Auch mehr als zehn Jahre danach hat die sowjetische Raumfahrt dieses Trauma nicht überwunden. Zu Zeiten des Kalten Krieges liefern sich beide Großmächte auch im Weltall einen unermüdlichen Wettbewerb. Nachdem die USA in den 1970er-Jahren mit "Skylab" eine eigene Weltraumstation in den Erdorbit schicken, entsendet auch die UdSSR eigene Saljut-Raumstationen. Doch bald entscheidet sich die sowjetische Führung für einen Schachzug, der alles in den Schatten stellen wird. "Mir" heißt fortan das Großprojekt der sowjetischen Raumfahrt: Eine ständig bemannte, gigantische modulare Raumstation, die pünktlich zum 27. Parteitag der KPdSU am 19. Februar 1986 in den Erdorbit abhebt.

Blick in den Nachbau einer Trainingskapsel der MIR in Moskau.
Blick in den Nachbau einer Trainingskapsel der "Mir" in Moskau. Bildrechte: dpa

Das Leben auf der "Mir"

Das Basismodul der "Mir", das 1986 ins All gefeuert wird, beherbergt Schlafquartiere, eine Küche und Hygieneräume für die Besatzung. Der Innenraum ist 13 Meter lang und vier Meter breit und somit nicht größer als eine kleine Wohnung. Trotzdem bietet das Basismodul Platz für bis zu sechs Personen. Bis 1996 werden sechs weitere Module an die Raumstation "angebaut". Sie beherbergen wichtige Lebenserhaltungssysteme für die Kosmonauten, genauso wie technische Ausrüstung, mit der die Besatzung biologische, physische und astronomische Experimente betreiben soll. Der Tag beginnt für die Kosmonauten um 8 Uhr, zu essen gibt es vor allem Tiefkühl- oder Konservenkost. Der Alltag auf der "Mir" hält einige Tücken bereit. So verursachen die Pumpen und Ventilatoren in der Raumstation einen anhaltenden Lärm, der mit dem Lärm einer stark befahrenen Straße mithalten könnte. Dusche und Toiletten entpuppen sich häufig als störanfällig. Die Kosmonauten sind deshalb ständig bemüht, kleine Reparaturen durchzuführen, um die "Mir" instand zu halten, die als "fliegender Bauwagen" gilt.

Originalgetreuer Nachbau der Raumstation MIR im Raumfahrt-Trainingszentrum in StarCity in Moskau
Originalgetreuer Nachbau der Raumstation "Mir" im Raumfahrt-Trainingszentrum in StarCity in Moskau Bildrechte: dpa

Das Ende der Sowjetunion auf der "Mir"

Besondere mediale Aufmerksamkeit erhalten 1991 die Kosmonauten Alexander Wolkow und Sergej Krikaljow. Krikaljow fliegt im Mai 1991 auf die "Mir". Als er im Oktober zurückkehren soll, gibt es nicht genug Geld und Raketen, um ihn zurückzuholen. Mit der nächsten Mission Sojus TM-13 landet im Oktober Alexander Wolkow auf der Raumstation. Erst im März 1992 werden die beiden "letzten Sowjetbürger" zurückkehren. In dieser Zeit erklärt sich die Ukraine, Wolkows Heimatland, für unabhängig und Ende Dezember 1991 wird die Sowjetunion aufgelöst. Nach ihrer Rückkehr sind die beiden Kosmonauten russische Staatsbürger. Krikaljow äußert sich später zu dieser Zeit: "Wir Wissenschaftler beobachten nach wie vor die Sterne. Für uns ist eher bedeutungslos, wer Präsident ist. Es gibt Dinge, die fundamentaler sind als politische Ereignisse."

Der Kosmonaut Sergel Krikaljow 2001 auf der ISS.
Der Kosmonaut Sergel Krikaljow 2001 auf der ISS. Bildrechte: dpa

Sowjetische Rekorde für die Raumfahrt

Während ihrer 15-jährigen Geschichte kann die "Mir" zuhauf Erfolge verzeichnen. Sie ist die größte Raumstation ihrer Zeit und die erste dauerhaft bemannte Forschungsstation im All. Der sowjetische Kosmonaut Waleri Poljakow verbringt 1994 und 1995 an Bord der "Mir" die längste Zeit am Stück im All. "Das war praktisch wie ein Selbstversuch für eine Mars-Mission", erklärt Raumfahrt-Journalist Gerhard Kowalski im Gespräch mit MDR ZEITREISE. In den 1990er Jahren landen zunehmend Astronauten anderer Nationen auf der Raumstation. Der deutsche Astronaut Thomas Reiter bestreitet 1995 den längsten Weltraumflug als nichtrussischer Raumfahrer und 1995 ist sogar der erste US-amerikanische Astronaut mit an Bord. In den 15 Jahren, die die "Mir" sich im Erdorbit befindet, arbeiten und forschen über 100 Raumfahrer in deren Innenräumen. Mehr als 83.000 Mal umrundet sie die Erde.

Kosmonauten werden mit Spezialanzügen ausgestattet.
Kosmonauten werden mit Spezialanzügen ausgestattet. Bildrechte: dpa

Das Ende der "Mir"

In den 1990er-Jahren macht die "Mir" dann aber vor allem Negativ-Schlagzeilen: Die Raumstation ist inzwischen in die Jahre gekommen, die Defekte an Bord häufen sich entsprechend. Mal tritt Kühlflüssigkeit aus, mal gibt der Bordcomputer den Geist auf oder es kommt zu einem Leck in der Schutzhülle. 1997 fängt ein Sauerstoffgenerator Feuer – den Brand kann die Besatzung jedoch unter Kontrolle bringen. Während ihrer Zeit im All kommt es auf der "Mir" angeblich zu mehr als 1.600 Defekten und Pannen.

Anfang der 1990er-Jahre ist noch geplant, die schwächelnde Raumstation mit einer neuen "Mir 2" zu ersetzen. Dieses Vorhaben zerschlägt sich jedoch mit dem Zusammenbruch der UdSSR – dem Nachfolgestaat Russland fehlt dafür das Geld. Als 1998 die Internationale Raumstation ISS in Betrieb genommen wird, ist das Ende der "Mir" besiegelt. Im April 2000 startet die letzte Besatzung zur "Mir", danach leitet Russland den kontrollierten Absturz der Raumstation ein. Am 23. März 2001 sinkt die "Mir" in die Erdatmosphäre ein, bricht auseinander und verglüht größtenteils – übrig gebliebene Trümmerteile versinken im Südpazifik.

Positive Bilanz der sowjetischen Raumstation

Trotz der vielen Pannen in ihrer Endphase legt die "Mir" den Grundstein für die zukünftige Raumfahrt und die Erfolge der ISS, betont Raumfahrtjournalist Gerhard Kowalski: "In der 'Mir' wurde erstmals eine kontinuierliche Forschungsarbeit möglich. Zudem konnten wichtige Erkenntnisse über das Verhalten des menschlichen Organismus in der Schwerelosigkeit gewonnen werden."

Dieses Thema im Programm: MDR um 2 | 02. Oktober 2020 | 14:00 Uhr