Hochhaus RGW Moskau 1970
RGW-Gebäude in Moskau. Bildrechte: IMAGO

Vor 70 Jahren: Sozialistisches Wirtschaftsbündnis gegründet Der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe

Am 25. Januar 1949 wurde in Moskau der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) ins Leben gerufen. Er war das Wirtschaftsbündnis der sozialistischen Staaten. Vor allem durch eine "internationale sozialistische Arbeitsteilung" sollten die RGW-Staaten wirtschaftlich gestärkt werden. Doch die Hoffnungen erfüllten sich am Ende nicht.

Hochhaus RGW Moskau 1970
RGW-Gebäude in Moskau. Bildrechte: IMAGO

1948 erreichte die KP-Führung in Moskau eine sie sehr beunruhigende Nachricht. Einige osteuropäische Staaten würden die Absicht haben, sich am amerikanischen Wiederaufbauprogramm, dem Marschallplan, zu beteiligen: Ungarn, die ČSSR und Polen. Moskau fürchtete um seinen Einfluss in seinem Machtgebiet. Und so hatte Außenminister Molotow bereits Monate zuvor verkündet: Kein sozialistisches Land wird Geld aus den USA annehmen. Den drei Staaten wurde nun noch einmal strikt untersagt, dem Marschallplan beizutreten.

Gründung einer sozialistischen Wirtschaftsgemeinschaft

Um zu verhindern, dass die sowjetischen Vasallenstaaten in Osteuropa ihre Annäherung an den Westen fortsetzen, beschloss Josef Stalin die Gründung eines sozialistischen Wirtschaftspaktes. Bereits am 25. Januar 1949 war es soweit. In Moskau unterzeichneten die UdSSR, die ČSSR, Polen, Rumänien, Ungarn und Bulgarien die Gründungsurkunde des RGW, des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe. Durch ein System der "internationalen sozialistischen Arbeitsteilung" und einer aufeinander abgestimmten Planung sollten die RGW-Staaten wirtschaftlich gestärkt werden. Die Zauberformel lautete: Sozialistische ökonomische Integration.

DDR profitierte vor allem von Rohstofflieferungen

Walter Ulbricht
Walter Ulbricht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im September 1950 trat auch die DDR dem RGW bei. SED-Chef Walter Ulbricht jubelte, dass die DDR nun Maschinen, Lebensmittel und Rohstoffe importieren könne. Das Leben in der jungen Republik würde sich schon bald grundlegend verbessern. Und tatsächlich erwiesen sich vor allem die kurz darauf einsetzenden Rohstofflieferungen aus der UdSSR für die DDR als überlebenswichtig. Der Ausbau der Chemischen Industrie in der DDR wäre ohne sowjetisches Erdöl gar nicht denkbar gewesen.

Arbeitsteilung im RGW

Ende der 1950er-Jahre erklärte die UdSSR Arbeitsteilung und Spezialisierung zu den großen verbindlichen Zielen des Wirtschaftsrates. Die Arbeitsteilung würde Parallelproduktionen verhindern und zur Intensivierung der Industrien führen. Allmählich wurde dieses Ziel auch umgesetzt. Und so funktionierte die sozialistische Arbeitsteilung im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe: Ungarn etwa lieferte seine "Ikarus"-Busse in sämtliche RGW-Staaten, die CSSR ihre "Tatra"-Straßenbahnen. Die UdSSR war für die Produktion großer Diesellokomotiven, Flugzeuge und Traktoren verantwortlich, die DDR fertigte Fischverarbeitungsschiffe, Werkzeugmaschinen und Computer, Rumänien Diesellokomotiven. Dieses System hatte freilich entscheidende Nachteile: Es schuf enorme wechselseitige Abhängigkeiten, aber auch ständige Engpässe, weil etwa vorhandene Produktionskapazitäten nicht den Bedarf decken konnten. Ein weiteres Problem war die mangelnde Qualität. So soll etwa die Hälfte der in die DDR gelieferten Diesellokomotiven aus Rumänien nicht einsatzbereit gewesen sein.

Transferrubel

Bezahlt wurde im RGW in den ersten Jahren nach der guten alten Methode Ware gegen Ware. Mit den Währungen der Mitgliedsstaaten konnten keine Warenlieferungen beglichen werden. Der ungarische Forint, die Mark der DDR oder der bulgarische Lewa waren lediglich Binnenwährungen. Die Preise waren vom RGW beziehungsweise in bilateralen Verträgen der Mitgliedsstaaten langfristig festgeschrieben. 1964 wurde der staatliche Tauschhandel allerdings zugunsten einer gemeinsamen Währung, dem Transferrubel, aufgegeben. Beim Transferrubel handelte es sich aber um keine wirkliche und schon gar nicht um eine konvertierbare Währung. Der Transferrubel war lediglich eine Verrechnungswährung. Jeder RGW-Mitgliedsstaat besaß bei der Moskauer RGW-Bank ein Transferrubel-Konto. Bei Handelsgeschäften wurde das Buchgeld von einem Konto zum anderen transferiert.

Traum vom RGW-Auto

Ein hellblauer Trabant
Sollte zugunsten eines RGW-Autos aufgegeben werden: der Trabant 601. Bildrechte: IMAGO

1970 träumten die Wirtschaftslenker der RGW-Staaten von einem gemeinsamen Auto, einer Mittelklasse-Limousine mit 45 PS. P 760 sollte das Auto heißen und den Trabant 601, den Wartburg 353 und den Skoda 100 ersetzen. Die Produktion des Autos sollte nach bewährtem RGW-Muster arbeitsteilig organisiert werden, um möglichst hohe Stückzahlen herstellen zu können, denn Autos waren rar in den sozialistischen Staaten. Bis zu 12 Jahre mussten die Bürger im Osten auf ein Auto warten. Die Leitung des Projektes übernahmen die DDR und die ČSSR. Doch die beiden Länder konnten sich partout nicht auf ein gemeinsames Modell einigen. Die Differenzen über die Konstruktion des PKW waren riesig. 1973 wurden die Planungen für das RGW-Auto vom SED-Politbüro schließlich als "nicht entscheidungsreif" eingestellt. Der Traum von einem gemeinsamen RGW-Auto war damit geplatzt.

Sowjetunion forderte Umgestaltung des RGW

Mit Beginn der 1980er-Jahre wurde die wirtschaftliche Misere in den RGW-Ländern immer offensichtlicher. Die Schere zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffte immer weiter auseinander. Es gab Versorgungsschwierigkeiten und Inflation. In Polen streikten die Bürger. Die Sowjetunion sah sich im Sommer 1981 sogar gezwungen, die Erdöllieferungen auf Rubel-Basis an die Partnerstaaten drastisch zu drosseln. Wer mehr Öl benötigte, musste künftig mit Dollar bezahlen, denn die UdSSR benötigte dringend Devisen.

Michail Gorbatschow bei der Eröffnung der vom 28. Juni - 1. Juli 1988 tagenden Parteikonferenz der Kommunistischen Partei in Moskau.
Michail Gorbatschow (1988). Bildrechte: dpa

Das Wirtschaftssystem des RGW mit seiner ineffizienten und starren Planwirtschaft war an seine Grenzen geraten. Und so war es nur folgerichtig, dass die UdSSR nach dem Amtsantritt von Michail Gorbatschow auch im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe Umgestaltungen einforderte, etwa das Ende der Arbeitsteilung und die Schaffung eines freien Handels zwischen einzelnen Unternehmen. Aber umgesetzt wurden die Reformvorschläge nur schleppend. Es war der Anfang vom Ende des RGW, ein Sterben auf Raten.

Falscher Weg

Im Januar 1990 trafen sich die RGW-Staaten zur ihrer 45. Ratstagung im Kulturpalast in Sofia. Nach den revolutionären Veränderungen wollten die einzelnen Länder ab jetzt wirtschaftlich eigenständig agieren. Die führende Rolle der UdSSR sollte aufgegeben werden. In einem knappen Kommunique einigte man sich ferner darauf, den Außenhandel künftig mit konvertierbarer Währung zu bestreiten und eine am Weltmarkt orientierte Preisbildung einzuführen. Binnen eines Jahres sollte die Umgestaltung abgeschlossen sein. Doch so recht mochte keiner mehr an den RGW glauben. "Wir haben den falschen Weg beschritten", konstatierte der ungarische Ministerpräsident Miklos Nemeth bitter.

Für eine Kurskorrektur war es aber schon zu spät. Das sozialistische System brach in fast allen RGW-Ländern zusammen, die DDR löste sich sogar auf. Osteuropas Staaten strebten nach Westen. Keiner kümmerte sich mehr um den alten RGW. Am 28. Juni 1991 wurde der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe in Budapest formell aufgelöst.

(Quellen: Barbara Lippert, Der Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe, Jahrbuch der Europäischen Integration 1989/90; Jochen Stelkens, Der RGW als Integrationsmodell von Zentralplanwirtschaften, Universität Mannheim 1994; Reinhold Vetter, RGW - Gewagt und verloren, www.handelsblatt.com; RGW, www.kas.de)

(SL)

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV auch in "Echt" 18.07.2017 | 21:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Januar 2019, 16:59 Uhr