Frieder Försterling Prominente Gäste auf der "Georg Weerth"

Karl-Eduard von Schnitzler - privat und in kurzen Hosen, so hat Frieder Försterling den Chef-Kommentator des DDR-Fernsehens im Sommer 1978 auf der "Georg Weerth" bei einer Reise nach Ekuador erlebt.

Ich hatte gerade vorfristig ausgelernt und wollte vom Kühlschiff "Ferdinand Freiligrath" absteigen, um endlich meinen Urlaub anzutreten. Die Einsatzplanung hingegen hatte andere Pläne. Wie so oft herrschte Mangel an Arbeitskräften und ich ließ mich beschwatzen, noch eine Reise dranzuhängen. Ich stieg also auf dem Schwesternschiff "Georg Weerth" auf. Beide Schiffe waren baugleich und als "Padua" und "Parma" in Schweden gebaut und später von der DSR als Alttonage (umgangssprachlich für Ankaufschiffe) erworben worden. So fiel es mir nicht schwer, mich auf dem neuen Schiff zurechtzufinden. Komisch war nur, dass die Lehrlinge mein Jahrgang waren und meinen Anweisungen Folge zu leisten hatten.

Unser Törn ging vom 29. Juni bis 16. August 1978 nach Ekuador mit Passage des Panamakanals, um Bananen zu holen - genau wie die drei Reisen zuvor auf der "Freiligrath". Nur etwas war anders, wir bekamen Passagiere. Eigentlich war dies nichts Unübliches. Doch diese Passagiere kannte damals jeder DDR-Bürger: Karl Eduard von Schnitzler und seine Gattin Marta Raffael. (Anm. d. Red. "von Schnitzler" war Chefkommentator des DDR-Fernsehens und Moderator der Fernsehsendung "Der schwarze Kanal".) Sie wurden im Wartburg vorgefahren. Ein Fahrer war übrigens unbedingt notwendig, denn Schnitzler war vollkommen kurzsichtig. Er gestand einmal bei einem Bordabend, dass er in seinem "Schwarzen Kanal" nur fett gedruckte Stichpunkte auf den Zetteln hatte, alles andere war auswendig gelernt und improvisiert. Da ich gerade Gangway-Wache hatte, musste ich ihm die Koffer tragen. Ganz ungezwungen redete er auf mich ein und amüsierte sich darüber, dass die meisten Schiffe, auf denen ich bisher gefahren war, Namen von Schriftstellern trugen.

Der Chefsteward wurde extra und ausschließlich für die beiden prominenten Gäste abgestellt und der Kapitän wurde vom Parteichef des Bezirks Rostock in die Verantwortung genommen. Für den "Alten" sicherlich unangenehmer, als wir uns das damals vorstellten, schließlich durchquerten wir US-amerikanisches Territorium. Und wirklich, die Gäste kamen auf keinen der Landgänge in Colon oder Panama-City mit. Dieser Kapitän aber war ein alter Haudegen, der auch eine Äquatortaufe erlaubte. Die gab es längst nicht mehr bei jeder Überfahrt. Mich selbst hatte es erst bei der Achten erwischt. Um abgesichert zu sein, musste jeder Taufwillige unterschreiben, dass er freiwillig am "Bordsportfest" teilnimmt.

Karl Eduard von Schnitzler meldete sich allerdings krank. Er bandagierte sogar sein Knie. Konsequenterweise wurde er als Ungetaufter für die Dauer des Spektakels in seine Kabine eingeschlossen. Dabei hatte er unbedingt Fotos schießen wollen, denn seine Frau war - im Gegensatz zu ihm - ganz wild darauf diese Erfahrung zu machen. Für die Taufe bekam sie ein spezielles Amulett umgehängt, einen halben Saukopfknochen, der schon drei Wochen auf dem Windenhaus extra für diesen Zweck in der Sonne gelegen hatte und echt übel roch. Alle Täuflinge mussten niederknien und durften nicht aufsehen, als Neptun an Bord kam. Frau Raffael war natürlich neugierig und hob den Kopf, worauf ich ihr mit einem Tampen (Seil) auf den Hintern klatschte. Es war wohl mehr der Schreck, ertappt worden zu sein, als der Schmerz. Trotzdem sah sie sich veranlasst, nach der Taufe beim Kapitän zu protestieren, wie auf sozialistischen Schiffen Menschen mit Peitschen misshandelt werden könnten.

Am Abend, bei der feierlichen Übergabe der Taufscheine, musste jeder Täufling noch etwas darbieten, beispielsweise einen Witz oder einen Sketch. Frau Raffael sang ein Volkslied in ihrer Muttersprache, sie war schließlich eine bekannte ungarische Sängerin. Immer noch angesäuert erklärte sie, dass sie sonst für ihre Auftritte bezahlt würde. Bis zum Reiseende hatte sie sich aber wieder beruhigt und ich konnte ihr klarmachen, dass man einen Taufschein eben nicht fürs Rätselraten oder beim Würfeln bekommt.