Roland Jahn
Roland Jahn leitet seit 2011 die Stasi-Unterlagen-Behörde BStU. Bildrechte: IMAGO

Roland Jahn Vom Stasi-Opfer zum Chefaufklärer

Dutzende Spitzel überwachten Roland Jahn vor der Wende, der dem SED-Regime als "feindlich-negativ" auffiel. Seit 2011 leitet der Jenenser die Stasi-Unterlagen-Behörde BStU. Am Samstag feiert Jahn seinen 65. Geburtstag.

Roland Jahn
Roland Jahn leitet seit 2011 die Stasi-Unterlagen-Behörde BStU. Bildrechte: IMAGO

Roland Jahn, geboren  1953, stammt aus Jena. Nach Schule und Grundwehrdienst fing er 1975 in seiner Heimatstadt an Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Gegen das SED-Regime wurde Jahn 1976 aktiv, als nämlich Liedermacher Wolf Biermann ausgebürgert wurde. Die DDR hatte sich des kritischen Liedermachers mit einem simplen Trick entledigt: Während Biermann auf Konzertreise im Westen war, wurde ihm eröffnet, dass er nicht in die DDR zurückkehren durfte.

Roland Jahn mit einem Klebestreifen "Bildungsverbot" über dem Mund
Roland Jahn protestierte auf diese Weise gegen seine Exmatrikulation. Bildrechte: Robert Havemann Gesellschaft

Roland Jahns Proteste gegen das SED-Regime und die Zensur in der DDR hatten Folgen: 1977 musste Jahn die Universität verlassen, er war als "feindlich negativ" eingestuft worden, man warf ihm marxistische "Wissenslücken" vor. Jahn protestierte weiter - er beklebte sich den Mund mit dem Schriftzug "Bildungsverbot". Doch musste er nach seiner Exmatrikulation fortan als Transportarbeiter beim VEB Carl Zeiss Jena arbeiten.

"Provokation" - mit weißem Plakat

Seinen Protest gegen das DDR-Regime aber stellte er nicht ein. Nach dem Tod eines Freundes 1981 in Stasi-Haft forderte er die Aufklärung dieses Todesfalls. Während einer Militärparade am 1. Mai 1982 trug Roland Jahn ein weißes Plakat ohne jede Losung. Jahre später erinnert er sich:

Mir haben schon die Knie geschlackert, man wusste einfach nie, wie der Staat reagiert".

Roland Jahn im Interview mit dem MDR

Jahn wurde festgenommen und verhört. Auch in den folgenden Jahren wurde er mehrfach inhaftiert, unter anderem, weil er mit der polnischen Solidarność-Bewegung sympathisierte. Am 1. September 1982 kam er sechs Monate in Untersuchungshaft, weil er die polnische Nationalfahne mit der Aufschrift "Solidarność z polskim narodem" ("Solidarität mit dem polnischen Volk") an seinem Fahrrad angebracht hatte.

In Isolationshaft unterschrieb er schließlich einen Ausreiseantrag. Nach internationalen Protesten und Berichten in bundesdeutschen Medien kam Jahn im Februar 1983 frei und gründete mit anderen Oppositionellen die Friedensgemeinschaft Jena. Keimzelle dieser Gruppierung war die Junge Gemeinde Jena, die 1976 ebenfalls laut gegen Biermanns Ausbürgerung protestiert hatte und seither von der Stasi mit Argusaugen beobachtet wurde.

Roland Jahn 10 min
Bildrechte: IMAGO

Zwangsabschiebung in einer Nacht- und Nebel-Aktion

In einer Nacht im Juni 1983 wurde Jahn von der DDR-Staatssicherheit am Grenzbahnhof Probstzella, einem Örtchen im streng abgeschirmten Grenzgebiet, in den Interzonenzug D 1301 nach München geschafft. Auf diese Abschiebung folgte die Ausbürgerung Jahns. In der Bundesrepublik arbeitete Roland Jahn vorwiegend als Journalist, unter anderem für das ARD-Magazin Kontraste. In vielen Fernsehbeiträgen berichtete er über die Oppositionsarbeit in der DDR. 1988 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Vom Stasi-Opfer zum Chefaufklärer

Nach dem Fall der Mauer zeigte sich, dass gleich Dutzende von Stasi-Spitzeln Roland Jahn überwacht hatten. Das Ausmaß der Bespitzelung der DDR-Bürger durch die Stasi wurde durch die neu gegründete Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen BStU nach und nach sichtbar. Ihr erster Beauftragter war Joachim Gauck. Er sollte eine Behörde aufbauen, die der Öffentlichkeit Zugang zu den Stasi-Akten ermöglicht. Auf Joachim Gauck folgten im Jahr 2000 Marianne Birthler und 2011 Roland Jahn. In Jahns inzwischen zweiter Amtszeit fallen bislang wichtige strukturelle Entscheidungen zur Zukunft der Stasi-Unterlagen-Behörde. Die BstU soll bis 2021 ins Koblenzer Bundesarchiv integriert, und das Recht auf Akteneinsicht für Betroffene, Wissenschaft und Öffentlichkeit sichergestellt bleiben.

Zuletzt aktualisiert: 17. Juli 2018, 15:18 Uhr

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