Appellplatz
KZ Sachsenburg, Appellplatz Bildrechte: Katharina Beck

Das vergessene KZ in Sachsenburg bei Chemnitz

Ab Mai 1933 wurde in einer leer stehenden Spinnerei in Sachsenburg nahe Chemnitz ein sogenanntes "Schutzhaftlager" für Gegner des NS-Regimes errichtet. Das spätere KZ war eines der ersten in Deutschland. Und ist beinahe vergessen.

von Katharina Beck

Appellplatz
KZ Sachsenburg, Appellplatz Bildrechte: Katharina Beck

Eine kleine Halbinsel an der Zschopau. Begrenzt von einem Mühlgraben. Ein ideales Gelände für eine Spinnerei im 19. Jahrhundert. Idyllisch gelegen in Frankenberg bei Chemnitz. Anna Schüller unterrichtet am Gymnasium in Chemnitz Kunst und Geschichte. Mit ihren Schülern kommt sie gelegentlich hierher. Es ist kein Ausflug in eine verträumte Landschaft. Ab 1933 wurden die leerstehenden Gebäude der Spinnerei zu einem grausamen Folterort. "Die Schüler müssen nicht nach Buchenwald oder Sachsenhausen fahren", sagt die 26jährige. "Sie können erleben, was im Nationalsozialismus unmittelbar vor ihrer Tür passierte, ganz in der Nähe, mit Menschen aus der Umgebung. Und lernen, wie schnell so ein politischer Umbruch passieren kann. Der Blick in die Geschichte kann für das Heute sensibel machen."

"Schutzhaftlager"

Ungefähr 50 Arbeiterfunktionäre aus Chemnitz waren 1933 die ersten Gefangenen im "Schutzhaftlager", wie es damals genannt wurde. Sie errichteten das Lager. Ein Jahr später kamen viele der Häftlinge aus dem aufgelösten KZ Colditz hierher. Mehr als 7.000 Kommunisten, Sozialisten, Sozialdemokraten, Zeugen Jehovas, Christen der Bekennenden Kirche, katholische Geistliche, Juden, Homosexuelle und Gewerkschafter waren von 1933 bis 1937 in Sachsenburg inhaftiert. Bruno Apitz, Max Sachs, Walter Janka und Alwin Brandes gehörten zu ihnen. Regimegegner wurden weggesperrt - das diente auch der Abschreckung. "Es ging um Demütigung, Isolierung, darum, Angst und Furcht zu verbreiten. Sachsen war ein Zentrum des frühen Lagersystems, weil die Linke sehr stark war in Sachsen", sagt Mike Schmeitzner. Der Historiker arbeitet am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung Dresden. Vieles sei noch gar nicht bekannt, so Schmeitzner. Dabei hatte dieses Lager eine Schlüsselfunktion.

Frühe Konzentrationslager

Schon wenige Tage nach der Machtübernahme der NSDAP wurde am 4. Februar 1933 die "Veordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des deutschen Volkes" erlassen: Die gesetzliche Grundlage zur Verhaftung von Zehntausenden politischen Gegnern. Die bestehenden Gefängnisse waren schnell überfüllt. Als größere Haftstätten wurden Konzentrationslager geschaffen, in dieser frühen Zeit bereits 60 bis 100, davon etwa 20 in Sachsen. Für das erste sächsische Lager wurde eine Turnhalle bei Flöha umfunktioniert. Das war am 8. März 1933.

Zellen
Zellentrakt Bildrechte: Initiative klick/Katharina Beck

Auch Sachsenburg gehörte zu den frühen Konzentrationslagern in Deutschland. Seinen Namen hat es von dem Schloss Sachsenburg. Dort waren die politischen Häftlinge in den ersten Wochen ab Mai 1933 untergebracht. Bevor die Spinnerei gefunden wurde, die Platz für 1.400 Häftlinge bot. Bevor das Schloss eine Gau-Schule wurde. "Mitte der 30er Jahre setzte eine Konzentration der Lager ein. Es gab nur noch wenige, dafür aber Große. Sachsenburg war bis zum Sommer 1937 das einzige Lager in Sachsen. Selbst Gefangene aus dem Rheinland und Berlin wurden hierher gebracht", berichtet Mike Schmitzner.

Die Geschichte der Täter

Anna Schüller hat für ihre Masterarbeit die Wachmannschaften in diesem KZ erforscht. Bei der Auswertung von rund 100 Biografien stellte sie fest, dass die Zahl der Wachmannschaften im Lager sehr hoch war, fast so hoch wie die der Gefangenen. Es gab einen sehr modernen Schießstand mit beweglichen Zielen. "Das Lager hatte also die Funktion einer Ausbildungsstätte. Die mittlere Ebene der KZ-Aufseher wurde hier geschult", sagt Anna Schüller. Hier haben die SA- und SS-Schergen gelernt, was sie später perfektioniert haben. Der Prügelbock beispielsweise wurde hier entwickelt und in den Konzentrationslagern Buchenwald und Sachsenhausen weiter eingesetzt. Auch die "Karrieren" der Kommandanten begannen hier und wurden in Buchenwald, Dachau, Sachsenhausen und Majdanek fortgesetzt. Und nicht nur das.

Kommandantenvilla
Kommandantenvilla Bildrechte: Initiative "klick"

Hier ist auch gut erkennbar, wie die SS zu einer 2. Armee herangezogen wurde. Im Frühling 1935 stieg die Stärke der Wachtruppen im KZ Sachsenburg auf 400 Mann an. Der Platz in der Spinnerei reichte nicht mehr. Sie wurden in eine Zigarettenfabrik nach Frankenberg verlegt. "Die Kriminalisierung von Häftlingen, die Ideologisierung und Militarisierung hatten sie da schon gelernt", so Mike Schmitzner. Das erzählt auch die Täterbiografie von Max Simon. 1934 war er Lagerkommandant in Sachsenburg, bevor er ab 1935 zum Führungsstab der SS-Division "Totenkopf" kam, der Eliteeinheit, die sich durch besonders brutales Vorgehen im Zweiten Weltkrieg hervortat. Als Generalleutnant der Waffen-SS ließ er am 10. April 1945, wenige Tage vor Kriegsende, drei Männer in dem Dorf Brettheim erhängen. Sie hatten vier Hitlerjungen entwaffnet, die noch Widerstand leisten wollten.

Schwerstarbeit und Folter

Für den Umgang mit Häftlingen in den Lagern gab es Richtlinien. Sie besagten, dass "Schutzhäftlinge streng, aber gerecht und menschlich zu behandeln" seien. Körperliche Züchtigung ist verboten. Gehalten hat man sich daran kaum. Die Inhaftierten von Sachsenburg mussten schwerste Arbeit im nahegelegenen Steinbruch und beim Bau von Uferbefestigungen leisten und jeden Morgen auf dem Appellplatz antreten. Sie erduldeten Schikane durch den "Sachsengruß" – stundenlanges Stehen mit Armen hinter dem Kopf und Blick auf eine Wand, durch das "Häschen-Machen" – Hockstrecksprünge bis zur Besinnungslosigkeit. "Schlange", nannten es die Aufseher, wenn sie ihre Häftlinge über den Schotter robben ließen. 

Im September 1937 wurden die letzten Häftlinge in das inzwischen errichtete Konzentrationslager Buchenwald verlegt.

In der DDR

Der DDR war der Ort eine Gedenkausstellung und ein Mahnmal wert. Obwohl der Spinnereibetrieb ab 1945 wieder aufgenommen wurde, gab es eine Erinnerungskultur. Zwei Zimmer, eines für eine Ausstellung, eines für Vorträge. Schüler kamen hierher, Kränze wurden niedergelegt. Der Ausstellungsraum wurde mit der Spinnerei in den 1990er-Jahren geschlossen. Geblieben ist das verwitterte Denkmal  von 1968 mit der Inschrift: "Und setzet Ihr nicht das Leben ein - nie wird Euch das Leben gewonnen sein!"

Eine Gedenkstätte

Gedenkstein
Gedenkstein Bildrechte: Initiative klick/Katharina Beck

Anna Schüller hat vor sieben Jahren begonnen, in Archiven zu recherchieren und Zeitzeugen zu befragen. Ihre Initiative "klick" und die Lagerarbeitsgemeinschaft KZ Sachsenburg e.V., in der auch Angehörige ehemaliger Häftlinge organisiert sind, arbeiten daran, dass hier eine Gedenkstätte entsteht, denn die gibt es noch nicht - nichts als das DDR-Denkmal und ein Gedenkstein erinnern und erzählen von diesem historisch bedeutsamen Ort.

Die Stiftung Sächsische Gedenkstätten setzt sich jetzt auch dafür ein. Der Geschäftsführer der Stiftung, Siegfried Reiprich, bekennt sich zu einer künftigen Gedenkstätte KZ Sachsenburg, sie sei "von überregionaler, ja europäischer Bedeutung“.

Aber bis dahin war es, ist es noch immer ein langer Weg. Immerhin soll es 2018 "Pfade der Erinnerung" im Außengelände geben. Anna Schüller würde sich eine Fabriketage als Ausstellungsfläche wünschen. "Es melden sich Angehörige von Häftlingen und Wachmannschaften. Um ihre Fragen zu beantworten und auch Seminare anzubieten, braucht man Platz", sagt sie.

Die Villa, in der die Kommandanten wohnten, sieht sie als Ausstellung über eine Geschichte der Täter. "Von hier aus hatten die Kommandanten einen Blick auf den Appellplatz", so Anna Schüller. Aber die Stadt Frankenberg denkt noch darüber nach, die Villa abzureißen. Dabei ist das Gelände einmalig, so wie es noch erhalten ist. Bis eine Gedenkstätte vor Ort eingerichtet ist, haben Anna Schüller und "klick" den Ort schon mal virtuell zugänglich gemacht: https://gedenkstaette-sachsenburg.de.

(Zuerst veröffentlicht am 25.09.2017)

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: KZ Sachsenburg | 29.01.2019 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Januar 2019, 12:25 Uhr

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