Elfriede Berneck Als Passagier bei der Handelsflotte

1972 reist die 60-jährige Elfriede Berneck an Deck der "Schwarzburg", einem Schiff der DDR-Handelsflotte, von Rostock-Warnemünde nach Kalkutta. Sie will ihre nach Indien übergesiedelte Tochter und das neu geborene Enkelkind besuchen. Lesen Sie hier Auszüge aus ihrem Reisetagebuch:

von Elfriede Berneck

Endlich an Bord

Das Schiff ist vier Jahre jung, frisch überholt, ein 18.000 Tonner. Die Kabine, die ich bewohnen werde, ist vier Schritte breit und fünf Schritte lang. Kastenbett (keine Hängematte), Couchtisch, Sessel, fest stehender Tisch, Kommode und eingebauter Schrank, Waschbecken kaltes und heißes Wasser mit zweckentsprechenden Hähnen – aufgesetztes langes Oberteil muss heruntergedrückt werden – somit kein Händewaschen bei freilaufendem Wasser möglich, darüber Kastenspiegel mit Leuchtröhre - das alles ergibt ein kleines gemütliches Hotelzimmer. Nicht zu vergessen die zwei Fenster mit Blick aufs Meer. Wenige Schritte von der Kabine entfernt ist ein grün gekacheltes Bad, das zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Verfügung steht. Da ich der einzige Passagier sein werde, sind des Morgens keine Wettläufe zu dieser Räumlichkeit zu erwarten. (Die Frau des Kapitäns nicht mitgerechnet.)

Ich liege in meinem Bett, das sehr bequem ist und überdenke die letzten Stunden mit meinen Lieben in Rostock. Ich kann und will noch nicht schlafen, die Gedanken kommen und gehen. Die Vorbereitungen zum Auslaufen treiben dem Höhepunkt zu. Draußen ist ein rastloses Treppauf, Treppab der Mannschaft, ein Rufen und Lachen.

"Meine" Mannschaft

Sie ist noch wunderbar jung, ihre Gesichter sind klar und angenehm. Der Kapitän ist ein schlanker Fünfziger, seine Stimme ist weich und leise. Ihm fehlt der "Seemannsbart", und wären nicht die blauen Augen mit dem allen Fahrensleuten eigenen Blick, könnte man ihn für einen Studienrat halten. Drei Stewardessen sind an Bord. Stewardess Nr. 1: mittelgroß, intelligent, rotblondes, natürlich gewelltes Haar, das sie kurz geschnitten trägt, kurzes Röckchen. Sie verhält sich reserviert und weiß, dass sie hübsch ist. Sie hält sich streng an die in der Schule gelernten Verhaltensweisen. Stewardess Nr. 2 ist Susi, frisch, freundlich, halblanges gewelltes Haar, Grübchen nur angedeutet, voll Leben und vielleicht ein liebeshungriges Herz. Stewardess Nr. 3 wirkt gegen ihre Kolleginnen etwas blass, die kleinen braunen Augen blicken offen.