36 Schriften: Vom unbändigen Willen, Zeugnis abzulegen

Es gab, wie das vergrabene "Testament" von Salmen Lewenthal unterstreicht, unter den widerständigen Häftlingen des Sonderkommandos ein immer wieder ins Auge stechendes Motiv ihres Handelns und Denkens: "Wir wollen Zeugnis ablegen, was hier passiert. Die Menschheit soll erfahren, welches monströse Verbrechen hier geschieht." Noch bevor man daran ging, konkret und mit dem letzten Mut der Verzweiflung einen Aufstand zu wagen, setzten die Gefangenen bereits alles daran, Informationen nach draußen zu schmuggeln, um so einen alliierten Angriff auf das Lager in die Wege zu leiten. Irgend etwas, was dieses Morden am Fließband stoppen kann.

Die komplette Schriftrolle, wie sie gefunden wurde in den Trümmern des Krematoriums und eins dieser schwer entzifferbaren Blätter daraus.
Eines der schwer entzifferbaren Blätter aus den gefunden Kassibern im KZ. Bildrechte: Museum in Auschwitz

Die Geschichte von Auschwitz-Birkenau als Arbeitslager im allgemeinen, und im besonderen als Vernichtungslager von Millionen von Menschen, wird - wie ich glaube - der Welt nicht gut genug überliefert werden. Einen Teil übermitteln Zivilisten. Und den Rest werden - vielleicht - diejenigen Polen erzählen, die dank eines Zufalls am Leben blieben oder die Vertreter der Lagerelite, welche die besten Plätze besetzen.

Salmen Lewenthal im November 1944 geschriebener Kassiber

Am 7. April 1944 gelingt es zwei slowakischen Häftlingen, Rudolf Vrba und Alfred Wetzler, mit Hilfe des allgemeinen Lagerwiderstands aus Birkenau fliehen. Zuvor waren ihnen durch Angehörige des Sonderkommandos detaillierte Lagepläne der Krematorien, Listen über die Anzahl der Opfer und ein Etikett einer Zyklon B-Büchse übergeben worden. Die gelungene Flucht - ist inmitten des Schauplatzes fortwährenden Mordens, dem niemand Einhalt gebietet und sich scheinbar niemand entziehen kann, ein kleiner Hoffnungsschimmer. Doch die Hoffnung auf Hilfe trügt. Zwar bombardieren die Allierten wiederholt Auschwitz umgebende Rüstungszentren, doch nie das Lager selbst oder seine Verbindungswege, auf denen die Deportationszüge eintreffen. Nichts scheint die Geschäfte der SS, ihren mörderischen Vernichtungsfeldzug zu stören. Im Gegenteil: Das Morden erreicht Mitte des Jahres 1944 selbst in Auschwitz noch einmal eine neue Dimension.

Die komplette Schriftrolle, wie sie gefunden wurde in den Trümmern des Krematoriums und eins dieser schwer entzifferbaren Blätter daraus.
Die komplette Schriftrolle, wie sie gefunden wurde in den Trümmern des Krematoriums. Bildrechte: Museum in Auschwitz

9.000 Leichen pro Tag

Im Mai 1944 beginnt die Deportation und Ermordung ungarischer Juden in Auschwitz. 440.000 Menschen werden in nur zwei Monaten vergast und verbrannt. Bis zu zwei Leichen auf einmal müssen die Häftlinge des Sonderkommandos nun in die Öfen stopfen. Und trotzdem werden die Leichenberge nicht kleiner. Als die SS dazu übergeht, die überzähligen toten Körper in offenen Gruben zu verbrennen, wagt ein Häftling des Sonderkommandos, mutmaßlich der griechische Jude Alberto Errera, dies aus einem Versteck heraus mit einer bei den Opfern gefundenen Kamera zu fotografieren.

Gefundener Film von Alberto Errera.
Bildrechte: Alberto Errera/Sonderkommando von Auschwitz

Es sind die einzigen Fotos, die das Vernichtungswerk im Lager unmittelbar dokumentieren. Den Moment, in dem eine Gruppe Frauen nicht wissend, was ihnen bevorsteht, vor einer Gaskammer wartet. Die im Anschluss an die Vergasung vorgenommene Leichenverbrennung auf dem Lagergelände. Das Sonderkommando hat, wie sich bald herausstellt, eine der letzten Gelegenheiten genutzt, um die Praxis dieser Grubenverbrennungen zu dokumentieren.

Einen Monat später bereits befiehlt die SS die Aschegruben zu entleeren, Knochenstücke fein zu zermahlen und die gesamten Überreste in die Weichsel zu kippen. Jede Spur der hier geschehenen Verbrechen soll so schnell wie möglich beseitigt werden. Für die Häftlinge des Sonderkommandos ist damit klar: Ihr eigenes Todesurteil ist damit nur noch eine Frage von Monaten oder Wochen.  

Alberto Errera, der mutmaßliche Fotograf der Bilder aus der unmittelbaren Todeszone.
Alberto Errera, der mutmaßliche Fotograf der Bilder aus der unmittelbaren Todeszone. Bildrechte: Sonderkommando von Auschwitz

Die letzte Chance  

Auf wen können die jüdischen Gefangenen in dieser Situation noch setzen? Die Widerstandszelle des Sonderkommandos fordert die auch in Auschwitz vorhandene große Widerstandsleitung des Lagers auf, endlich gemeinsam einen Aufstand zu wagen. Doch die in höchster Not einen Ausweg suchenden Männer werden hingehalten. Und das, wie die Historikerin Annegret Schüle in ihrem Buch betont, weil zwischen beiden Widerstandsgruppen ein erheblicher Konflikt besteht:

In der Kampfgruppe Auschwitz war der Plan eines allgemeinen Häftlingsaufstands, wie ihn der Widerstand im Sonderkommando wollte, nicht mehrheitsfähig. Die Kampfgruppe Auschwitz wurde von nichtjüdischen Polen majorisiert, obwohl diese Gruppe seit Ankunft der jüdischen Massentransporte eine kleiner werdende Minderheit im Lagersystem Auschwitz darstellten. Als Nichtjuden hatten sie die besseren Lebensbedingungen im Lager. Das Leben von Polen aufs Spiel zu setzen, um das Leben von Juden zu retten, kam für die Nationalisten nicht in Frage.

Annegret Schüle Autorin von "Die Ofenbauer von Auschwitz"