Bananen waren der Renner bei der Eröffnung des ersten kombinierten HO Kaufhalle und Spar-Supermarkts in der DDR im Ort Haldensleben bei Magdeburg am 29.03.1990.
Mit der Währungsunion am 1. Juli 1990 gab es in den Kaufhallen vorwiegend Westprodukte. In der ersten kombinierten HO-Kaufhalle und Spar-Supermarkt der DDR in Haldensleben bei Magdeburg gab es sie schon ab März. Bildrechte: dpa

Schöne bunte Warenwelt Ostwaren adé

Gleich am ersten D-Mark-Tag lockte das komplette Sortiment aus dem Westen. Doch nach der ersten Kauflust machte sich Frust breit bei den Kunden im Osten: Die Preise waren überhöht und DDR-Produkte gab es kaum noch.

Bananen waren der Renner bei der Eröffnung des ersten kombinierten HO Kaufhalle und Spar-Supermarkts in der DDR im Ort Haldensleben bei Magdeburg am 29.03.1990.
Mit der Währungsunion am 1. Juli 1990 gab es in den Kaufhallen vorwiegend Westprodukte. In der ersten kombinierten HO-Kaufhalle und Spar-Supermarkt der DDR in Haldensleben bei Magdeburg gab es sie schon ab März. Bildrechte: dpa

"Wir haben viel im Betrieb darüber gesprochen, was uns denn so alles passieren könnte. Aber dass unser Eis einmal nicht mehr gegessen würde, daran haben wir überhaupt nicht gedacht", erinnert sich Margot Siedow, die seit 1970 bei "Eis-Mayer" in Leipzig beschäftigt gewesen war. Der kleine Betrieb stellte einen Leckerbissen her, der heiß begehrt war in der DDR: Eis am Stiel. Aber damit war es ab dem 1. Juli 1990 vorbei - seit es die D-Mark im Osten gab. "Da bekam ich Montag früh einen Anruf aus einer Kaufhalle, dass wir unser Eis wieder abholen sollen." Margot Siedow fuhr hin und fragte den Verkaufsstellenleiter, warum er das Eis nicht mehr haben will. "Hat der wortwörtlich gesagt: 'Wir haben 40 Jahre Ihr Eis gegessen, jetzt nehmen wir das andere.'"

Leere Regale vor der Währungsunion

"Wer einen Qualitätssprung von einem Tag auf den andern erwartet, der wird nicht enttäuscht werden", hatte ein Reporter des DDR-Fernsehens am 1. Juli 1990 in einem Bericht aus dem Magdeburger "Centrum Warenhaus" frohgemut verkündet. Dort wie überall in der Republik waren die Mitarbeiter seit Tagen damit beschäftigt gewesen, die neuen Westwaren einzusortieren. "Es wird sich schon bisschen was ändern", sagte eine Verkäuferin. Vor allem rechne sie mit mehr zufriedenen Kunden. Das hofften auch die Verkäuferinnen in den Konsum-Kaufhallen, denen ihre Chefs dringlich empfahlen, künftig freundlicher dreinzublicken als bisher. Waren aus einheimischer Produktion waren hier in den letzten Tagen fast vollständig aussortiert worden. Zu kaufen gab es fast nichts mehr, die Regale waren leer. "Wie soll man sich da auf die Einheit freuen?", fragte eine Kundin, die jeden Abend mehrere Stunden dafür brauchte, um nur die dringlichsten Einkäufe zusammen zu bekommen.

Keine Kauforgie

Preisschild Kaffee 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als am Montagmorgen Läden, Warenhäuser und Kaufhallen öffneten, lockte fast überall bereits das komplette Sortiment aus dem Westen. Doch die Kunden reagierten verhalten, der von vielen prognostizierte Kaufrausch blieb aus. So verzeichneten die Warenhäuser in der Republik zwar viele Kunden, doch teure Artikel, wie Fernseher, Waschmaschinen oder Stereoanlagen, wurden erst einmal nur in Augenschein genommen. Zu unsicher erschien vielen DDR-Bürgern die Zukunft, als dass sie ihr Westgeld gleich wieder aus der Hand geben mochten.

Überhöhte Preise, kaum DDR-Produkte

In den Kaufhallen und Geschäften herrschten allerdings Wut und Enttäuschung, eine "Welle der Empörung" verzeichnete die "Berliner Zeitung". Die Preise waren deutlich überhöht – fünf Kilo Kartoffeln, bislang für etwa 1 Ostmark im Angebot, gab es jetzt für das Fünffache, ein Brot kostete um drei Mark, während es früher nur 52 Pfennige gewesen waren und für ein Brötchen mussten ab sofort um die 30 Pfennige hingezählt werden. Sonst waren es immer nur 5 gewesen. Mitarbeiter des DDR-Handelsministeriums fanden heraus, dass in ländlichen Regionen "Waren des täglichen Bedarfs" mitunter gar doppelt so teuer waren als in den Großstädten. "Fehlender Wettbewerb wird schamlos ausgenutzt", erklärte die zuständige Ministerin Sybille Raider. Am Leipziger "Centrum Warenhaus" klebte in diesen Tagen ein Flugblatt: "Kauft nicht bei den Wucherern!"

Drohungen des Ministerpräsidenten

"Die Situation müsse schleunigst verändert werden", betonte der damalige Ministerpräsident Lothar de Maizière bei einem Besuch Berliner Kaufhallen am Montag nach der D-Mark-Einführung, bei dem er sich massiven Unmutsbekundungen von Kunden ausgesetzt sah, die die Regierung vehement aufforderten, gegen die "Wucherpreise" vorzugehen. "Natürlich sind unsere Spielräume begrenzt", wand sich der etwas ratlos wirkende Ministerpräsident, aber "man kann zum Beispiel mit Ordnungsstrafen reagieren, bis hin zur Schließung von Verkaufseinrichtungen", in besonders schwerwiegenden Fällen von Preistreiberei.

Lothar de Maiziere in Berliner Kaufhalle 2 min
Bildrechte: Aktuelle Kamera vom 11.07.1990/MDR (DRA)

DDR-Waren als ein Problem für die Abfallbeseitigung

Ordnungsstrafen gegen Kaufhallen und Ladenketten hätten den Betrieben und Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften in der DDR aber auch nichts genützt - ihre Produkte wurden mit dem Tag der D-Mark-Einführung einfach nicht mehr von den Verkaufseinrichtungen gelistet. Und dagegen hätten sie schlecht juristisch vorgehen können. Und so vernichteten Molkereien tonnenweise Butter, Milch und Joghurt, Bauern ließen das Obst an den Bäumen vergammeln, pflügten reifes Getreide unter und Schweinezüchter töteten ihre Ferkel: "Es ist jammervoll, aber was sollen wir machen?", fragte ein verzweifelter Bauer in der Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera".

Bauern vermarkten sich selbst

Kartoffelverkauf vor dem Roten Rathaus 1 min
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In ihrer Not gingen Betriebe und Bauern in jenen Tagen dazu über, ihre Produkte selbst zu vermarkten: auf mobilen Verkaufsständen hielten sie für Schleuderpreise Obst und Gemüse, Milch und Brot, Hähnchen und Schweinshaxen feil. Folgerichtig wurde auf dem Berliner Alexanderplatz in diesen Tagen die Tradition des Wochenmarktes wieder aufgenommen - nicht als ein Spektakel, sondern als eine Art Notbeatmung für DDR-Betriebe, deren Produkte aus den Verkaufseinrichtungen verbannt worden waren. Solche Märkte entstanden bald überall in der dahinsiechenden Republik. Den Niedergang vieler Betriebe konnten sie freilich nicht verhindern.

D-Mark hat ihren Preis

Frau Siedow von der Leipziger Firma "Eis-Mayer" musste in der ersten Juli-Woche 1990 tatsächlich Hunderte Kartons Eis am Stiel aus den Kaufhallen zurückholen. "Wir haben dann alles auf eine Müllkippe gefahren. Dort wurden die Kartons abgeladen, ausgeschüttet und eingestampft." Einige Wochen später war die traditionsreiche Firma "Eis-Mayer" am Ende. "Dass niemand etwas gegen die schöne harte D-Mark haben konnte, war doch klar", resümiert die damalige DDR-Wirtschaftsministerin Christa Luft. "Aber damit waren auch Konsequenzen verbunden. Die D-Mark hatte ihren Preis..."

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR aktuell | 01.07.2015 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Mai 2018, 12:09 Uhr