"Elsa Brändström - Der Engel von Sibirien" in der MDR-Reihe zur Geschichte Mitteldeutschlands 2014
Bildrechte: MDR/Geschichte Mitteldeutschlands

Schloss Neusorge bei Mittweida Elsa Brändströms Kinderheim verfällt

Zwei Millionen deutsche Soldaten sterben im Ersten Weltkrieg. Sie hinterlassen Millionen verarmter Kriegswitwen und Kriegswaisen. Eine vaterlose Generation wächst heran. Die staatliche Hinterbliebenenfürsorge reicht nicht aus. Elsa Brändström gab das Versprechen, diesen Kindern zu helfen. Auf einem Schloss in Sachsen setzt sie das Versprechen in die Tat um.

"Elsa Brändström - Der Engel von Sibirien" in der MDR-Reihe zur Geschichte Mitteldeutschlands 2014
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Das Schloss, auf dem Elsa Brändström ihr Kinderheim einrichtete liegt Zschöppichen, einem Ortsteil von Mittweida in Sachsen. 1751 wurde es nach Plänen des Architekten Johann Christoph Knöffel erbaut. Weil der Siebenjährige Krieg ausbrach und das Schloss dann auch noch kurzzeitig den Besitzer wechselte, wurde es erst Ende der 1760er Jahre fertiggebaut. Über verschiedene Verkäufe gelangte das Schloss schließlich in den Besitz der Familie von Carlowitz. Die wiederum verkaufte es an den Leizpiger Fürsorgeverband. Ursprünglich wollte der Verband ein Heim für Mädchen auf dem Schloss einrichten. Aber der erste Weltkrieg machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Erst Elsa Brändström füllte das Schloss wieder mit Leben.

Elsa Brändström tritt auf den Plan

In ihrer Zeit in den Kriegsgefangenenlagern von Sibirien versprach Elsa Brändström sterbenden Gefangenen, sich um ihre Kinder zu kümmern. Im 1923 gründete sie die Stiftung "Stiftung Arbeitssanatorien für ehemalige kriegsgefangene Deutsche". Im Januar des Jahres trat sie eine sechsmonatige Reise in die USA an. Als sie von dort zurückkehrt hat sie 100.000 Dollar in Spendengeldern gesammelt. Sie kauft in Kamenz das Haus "Bad Marienborn-Schmeckwitz" und im brandenburgischen Lychen das Gut Schreibermühle und richtet beide als Sanatorien ein. Kriegsheimkehrer sollen dort durch einfach Garten- und Feldarbeiten und mit Moor- und Schwefelbädern ihre Traumta überwinden. Auch ihr Versprechen, sich um die Kinder zu kümmern, will sie in die Tat umsetzen.

Zur selben Zeit versuchte der Leipziger Fürsorgeverband etwas aus dem Schloss zu machen. Im November 1923 fanden sich Elsa Brändström und der Verband schließlich. Gemeinsam mit einer Krankenschwester und einem Leipziger Geheimrat besichtigte Brändström Schloss Neusorge. Elsa Brändström kam allerdings wegen einer Autopanne so spät zum Besichtigungstermin, dass sie das Schloss nur noch im Dämmerlicht begutachten konnte. Der Bau gefiel ihr trotzdem, denn das Schloss entsprach ihren Vorstellungen. Brändström war wichtig, dass die Kinder viel in der Natur sein konnten. So schlossen der "Engel von Sibirien" und der Leipziger Fürsorgeverband noch am selben Tag einen Vorvertrag. Brändström konnte das Schloss für 10.000 Reichsmark im Jahr pachten.

Es war das Paradies! Essen, Kleidung, Spielzeug und ein eigenes Bett! Für Elsa waren alle Menschen gleich, deshalb kamen wir aus allen Schichten.

Ilse Westphalen, die auf Schloss Neusorge aufwuchs

Elsa Brändströms Vermächtnis droht zu verfallen

Erst 1931 gab Brändström das Haus wieder auf. Bis dahin waren fast 3.000 Kinder zur Erholung auf das Schloss gekommen, 60 Waisen lebten die ganze Zeit über dort. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Schloss von den Nazis als Motorsportschule genutzt. Nach dem Krieg war es kurzzeitig ein Flüchtlingsheim, dann ein Sportschule und wurde schließlich - bis 1993 - als Kinderheim für schwer erziehbare Kinder und Jugendliche genutzt. Seitdem steht das Schloss leer und verfällt.

Schwedens Honrarkonsulin Petra Löschke und der Mittweidaer Jörg Naumann versuchen zwar, dass Vermächtniss von Elsa Brändström zu erhalten, das Schloss aber verfällt weiter vor sich hin. 2011 wurde Schloss Neusorge für lediglich 51.000 Euro an eine Firma aus Berlin versteigert. Der neue Besitzer hat große Pläne, ein "Energievorzeigeobjekt" soll es werden, und eventuell auch ein Radiomuseum, wie die Freie Presse berichtete. Passiert ist bis heute nichts. Die Denkmalschutzauflagen seien zu streng, heißt es.

Zuletzt aktualisiert: 15. September 2015, 14:01 Uhr