Beate Dreffkorn Ali liebte die See – und sie nahm ihm das Leben

Alis Kindheitstraum war es, einmal auf große Fahrt zu gehen. Sein Traum ging in Erfüllung, doch für seine Familie sollte es die Hölle werden. Beate Dreffkorn erzählt die traurige Geschichte ihres Bruders.

"Ali" – Alexander Petri - liebte die Seefahrt über alles. Es war sein Kindheitstraum, einmal auf große Fahrt zu gehen. Und dieser Traum sollte sich verwirklichen, wenn auch nur für kurze Zeit. Alexander ist mein kleiner Bruder, er kann diese Geschichte nicht mehr schreiben, deshalb will ich, seine "große" Schwester, ein wenig von seinem Leben erzählen:

Ali bewarb sich bei der Handelsmarine der DDR - ein Traumjob für viele Jungs. Und er durfte "als Kader in das kapitalistische Ausland" fahren, das stand auf einer Lochkarte vom Seefahrtsamt. Für ihn war es der Himmel auf Erden, für seine Familie sollte es die Hölle werden. Ali begann seine Ausbildung auf der MS "Freyburg". Die Facharbeiterprüfung führte die Lehrlinge samt Stammbesatzung nach Kuba. Das Schiff wurde von einem Filmteam begleitet, das den DDR-Doku-Film "Auf großer Fahrt" drehte.

Andenken aus aller Welt im Gepäck

Ali war so begeistert von der Seefahrt. Und er hat so viel von der Welt gesehen - all das, was wir damals nicht sehen konnten. Viele Länder bereiste er und genau so viele Geschichten erlebte er und erzählte sie uns. Es war immer eine Freude, wenn er wieder nach Hause kam in seiner schmucken Uniform. Und das Wichtigste, er kam auch immer wieder nach Hause. Und er brachte viele Andenken mit - aus jedem Land die landestypische Kopfbedeckung: einen "Reishut" aus Vietnam und einen Sombrero aus Mexiko zum Beispiel. Das sollte Kult werden. Auch nach Seesternen ist er getaucht. Das sind die besten Erinnerungen, die wir noch haben, und es ist gut, dass wir sie noch haben. Sie sind ein Stück von Ali.

Dutzende von Bildern, Dias brachte er mit. An Bord war viel los. Es wurde gemeinsam geschuftet und auch gemeinsam gefeiert. Man hielt zusammen wie Pech und Schwefel. Ja, an Bord waren die "Kumpels" auch gleich die "Familie". Diese Eindrücke gibt der Film "DDR ahoi!" eindrucksvoll wieder. Er zeigt viele Szenen der Gemeinsamkeit auf den Schiffen, unter anderem auch aus dem Film "Auf großer Fahrt".

Verhängnisvolle Fahrt nach Indien

Wegen einer Familienfeier wechselte Ali für eine Fahrt sein Schiff. Nach dieser Reise wollte er wieder auf "sein" Schiff - die "Freyburg" - gehen. Ich verabschiedete mich von ihm – er stand auf dem Balkon, ich stieg in mein Auto und im Radio lief gerade das Lied "Die Caprifischer" von Andy Borg. Eine Woche später fuhr er im Mai 1983 mit dem Schiff "Leipzig" nach Indien. Es sollte seine letzte große Fahrt werden.

Ali soll beim Baden in der Nähe eines Hafens tödlich verunglückt sein, hat man uns gesagt. Und das auf grausamste Weise. Am 30. Juni 1983 wurde er 20 Jahre jung, am 4. Juli 1983 galt er als vermisst, angeblich ertrunken. Vier Tage später wurde er "gefunden", völlig unkenntlich. Er kam nicht wieder nach Hause, er lag nie mehr auf Reede. Und das Schlimme ist, dass wir heute noch mit der Ungewissheit leben, nicht wissen, was wirklich passiert ist. Insgeheim hatten wir immer gehofft und gewünscht, vielleicht von einem Besatzungsmitglied etwas zu erfahren ...

Die Ungewissheit bleibt

Tja, die Geschichte von Ali fängt so schön an und endet so grausam. Auch das war und ist die Seefahrt. Meine Bemühungen nach der Wende, zu erfahren, was wirklich passiert ist, waren vergeblich. Weder damals noch heute bekam ich eine Information von der Gerichtsmedizin. Aber ich glaube, dieses Schicksal teilten und teilen viele Menschen mit uns. Das ist die andere Seite der Seefahrt.

Im Film "DDR ahoi" wurden sehr viele Ausschnitte aus dem Film "Auf großer Fahrt" gezeigt, Ali war ganz oft zu sehen. Das brachte mich auf die Idee, mich an die Produzenten zu wenden und bekam die Adresse des Deutschen Rundfunkarchivs Potsdam. Ganz unkonventionell und kostenlos bekam ich von dort eine DVD des DDR-Films. An dieser Stelle möchte ich mich auch im Namen meiner Familie bei allen ganz herzlich bedanken, die uns unterstützt haben. Die schnelle Hilfe und die Anteilnahme haben uns sehr bewegt.

Zuletzt aktualisiert: 19. April 2011, 11:08 Uhr