Ein Blick in die Zeit Das Bildungssystem der DDR

Schwarz-weiß-Aufnahme von Grundschulkindern
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Schuleinführung, also der Tag, an dem ein Kind in die erste Klasse aufgenommen wurde, war in der DDR immer ein besonderes Fest. Die älteren Schüler gestalteten mit viel Liebe und Phantasie ein Programm, mit dem sie die jüngsten Schüler in der Schulgemeinschaft begrüßten. Mit viel Aufwand bereiteten die Familien die Schuleinführung als Familienfest vor. Die Schultüten wurden immer größer und inhaltsschwerer und ihre stolzen Besitzer sangen fröhlich "Juchei, ich bin ein Schulkind". War die DDR-Schule eine Bildungsoase?

Ja, die DDR war ein Bildungsland, aber nicht wegen der immer größeren Schultüten, sondern weil Bildung und Erziehung zu zentralen Anliegen der Politik gemacht wurden und als solche auch besonders intensiv vorangetrieben wurden. Schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hat die sowjetische Besatzungsmacht eine umfassende "antifaschistisch-demokratische" Bildungsreform veranlasst, alle als nationalsozialistisch belastet eingeschätzten Lehrer entlassen, die alten Unterrichtsmaterialien verboten, Ersatz durch unbelastete Neulehrer geschaffen, die neben ihrer pädagogischen Tätigkeit erst einen pädagogischen Hochschulabschluss erwarben und entweder unter diesen schweren Bedingungen in ihrem neuen Job scheiterten oder geschätzt wurden als "Lehrer der ersten Stunde", die schon vieles erlebt hatten.

Ein Bildungssystem für alle

Die Politik richtete in der DDR die Bildung, die vom Kindergarten bis zur Erwachsenenbildung reichte, nach Grundsätzen aus, die offiziell vor allem gleiche Chancen für alle schaffen sollten, unabhängig von regionaler oder sozialer Herkunft, Religion oder Abstammung. Dies wäre die Erfüllung eines jahrhundertelangen Traumes von bildungshungrigen Menschen gewesen. Das Bildungssystem sollte einheitlich sein und viele Individuen möglichst lange zusammen lernen lassen, es sollte unentgeltlich sein, staatlich, weltlich geprägt, darüber hinaus wissenschaftlich, parteilich und lebensverbunden erscheinen.

Bildungsinhalte politisch festgelegt

Die Struktur des Schulsystems in der DDR
Die Struktur des Schulsystems in der DDR Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In mehreren Reformschritten entstand das "Einheitliche sozialistische Bildungssystem". Aber was sind konkrete Ausdrucksformen von Wissenschaftlichkeit, Parteilichkeit und Lebensverbundenheit im Bildungsprozess? Und was ist eine allseitig gebildete sozialistische Persönlichkeit, die durch den derart strukturierten Bildungsprozess hervorgebracht werden sollte? Klar ausgerichtet auf die Bildung und Erziehung sozialistischer Persönlichkeiten, die bedingungslos den Werten der DDR-Staatsmacht folgen sollten, waren die Lehrpläne. Die sahen neben umfangreicher naturwissenschaftlich-technischer Bildung z.B. vor, Russisch als Pflicht-, andere Weltsprachen dagegen nur als Wahlfach zu belegen, Unterricht in der Produktion zu haben, verpflichteten seit 1978 auch zur vormilitärischen Ausbildung im Wehrunterricht. Manches schlossen sie aber auch aus, z.B. im Rahmen der Schulbildung Einblick in die Weltreligionen zu erlangen, philosophische Systeme außerhalb des Marxismus kennenzulernen. Die Geschichte wurde perspektivisch festgelegt als Geschichte der Klassenkämpfe und Literatur wurde nach sozialistischen Wertvorstellungen ausgewählt. Inhalte, die diesem Raster widersprachen, wurden aus den Lehrplänen verbannt.

Panzer zählen im Mathe-Unterricht

Lehrpläne und Schulbücher waren einheitlich für das ganze Land. Lehrbücher waren billig zu erwerben, trotzdem z.T. sehr anspruchsvoll illustriert. Nicht selten waren Schulbücher Gegenstände, die Besucher aus der BRD bei Besuchen in der DDR einkauften, um sie für ihre Kinder daheim als zusätzliche Lehrbücher zu benutzen. Fachtermini, Variablen im Mathematikunterricht, Arbeit mit Tabellen und Übersichten gehörten zum unterrichtlichen Standard ab der Grundschule. Wenn auch Mathematikaufgaben mit Panzern und physikalische Berechnungen von Geschossbahnen vielleicht mehr als gewollt vom tatsächlichen Friedenskurs der DDR erzählten und die Geschichtsbücher nicht multiperspektivisch angelegt waren, so waren sie doch Basis für eine systematische, allerdings klar erkennbar marxistisch-leninistisch determinierte, polytechnische Allgemeinbildung.

Im Visier der Stasi

Fest im Schulalltag verankert waren die Pionierorganisation und die FDJ. Der "Freundschaftspionierleiter" hatte ein eigenes Arbeitszimmer an jeder Schule und hauptamtliche FDJ-Funktionäre organisierten an Universitäten, Hoch-, Fach- und Berufsschulen das "gesellschaftliche" Leben. Wer den Grundsätzen dieser sozialistischen Massenorganisationen nicht folgen wollte oder, vielleicht aus weltanschaulichen Gründen, die Jugendweihe ablehnte, war in hohem Maße darauf angewiesen, verständnisvolle Lehrer zu finden, die mit Einfallsreichtum und Mut den "Abweichlern" Chancen auf höhere Bildung, also auf Abitur und Studienplatz, offen hielten. Vielerorts gelang das, zu allen Zeiten gab es aber auch krasse Fälle politischer Diskriminierung von Kindern und Jugendlichen durch Lehrer oder Schulbürokratie. Nicht einmal vor der Staatssicherheit waren Schulkinder in der Schule sicher.

Lebenslanges Lernen war tägliche Realität

War die DDR-Schule also doch keine Bildungsoase, sondern ein Produzent sozialistisch ausgerichteter Persönlichkeiten? Eine riesige Propagandamaschine  zur stromlinienförmigen Ausrichtung von Kinderköpfen? Dafür spricht so einiges, aber am ehesten lässt sich die Frage wahrscheinlich anhand der erzielten Ergebnisse klären:

In der DDR wurde ein vergleichsweise hohes Ausbildungsniveau von Fachkräften erreicht, die in der Lage waren, wissenschaftliche und technische Höchstleistungen zu kreieren. Vor allem Ingenieure, aber auch Ärzte aus der DDR und Krankenschwestern, die vier Jahre an einer Fachschule studiert hatten,   arbeiteten weltweit in Entwicklungsprojekten, wurden aber auch zu allen Zeiten in der BRD als Fachkräfte geschätzt und angeworben. Besonders hoch war in der DDR der Anteil an Frauen mit Hoch- und Fachschulabschlüssen. Das lebenslange Lernen war kein Schlagwort, sondern tägliche Realität, viele qualifizierten sich neben dem Beruf zum Meister, machten Abitur oder erwarben Abschlüsse im Fernstudium.

Sozialisation mit unterschiedlichen Folgen

Dem Erziehungsideal der SED entsprachen jedoch längst nicht alle von diesen Absolventen. Viele von ihnen nutzten ihre in den Schulen der DDR und ihren Elternhäusern erworbene Bildung und Erziehung auch dazu, über Alternativen zur Diktatur des Proletariats in der DDR nachzudenken, sich als Opposition zu formieren, die 1989 schließlich die friedliche Revolution zum Erfolg brachte. Das relativ hohe Bildungsniveau der Bevölkerung war auch eine Voraussetzung dafür, die gewaltigen Anforderungen des historisch einmaligen Transformationsprozesses nach der Wiedervereinigung 1990 unter zum Teil widrigen Umständen einigermaßen gut zu meistern. Die "DDR-Sozialisation" hatte eben – trotz eindeutiger Zielsetzung – ganz unterschiedliche Folgen.

Die Struktur des Schulsystems in der DDR
BmA = Berufsaufbildung mit Abitur EOS = Erweiterte Oberschule (Abitur) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Marxismus Der Marxismus ist eine politische, wissenschaftliche und ideengeschichtliche Strömung, die sowohl dem Sozialismus als auch dem Kommunismus zugerechnet wird. Als Marxisten werden seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Anhänger von Karl Marx und Friedrich Engels bezeichnet. Im weiteren Sinne ist Marxismus eine Sammelbezeichnung für die von Marx und Engels entwickelte Wirtschafts- und Gesellschaftstheorie sowie für damit verbundene philosophische und politische Ansichten.
(Quelle: wikipedia)

Zuletzt aktualisiert: 14. November 2019, 14:02 Uhr