Steffen und Volker Mörbitz Brüder zur See

Steffen und Volker Mörbitz erzählen von ihren Helden

1992 machte Steffen Mörbitz eine Schiffsreise mit dem ehemaligen DSR-Schiff "MS Ronneburg" - noch mit kompletter DDR-Besatzung. Endlich konnte er all das erfahren, wovon ihm sein großer Bruder 20 Jahre lang erzählt und geschrieben hatte. Für ihn war der große Bruder "ein Held zur See" - der große Bruder schreibt im Gegenzug, warum er sich nicht als Helden sieht.

Mein Bruder Volker ist 13 Jahre älter als ich. Während ich im Kindergarten in Brandenburg an der Havel auf den DDR-Alltag vorbereitet wurde, fuhr er als Lehrling längst über die (Welt)-Meere. Meine Lebensausbildung zu Hause, im Kindergarten und in der Schule ließen mich recht zufrieden mit dem sozialistischen Teil dieses Planeten werden. Die Pioniernachmittage mit meinem Bruder und seine Dia-Vorträge und Briefe waren eher exotisch und ich war damals sehr stolz auf meinen "Helden zur See".

Als ich mit 18 Jahren, ein Jahr vor der Wende, mein Leben in der DDR so "richtig" gestalten wollte mit Armee, Studium, etc., war er mein Leuchtturm. Er zeigte mir, dass es eine Welt jenseits des Eisernen Vorhanges gibt und ich mir unbedingt alle Möglichkeiten offen halten sollte, um diese Welt einmal zu sehen. Nicht um den "Westen" zu vergöttern, sondern um zu lernen, was man am Sozialismus verbessern könnte. Ab 1989 konnte ich dann viel vom Kapitalismus lernen. Und so kam es auch, dass ich im Oktober 1992 einfach so einen One-Way-Flug auf die Kanarischen Inseln buchte. Mein Bruder hatte organisiert, dass ich auf "seinem" Schiff, auf der "Ronneburg" von Las Palmas nach Bremerhaven fahren durfte. Er war dort der Nautische Offizier, der mich zurück nach Hause fuhr.

Ich hätte ihn auf Gran Canaria nicht an das Steuer meines Mietwagens gelassen, aber auf dem Meer fühlte ich mich in seinen Händen sicher. Ebenso schön war es die Solidarität und Offenheit der DDR-Seeleute untereinander kennenzulernen. Ich durfte überall herumwuseln: im Maschinenraum, in der Messe und auf der Brücke. Ich habe die Freizeit mit allen zusammen verbracht und konnte das "Kopfkino" der letzten 20 Jahre mit eigenen Erlebnissen anreichern.

Seit vielen Jahren lebt mein Bruder in Kalifornien und ich reise sehr viel durch die Welt. Mit der Freundin durch Australien, mit dem "Deutschen Entwicklungsdienst" nach Kenia und vielleicht bald mit den "Ingenieuren ohne Grenzen" nach Bali. Diesen großen Horizont und den Blick für die globalen Zusammenhänge auf unserem Planeten habe ich von Volker gelernt.