Die Ehrentribüne auf der Karl-Marx-Allee während der Militärparade am 7. Oktober 1989 in Ost-Berlin, u.a. mit Michail Gorbatschow und Erich Honecker
Bildrechte: dpa

Das Politbüro der SED

Jeden Dienstag tagte im "Großen Haus" in Berlin-Mitte das Politbüro der SED, die Machtzentrale der Staatspartei. Zwei Dutzend Funktionäre verfügten über Wohl und Wehe der SED und stellten die eigentliche Regierung der DDR. Am 3. Dezember 1989 war es mit der Herrlichkeit endgültig vorbei - das Politbüro trat zurück.

Die Ehrentribüne auf der Karl-Marx-Allee während der Militärparade am 7. Oktober 1989 in Ost-Berlin, u.a. mit Michail Gorbatschow und Erich Honecker
Bildrechte: dpa

Ein streng strukturierter, glatter Funktionsbau bildete die äußere Hülle für das Zentralkomitee der SED. In diesem ZK-Gebäude am Marx-Engels-Platz (heute wieder Werderscher Markt) tagte auch wöchentlich einmal das Politbüro der Partei. Gegründet 1949, war es das eigentliche Machtzentrum der DDR. Die Mitglieder des Politbüros (bis zum 3. Oktober 1989: 21 Mitglieder und 5 Kandidaten) wurden formell vom Zentralkomitee gewählt, dessen Sekretariat (1987: 10 Sekretäre) so etwas wie die Erfüllungsinstanz für die Beschlüsse des Politbüros war.

Machtzentrale der SED

Im Politbüro fielen die Grundsatzentscheidungen, wobei eine klare Kompetenzabgrenzung nicht festgelegt war. Zudem gab es eine personelle Überschneidung der Gremien: Das Sekretariat der SED war fast vollständig in das Politbüro integriert. Mächtigster Mann des Politbüros war der Generalsekretär. Hans Modrow schreibt: "Da es im ZK keine Diskussionen über den Vorschlag für die Zusammensetzung des Politbüros, sondern nur eine Abstimmung darüber gab, die stets Einmütigkeit und nie Gegenstimmen brachte, konnte sich der Generalsekretär seine Mannschaft praktisch nach seinen persönlichen Sympathien und Wünschen zusammenstellen."

Bildergalerie Die Mitglieder des letzten Politbüros der SED

Am 8. November 1989 trat das Politbüro der SED unter dem Druck von Massenprotesten zurück und formierte sich neu. Doch nur knapp fünf Wochen später gaben auch die Mitglieder des neuen Politbüros auf.

Günter Schabowski (ehemaliges Mitglied des ZK der DDR)
Günter Schabowski Weltberühmt wurde der Ostberliner SED-Chef Günter Schabowski, Politbüromitglied seit 1984, als er am 9. November 1989 auf die Frage eines italienischen Journalisten, wann das neue Reisegesetz der DDR in Kraft trete, nuschelte: "Nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich." Bildrechte: IMAGO
Egon Krenz
Egon Krenz Egon Krenz, geboren 1937, galt wegen seines ewigen FDJ-Vorsitzes (1974-1983) als der Berufsjugendliche der DDR und seit seinem Aufstieg ins Politbüro 1983 als "Kronprinz" Honeckers. Und tatsächlich wurde er im Herbst 1989 SED-Chef und Staatsratsvorsitzender. Aber die DDR war da schon am Ende. 1999 wurde Krenz wegen der Schüsse an der innerdeutschen Grenze zu sechs Jahren Haft verurteilt, von denen er vier in Berlin-Plötzensee absaß. Egon Krenz lebt im Ostseebad Dierhagen. Bildrechte: dpa
Mitglieder der SED-Führung winken
Werner Jarowinsky Zu den Mitgliedern des letzten Politbüros gehörte auch Werner Jarowinsky (5. v. re., zwischen Egon Krenz und Horst Sindermann). Der promovierte Rechtswissenschaftler Jarowinsky (1927-1990) war seit 1984 Mitglied des Politbüros und mit dem undankbaren Bereich "Handel und Versorgung" sowie der "Kirchenpolitik" betraut.
(Über dieses Thema berichtete der MDR auch in: LexiTV | 19.02.2013 | 15:00 Uhr.)
Bildrechte: dpa
Günter Schabowski (ehemaliges Mitglied des ZK der DDR)
Günter Schabowski Weltberühmt wurde der Ostberliner SED-Chef Günter Schabowski, Politbüromitglied seit 1984, als er am 9. November 1989 auf die Frage eines italienischen Journalisten, wann das neue Reisegesetz der DDR in Kraft trete, nuschelte: "Nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich." Bildrechte: IMAGO
Der Kandidat des Politbüros des ZK der SED, Gerhard Schürer, aufgenommen am 16. April 1981.
Gerhard Schürer Für Aufsehen sorgte Gerhard Schürer, Jahrgang 1921, seit 1979 Kandidat des Politbüros, durch einen schonungslosen Bericht über die wirtschaftliche Lage der DDR, den er im Oktober 1989 für Egon Krenz anfertigte. Schürer konstatierte: Wegen der hohen Auslandsverschuldung drohe binnen Jahresfrist der Staatsbankrott. Einen Monat später wurde Schürer ins Politbüro gewählt und war als Planungschef Mitglied der Regierung Modrow. Im Januar 1990 verlor er seinen Regierungsposten und wurde aus der SED-PDS ausgeschlossen. Er arbeitete anschließend als Unternehmensberater bei der "Dussmann-Gruppe". Gerhard Schürer starb 2010. Bildrechte: dpa
Wolfgang Herger und Egon Krenz, 1990.
Wolfgang Herger Wolfgang Hergers Mitgliedschaft im Politbüro währte nur kurz - vom 8. November bis zu dessen Auflösung am 3. Dezember 1989. Der studierte Philosoph Herger begann seine politische Karriere als FDJ-Funktionär. 1976 wurde er Leiter der Abteilung Jugend und Sicherheitsfragen beim ZK der SED. Im Herbst 1989 gehörte er zum engsten Kreis um Egon Krenz und arbeitete unter anderem das neue Reisegesetz der DDR aus. Bis zum Januar 1990 war Herger Mitarbeiter bei der SED-PDS, danach musste er sich als Pförtner und Jugendbetreuer bis zur Rente durchschlagen. Bildrechte: dpa
Werner Eberlein
Werner Eberlein Werner Eberlein, dessen Vater 1919 zu den Gründern der KPD zählte und 1937 den Stalinschen Säuberungen zum Opfer fiel, begann seine politische Karriere als Chefdolmetscher von Walter Ulbricht, er war "die deutsche Stimme Chruschtschows". 1983 wurde der Zwei-Meter-Hüne Eberlein zum Chef der SED-Bezirksleitung Magdeburg bestimmt, seit 1986 gehörte er auch dem Politbüro an und galt als heimlicher "Reformer". Werner Eberlein, geboren 1919, starb 2002 an einem Herzinfarkt. In einem Nachruf beschrieb ihn der "SPIEGEL" als einen "beliebten, stets milde gestimmten Melancholiker". Bildrechte: dpa
Heinz Keßler, ehemaliger DDR-Verteidigungsminister (1987)
Heinz Keßler "Es hat nie, nie einen Schießbefehl gegeben", beteuerte Verteidigungsminister Heinz Keßler 1988 in einem Interview mit der "taz", "und den gibt es auch heute nicht." Aber das war gelogen, "Befehl 101" hieß die streng geheime Anordnung des Politbüros. 1993 musste sich Kessler, der dem Politbüro seit 1986 angehörte, wegen der Todesschüsse an der innerdeutschen Grenze vor Gericht verantworten - sechseinhalb Jahre Gefängnis, lautete das Urteil. Nach fünf Jahren wurde Keßler aus der Haft entlassen. Keßler, Jahrgang 1920, wurde 2009 Mitglied der DKP. Er starb im Mai 2017 hochbetagt in Berlin. Bildrechte: dpa
Siegfried Lorenz
Siegfried Lorenz "Das Politbüro war kein edles Gremium gewesen", sagt Siegfried Lorenz, "und es hat schon eine gewisse Desillusionierung stattgefunden, als ich da so mittendrin saß." 1986 war der Karl-Marx-Städter SED-Bezirkschef in das oberste Führungsgremium der SED aufgerückt und galt, neben Hans Modrow und Werner Eberlein, als "Reformer". Aber die in ihn gesetzten Erwartungen enttäuschte er. "Es war bei mir eine Mischung aus Feigheit und Disziplin" konstatiert Lorenz (* 1930) heute bitter. 2004 musste sich Lorenz wegen der Schüsse an der Grenze vor Gericht verantworten. Wegen Beihilfe zum dreifachen Mord wurde er zu 15 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Bildrechte: dpa
Hans Modrow
Hans Modrow Ab Mitte der 1980er-Jahre galt der Dresdner SED-Chef Hans Modrow (geboren 1930), der unverhohlen mit Michail Gorbatschows Reformpolitik sympathisierte, als Hoffnungsträger und wurde als Nachfolger Erich Honeckers gehandelt. Im Oktober 1989 bemühte sich Modrow um einen Dialog mit oppositionellen Gruppen in Dresden. Am 8. November wurde er ins Politbüro gewählt, fünf Tage später, als Nachfolger Willi Stophs, zum Ministerpräsidenten. Nach seiner Abwahl bekleidete Modrow hohe Funktionen in der PDS, heute ist er Vorsitzender des Ältestenrats der Partei "Die Linke". Bildrechte: dpa
Hans-Joachim Böhme (70), ehemaliges Mitglied des Politbüros des ZK der SED, am 07.07.2000 im Berliner Landgericht.
Hans-Joachim Böhme Der 1929 in Bernburg geborene Hans-Joachim Böhme hatte zunächst Gesellschaftswissenschaften an der Parteihochschule Karl Marx in Berlin studiert. Es folgte eine Karriere in der Partei, er stieg von der SED-Kreisleitung zur Bezirksleitung bis schließlich ins SED-Politbüro auf, dem er seit 1986 angehörte. Der Mann mit der Betonfrisur und der randstarken Brille galt als Hardliner. Er glaubte, dass Reformen das Ende der DDR bedeuten. Böhme wurde 2004 vom Berliner Landgericht im Mauerschützenprozess zu einer 15-monatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Er starb 2012. Bildrechte: dpa
Delegation, die vom Ersten Sekretär des ZK der USAP, Janos Kadar, geleitet wird und der u.a. das Mitglied des Politbüros des ZK der USAP und Vorsitzender der Ungarischen Revolutionären Arbeiter- und Bauern-Regierung Gyula Kallai
Wolfgang Rauchfuß (links) Der 1931 in Chemnitz geborene Wolfgang Rauchfuß war von 1974 an Minister für Materialwirtschaft. Mit dem Rücktritt der Regierung Stoph am 7. November 1989 schied er aus seinem Regierungsamt aus, gehörte aber zunächst noch knapp einen Monat lang zum Politbüro. Von Dezember 1989 bis März 1990 war er Staatssekretär für die Koordinierung der wirtschaftlich-wissenschaftlich-technischen Zusammenarbeit mit der Bundesrepublik unter der Regierung Modrow. 2005 starb Rauchfuß in seiner Geburtsstadt. Bildrechte: dpa
Alle (11) Bilder anzeigen
Heinz Keßler, ehemaliger DDR-Verteidigungsminister (1987)
"Es hat nie, nie einen Schießbefehl gegeben", beteuerte Verteidigungsminister Heinz Kessler 1988 in einem Interview mit der "taz", "und den gibt es auch heute nicht." Aber das war gelogen, "Befehl 101" hieß die streng geheime Anordnung des Politbüros. 1993 musste sich Kessler, der dem Politbüro seit 1986 angehörte, wegen der Todesschüsse an der innerdeutschen Grenze vor Gericht verantworten - 6 ½ Jahre Gefängnis, lautete das Urteil. Nach fünf Jahren wurde Kessler aus der Haft entlassen. Kessler, Jahrgang 1920, lebt heute, hoch betagt, in Berlin und ist seit 2009 Mitglied der DKP. Bildrechte: dpa

"Wir sind die junge Garde" - Durchschnittsalter: 67

Die Sekretäre waren für bestimmte Sachgebiete zuständig und leiteten die Arbeit des sogenannten Apparates des Zentralkomitees - ein Funktionärshort mit 38 Abteilungen und etwa 2.000 Mitarbeitern. Dazu kamen noch als zentrale Einrichtungen die Parteiorgane "Neues Deutschland", "Einheit" sowie die unterstellten ideologischen Leiteinrichtungen, wie etwa die Parteihochschule oder die Verlagsorganisation "Zentrag". 1989 lag das Durchschnittsalter der 21 Politbüromitglieder und 5 Kandidaten bei 67 Jahren.

Populär war ein Witz, der eine Tagung des Politbüros umschrieb: "Tagesordnungspunkt eins: Hereintragen der Mitglieder. Tagesordnungspunkt zwei: Anschalten der Herzschrittmacher. Tagesordnungspunkt drei: Absingen des Liedes 'Wir sind die Junge Garde'."

Rücktritt aus "gesundheitlichen Gründen"

Bezeichnend für die Machtfülle des Generalsekretärs ist der Umgang mit "Abweichlern". Glaubte Honecker, ein Mitglied des Politbüros loswerden zu müssen, empfahl er dessen Rücktritt aus "gesundheitlichen Gründen" - was dann von den jeweiligen Genossen auch befolgt wurde, etwa von Herbert Häber 1985.

Über die Funktionsweise des Politbüros berichtet Hans Modrow: "Am Wochenende vor den Sitzungen erhielten die Mitglieder die Beschlussvorlagen, mitunter bis zu 20 für eine Tagung von wenigen Stunden. Die Vorlagen reichten von Volkswirtschaftsplänen bis zu den Plänen für die Gestaltung eines wichtigen öffentlichen Gebäudes, von der Konzeption einer wissenschaftlichen Institution bis zur Festlegung der Preise für Autos oder das Drehbuch für einen Festumzug in der Hauptstadt."

Uneingeschränkte Machtfülle

Somit gab es praktisch keinen Bereich des gesellschaftlichen Lebens in der DDR, über den nicht im Politbüro Beschlüsse gefasst worden wären. Das Politbüro besaß uneingeschränkte Machtbefugnisse und dominierte alle politischen und wirtschaftlichen Bereiche. Seine Beschlüsse mussten von der Regierung umgesetzt werden.

Am 08.11.1989 trat das Politbüro unter dem Druck der Massenproteste zurück und formierte sich mit nur zehn Mitgliedern neu. Am 03.12.1989 traten das ZK und mit ihm das Politbüro endgültig zurück.

(Zitate Hans Modrow aus: Das große Haus, Edition Ost 1994.)

Luftaufnahme der Wohnsiedlung Wandlitz 2 min
Luftaufnahme der Wohnsiedlung Wandlitz Bildrechte: So lebte das Politbüro vom 17.12.2005/MDR

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV in "Palast der Gespenster" 01.10.2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Dezember 2019, 12:26 Uhr