Der Seefahrer-Bruder hat andere Helden

Da hat mein Bruder mich also zum "Helden" hochgestapelt. Viele, die - besonders in meinen Anfangsjahren - das zweifelhafte Vergnügen hatten, mit mir zur See zu fahren, würden bestätigen, dass ich zwar alles Mögliche, aber ganz bestimmt kein Held war. Im Gegenteil: Ich habe mich in meinen ersten Seefahrtsjahren oft über die Maßen dämlich angestellt und war zudem auch noch mit einem ziemlich sozialistisch verkleisterten Weltbild behaftet. Darum möchte ich lieber von zwei wirklichen Helden erzählen:

Kapitän Hagen Uloth lernte ich 1978 auf dem Tanker "Leuna I" kennen. Wir waren damals ohne jede Vorbereitung von einem Nordseeeinsatz direkt nach Afrika verchartert worden. Kapitän Uloth kam in Senegal an Bord und pendelte mit uns und der alten Dame "Leuna I" in 221 Tagen sieben Mal zwischen den nigerianischen Küstenhafen Lagos und Okrika im Nigerdelta. Das Schiff war für die Nordsee ausgerüstet. Das bedeutete, wir fuhren ohne Klimaanlage und ohne Tropenkleidung ins Nigerdelta und mit einer Proviantmenge, die immer gerade so bis zur nächsten Lieferung reichte. Damals wurden Devisen gespart und wir durften so gut wie nichts im Ausland kaufen. Stattdessen waren wir auf das angewiesen, was andere DSR-Schiffe mitbrachten. Keiner, der damals dabei war, wird diesen Einsatz in guter Erinnerung haben. Und jeder wird bestätigen, dass es Kapitän Uloth zu verdanken war, dass wir uns damals nicht völlig verlassen vorkamen.

Alle DSR-Kapitäne waren gute Fachleute, gar keine Frage. Aber auf Fähigkeiten in der Menschenführung wurde bei der Kaderauswahl in der damals halbmilitärisch organisierten DSR so gut wie nicht geachtet. Hauptsache, der Kapitän wusste, wie man ein Schiff führt und Befehle erteilt. Als Resultat wurden dann oft diejenigen Kapitän, die sich schnell durchsetzten und entsprechend rücksichtslos waren.

Nicht so Hagen Uloth. Bei ihm stand der Mensch an erster Stelle, mit jedem Problem konnte man zu ihm kommen, seine Schnapsrationen wurden brüderlich unter der Besatzung aufgeteilt und wenn uns mal wieder die Decke auf den Kopf fiel, drückte er bei den offiziell verbotenen "Verbrüderungen" mit Seeleuten anderer Länder oft beide Augen zu. Zudem machte er der Reederei in Rostock so gut Feuer unterm Hintern, wie das per Kurzwelle-Telegramm aus dem Nigerdelta heraus möglich war. Dass damals überhaupt jemandem in der Betriebsleitung bewusst war, unter welchen Bedingungen wir dort arbeiteten, hatten wir nur ihm zu verdanken. Reederei, Staat und Partei haben's ihm nie gedankt, ganz im Gegenteil.